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Amerika

Atommacht Brasilien?

Brasilien baut sein ziviles Atomprogramm aus. Die Technologie soll jedoch auch militärisch genutzt werden. So kauft Brasilien jetzt ein französisches Atom-U-Boot. Wird das Land zur Atommacht? Von Anna Kuhn-Osius

Reaktor von Angra 2 (Foto: ap)

Arbeiter im Reaktor von Angra 2 - einem brasilianischen Atomkraftwerk

Brasiliens Präsident Lula da Silva will ein umfassendes Rüstungsprogramm auflegen. So sollen innerhalb von 15 Jahren die komplette Flotte an Kampfflugzeugen erneuert und außerdem 50 französische Militärhubschrauber neu angeschafft werden. Das wohl prominenteste Vorhaben ist der Kauf und Bau von fünf U-Booten, darunter ein Atom-U-Boot - auch hier mit technischer Hilfe aus Frankreich.

Groß-Auftrag für Frankreich

Frankreichs Präsident Sarkozy und Brasiliens Präsident Lula da Silva (Foto: ap)

Gute Geschäftspartner: Frankreichs Präsident Sarkozy und Brasiliens Präsident Lula da Silva

Das Atom-U-Boot wird 6000 Tonnen schwer und 100 Meter lang sein - ein ambitioniertes Bau-Projekt. Es wird Jahre dauern, bis es fertig ist. 2021 soll es in Betrieb genommen werden. Angetrieben wird das Boot durch einen eigenen Mini-Atomreaktor - je höher darin das Uran angereichert ist, desto seltener muss das Boot nachtanken. Heißt: Das U-Boot kann länger unterwegs sein, länger tauchen.

Militärisches Interesse?

Atomanlage in Brasilien (Foto: ap)

Wird hier Uran angereichert? Die IAEO-Inspektoren musten draußen bleiben

Die Frage ist, warum Brasilien jetzt ein derartiges Rüstungsprogramm auflegt. Denn nachdem Anfang der 1980er Jahre die damalige Militär-Junta Brasiliens mit Atombombentests im Regenwald gedroht hatte, unterzeichnete die Nachfolge-Regierung 1991 den Atomwaffensperrvertrag und das Atomteststoppabkommen. So betont Brasilien heute immer wieder: Man habe zwar die technische Ausstattung, aber nicht die politische Absicht zum Bau von nuklearen Waffen.

Dennoch: Theoretisch wäre Brasilien in der Lage, Atomwaffen zu bauen. Das größte Land Lateinamerikas beherrscht den gesamten Kreislauf der atomaren Verwertung. 2006 hat Brasilien begonnen, selbst Uran anzureichern. Mehrfach waren deswegen Inspektoren der Internationalen Atomenergie Behörde (IAEO) im Land und wollten die Urananreichung überprüfen. Brasilien zeigte sich nicht sonderlich kooperativ und verweigerte den Inspektoren den Zutritt zu den Anlagen, mit dem Verweis auf Wirtschaftsspionage.

Brasiliens Verteidigungsminister Nelson Jobim hatte mehrfach erklärt, dass der Bau eines Atom-U-Boots jetzt nur ein nächster logischer Schritt sei: "Wir verfügen bereits über die Fähigkeit zum Bau von Atomreaktoren und zur kompletten Urananreicherung", sagte er.

Kampf um Öl?

Ein französisches Atom-U-Boot (Foto: ap)

Ein französisches Atom-U-Boot

Vorerst gibt es nur Mutmaßungen, wieso Brasilien ein Atom-U-Boot braucht. Experten vermuten, dass der Bau im Zusammenhang mit den erst kürzlich entdeckten, riesigen Öl-Vorkommen vor der brasilianischen Küste stehen könnte.

Denn: Die Ölfelder liegen in 3000 Metern Tiefe bis zu 350 Kilometer vor der Küste – und reichen damit in die internationalen Gewässer. Mehrere brasilianische Politiker und Wissenschaftler äußerten sich besorgt, dass andere "öldurstige" Staaten, wie zum Beispiel die USA, die Ölquellen anzapfen könnten. Immerhin sollen dort zwischen 50 und 100 Milliarden Barrel des schwarzen Goldes liegen. Ob die Atom-U-Boote allerdings tatsächlich zur Bewachung und Verteidigung der Öl-Felder gedacht sind, ist noch unklar.

