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Politik

Atommüll-Transport erreicht sein Ziel

Nach 92 Stunden hat der Castor-Transport mit 123 Tonnen Atommüll das Zwischenlager Gorleben erreicht. Mit spektakulären Aktionen hatten Kernkraftgegner den Transport auf Schiene und Straße immer wieder verzögert.

Castor-Behälter auf Tieflader (Foto: dapd)

Der Atommüll-Transport auf seiner letzten Etappe

Mit einer Gesamtdauer von fast vier Tagen war der zwölfte Atommüll-Transport in Deutschland der bisher längste seit Beginn der Transporte 1995 - und wohl auch der teuerste. Der Castor-Zug mit dem Atommüll war am Freitagnachmittag in Nordfrankreich gestartet. Der Müll war in der Anlage La Hague bei der Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente aus deutschen Meilern angefallen.

Noch nie war der Widerstand gegen den Castor so heftig wie in diesem Jahr. Demonstranten reisten aus ganz Deutschland an. Sie campierten teilweise tagelang auf der Straße oder übernachteten auf den Gleisen, um den Zug aufzuhalten. Die Polizei wurde durch die zahlreichen Schienen- und Straßenblockaden immer wieder vor eine Geduldsprobe gestellt.

Atomkraftgegner blockieren in Gorleben die Zufahrtsstraße (Foto: dapd)

Atomkraftgegner blockieren in Gorleben die Zufahrtsstraße

Letzte Etappe dauert nur eine Stunde

Vor dem Ziel, dem Atommüll-Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben, wurde Dienstagfrüh (09.11.2010) die letzte Sitzblockade mit mehreren tausend Demonstranten geräumt. Sie hatten seit Sonntag 45 Stunden lang auf der Straße ausgeharrt und zwei Nächte bei Minusgraden verbracht.

Kurz darauf setzte sich dann im Verladebahnhof Dannenberg der Tieflader-Konvoi mit seiner brisanten Fracht in Marsch. Für die letzten 20 Kilometer nach Gorleben brauchte der Konvoi gut eine Stunde. Der Zug mit den elf Spezialbehältern war am Montagvormittag in Dannenberg eingetroffen. Die Behälter wurden dann bis zum Abend auf die Lkw umgeladen.

Greenpeace sorgt noch einmal für Verzögerung

Mit einer spektakulären Aktion hatten am Montagabend mehrere Greenpeace-Mitarbeiter in Dannenberg die Abfahrt der Tieflader mehr als zwölf Stunden lang verzögert. Sie hatten ihren als Bierlastwagen getarnten Lkw vor der Ausfahrt des Bahnhofs abgestellt und sich am Lastwagen und am Boden mit Beton fixiert. Die Polizei musste Bohrhämmer und schweres Spezialwerkzeug einsetzen, um sie loszubekommen.

Der Greenpeace-Lkw, an dem sich die Aktivisten mit Beton fixierten (Foto: dapd)

Der Greenpeace-Lkw, an dem sich die Aktivisten mit Beton fixierten

In Gorleben selbst stellten Atomkraftgegner der "Bäuerlichen Notgemeinschaft" am Montagabend eine 1,50 Meter hohe Betonpyramide auf der Transportstrecke ab. Dieses Hindernis beseitigten die Einsatzkräfte allerdings schon nach wenigen Stunden.

Polizei gibt Bundesregierung eine Mitschuld

Nach Angaben der Deutschen Polizeigewerkschaft schützten bis zu 20.000 Beamte den Transport. Bei Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Sicherheitskräften wurden nach Berichten der Kampagne "Castor Schottern" fast 1000 Menschen verletzt, die meisten davon durch Reizgas. Nach Angaben der Polizeieinsatzleitung erlitten 131 Polizisten Verletzungen, davon 78 durch Castor-Gegner.

Archivfoto vom Chef der Gewerkschaft der Polizei, Freiberg (Foto: dpa)

Konrad Freiberg sieht die Regierung in der Verantwortung

Die Vorsitzenden der Gewerkschaften der Polizei, Rainer Wendt und Konrad Freiberg, machten die Bundesregierung mitverantwortlich für die Heftigkeit der Proteste. "Wer den Grundkonsens in der Atompolitik aufgibt, muss damit rechnen, das dies in der Gesellschaft zu Konflikten führt", betonte Freiberg.

"Sternstunde des Widerstands"

Nach der Ankunft der Castoren zeigten sich Atomkraftgegner wie –befürworter zufrieden. Bürgerinitiativen und Kampagnen im Wendland sprachen von einer Sternstunde des Widerstands. Der Sprecher der Initiative "Ausgestrahlt", Jochen Stay, erklärte, die Ereignisse brächten der Anti-Atom-Bewegung "noch mal mehr Schwung". Der niedersächsische Innenminister Uwe Schönemann sagte, der Einsatz habe die Polizei zwar "stark gefordert", sei aber erfolgreich verlaufen. Der CDU-Politiker lobte die "insgesamt friedliche Stimmung". Er machte zugleich deutlich, dass das Land Niedersachsen nicht allein auf den Einsatz-Kosten in Höhe von 25 Millionen Euro sitzen bleiben will.

SPD, Grüne, Linke und Umweltgruppen forderten die Regierungskoalition zur Umkehr in der Atompolitik auf. SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach von einer neuen Qualität des Widerstands und erklärte die kommende Bundestagswahl zur "Entscheidung über Atomkraft". Die Grünen werteten die Proteste gegen den Transport als Niederlage für Kanzlerin Angela Merkel. Führende Unionspolitiker erklärten, sie sähen kaum noch Schnittmengen mit den erstarkten Grünen und warfen diesen vor, in die Protestbewegung der siebziger Jahre zurückzufallen.

Abkommen mit Russland über Atomtransport

Nach Angaben der Bundesregierung ist für 2011 noch einer weiterer, letzter Castor-Transport aus Frankreich vorgesehen. Danach werde das einst nach La Hague gebrachte Atommaterial vollständig wieder in Deutschland sein. Für neue Unruhe sorgt jedoch ein Bericht, wonach die Bundesregierung unabhängig von den Transporten nach Gorleben drei Castor-Transporte mit Atommüll nach Russland schicken will. Das entsprechende Abkommen sei unterschriftsreif, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf Regierungsmitarbeiter.

Demnach sollen die 961 Brennstäbe aus dem einstigen DDR-Forschungszentrum Dresden-Rossendorf in 18 Castoren zum Atomkomplex Majak im Südural gebracht werden. Seit 2005 lagert der hochradioaktive Müll im Zwischenlager Ahaus in Nordrhein-Westfalen. Die Forschungsanlage Rossendorf war seinerzeit von der Sowjetunion mit Brennelementen beliefert worden.

Grundlage des Transports ist dem Bericht zufolge ein Abkommen zwischen Russland und den USA. Dieses regelt die Rückführung von Brennelementen aus Forschungsreaktoren, die von der damaligen Sowjetunion bestückt worden waren. Die Umweltschützer reagierten prompt: Ein Vertreter der Initiative "Sofortiger Atomausstieg" rief in Münster umgehend zu neuen Protesten gegen derartige Atommülltransporte auf.

Autorin: Susanne Eickenfonder/Reinhard Kleber (mit dpa, dapd, afp, rtr)
Redaktion: Martin Schrader/Anna Sigrist

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