Strahlendes Gold

Abbau Uran Australien (Foto: ap)

In Australien wird massenhaft Uran abgebaut

Die meisten Investitionen der brasilianischen Regierung konzentrieren sich derzeit auf Energie. Denn erstens hat Brasilien attraktive Energiequellen zu bieten: Das Land hat riesige Uranvorkommen. 310.000 Tonnen wurden bereits entdeckt, das würde für den Betrieb von 25 Atom-Kraftwerken reichen, bei einer Laufzeit von 60 Jahren. Und dabei wurde erst ein Drittel der Landesfläche überhaupt untersucht. Schätzungen zufolge könnte noch viel mehr strahlendes Gold im Boden liegen. Fest steht: Brasilien hat eine der größten Uranreserven der Welt.

Doch noch entspricht der Uranabbau nicht einer industriellen Großproduktion, wie beispielsweise in Australien oder Kanada. Das ehrgeizige Ziel des brasilianischen Präsidenten Lula da Silva ist, bis 2012 das gesamte Uran selbst zu produzieren, dass als Brennstoff in den brasilianischen Atomkraftwerken benötigt wird. Möglichst bald sollen dann so viel Uran abgebaut werden, dass der Überschuss meistbietend auf dem Weltmarkt verkauft werden kann. Durch die steigenden Preise verspricht der Handel mit der Radioaktivität ein attraktives Geschäft zu sein.

Ausbau der Atomkraft

Angra 2 (Foto: ap)

Angra 2 gilt als deutsches AKW

Zweitens benötigt das Land selbst dringend Energiequellen: Brasilien verbraucht wesentlich mehr Energie, als es selbst produzieren könnte. Aktuell hat Brasilien nur zwei laufende Atomkraftwerke - Angra 1 und Angra 2. Angra 2 gilt als "deutsches Atomkraftwerk", denn das gesamt Know-How und die Technik stammt aus Deutschland.

Der Hintergrund: Deutschland und Brasilien haben seit mehr als 30 Jahren eine Atom-Kooperation. 1975 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem Chef der brasilianischen Miltär-Regierung General Ernesto Geisel ein Nuklearabkommen unterzeichnet. Die Brasilianer wollten schnellstmöglich Atomkraftwerke haben – Deutschland freute sich, sein Know-How in Sachen Atomenergie zu verkaufen. Bis 1990 sollten in Brasilien acht Atomkraftwerke mit deutscher Technik entstehen. Übriggeblieben ist von diesen Pläne nicht viel: Nach politischen Umbrüchen, technischen Schwierigkeiten und finanziellen Engpässen ging erst im Jahr 2000 das erste "deutsche Atomkraftwerk" ans Netz - mit zehn Milliarden Dollar das teuerste Atomkraftwerk der Welt.

Atomkraftwerk als Bau-Ruine

Der Bau eines dritten Reaktors, Angra 3, wurde bereits vor 20 Jahren angefangen - dann wurde das Projekt aus Eis gelegt, das Kraftwerk verfiel zur Bau-Ruine. Jetzt hat die Regierung Lula da Silvas Milliarden in die Hand genommen, um das Kraftwerk doch noch fertig zu bauen: Mehr als 3,5 Milliarden Dollar soll es kosten, bis Angra 3 - wenn alles gut geht - 2012 endlich an Netz gehen kann. Kritiker sprechen von einer "Plünderung öffentlicher Kassen". Doch Lula da Silva argumentiert: Atomkraft sei saubere Energieerzeugung, und sonst könnte es in Brasilien zu Energie-Engpässen kommen.

Kontrollzentrum (Foto: ap)

Das Kontrollzentrum von Angra 2 - einem deutschen AKW

Das Problem ist auch in Brasilien die Endlagerfrage. Lula da Silva will den Atommüll in Stahlkapseln lagern und ihn dort bis zu 500 Jahre lassen. Der radioaktive Müll aus Angra 1 und 2 lagert zurzeit unter Wasser.

Brasilien setzt auch zukünftig auf nukleare Kooperationen mit Frankreich und Deutschland. Das deutsche Nuklearabkommen mit Brasilien besteht noch immer - trotz des geplanten deutschen Atomausstiegs. 18 Umweltorganisationen haben Deutschland seit 2004 vergeblich aufgefordert, das Nuklearabkommen zu kündigen. Denn Großkonzerne wie Siemens hoffen, vom wachsenden Energiebedarf Brasiliens auch in Zukunft zu profitieren.

Autorin: Anna Kuhn-Osius

Redaktion: Anne Herrberg

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