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Wissen & Umwelt

Atomkraftwerke: Abreißen oder stehen lassen?

30 Jahre nach Tschernobyl steckt Deutschland mitten im Atomausstieg. Die Industrie will stillgelegte AKW komplett zurückbauen. Doch Atomkraft-Gegner mahnen: Es sei sicherer, die Kraftwerke vorerst stehen zu lassen.

Druckbehälter, Rohre, Wärmetauscher und "biologische Panzer" - mehr als einen Meter dicke Wände aus bleihaltigem Beton mit einer vier Zentimeter dicken Stahlummantelung zum Schutz der Arbeiter: In den deutschen Atomkraftwerken wurden tausende Tonnen an Material über die Jahre leicht bis mittelmäßig stark verstrahlt.

Die Unternehmensberatung ADL schätzt, dass der komplette Rückbau von Deutschlands 17 Atomkraftwerken rund zwei Jahrzehnte dauern und etwa 18 Milliarden Euro kosten werde - die Entsorgung der radioaktiven Abfälle nicht eingeschlossen.

Das lege daran, dass der Rückbau in mehreren Stufen erfolgen müsse, sagt ein Sprecher des Energieversorgers Eon, Besitzer von sieben deutschen AKW, im DW-Interview. Zunächst müssten die abgebrannten Brennelemente in ein Zwischenlager gebracht werden. Das sei erst vier bis fünf Jahre nach der Stilllegung möglich, da die Radioaktivität anderenfalls noch zu hoch sei. Der Rückbau verstrahlter Anlageteile werde etwa 10 bis 15 Jahre dauern. Nach drei weiteren Jahren könnte dann auch das Gebäude selbst abgerissen und die Sanierung des Geländes abgeschlossen sein.

Atomendlager Schacht Konrad Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Schacht Konrad soll Endlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle werden

Schacht Konrad, eine stillgelegte Eisenerz-Mine in der Nähe von Salzgitter, wird als mögliches Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle gehandelt. Darunter fällt fast sämtliches verstrahltes Material, das beim Rückbau anfällt - außer den Brennstäben selbst. Die alte Mine wurde ausgewählt, weil es darin sehr trocken ist: Das reduziert das Risiko, dass radioaktives Material ins Grundwasser gelangt. Sind bestimmte Grenzwerte unterschritten, sollen Materialien aus den AKW sogar auf Hausmülldeponien gelagert oder wiederverwertet werden.

Alternative: Abriss erst nach 30 Jahren

Jörg Schmid und Henrik Paulitz von der Organisation "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs" (IPPNW) sehen den geplanten Rückbau mit Sorge: Atomkraftwerke zurückzubauen sei teuer und berge erhebliche Gesundheitsrisiken, heißt es in einem von ihnen verfassten Bericht. Sie schlagen vor, stark radioaktive Abfälle so schnell wie möglich aus den Kraftwerken zu entfernen, die weniger stark belasteten Gebäude und Materialien aber an Ort und Stelle zu belassen.

Beim Konzept des sicheren Einschlusses mit anschließendem Rückbau wird der gesamte radioaktive Kontrollbereich des Atomkraftwerks für rund 30 Jahre eingeschlossen, damit große Teile der verbliebenen Radioaktivität abklingen können. Der Abriss soll bei diesem Konzept dann im Anschluss erfolgen.

Atomkraftwerk Unterweser Foto: Focke Strangmann/dapd

Versiegeln und 30 Jahre stehen lassen, fordern IPPNW-Vertreter

"Es ist unsinnig und fahrlässig, Baumaterialien zu dekontaminieren und die kontaminierten Abwässer in die Flüsse abzuleiten, statt die leicht verstrahlten Materialien vor Ort zu belassen und zu versiegeln", heißt es in dem Bericht. Diese Option hätten Politik und Energiewirtschaft bislang jedoch nicht ernsthaft in Betracht gezogen, klagen die Autoren.

AKW-Betreiber Eon glaubt nicht, dass ein Einschluss sicherer wäre als ein Rückbau. Zudem würde der IPPNW-Vorschlag bedeuten, dass 300 bis 400 Mitarbeiter ihren Job verlören, so der Konzernsprecher im DW-Gespräch.

AKW-Stahl im Kinderzimmer?

"Die Atomindustrie muss die Frage beantworten, ob der Rückbau der Kraftwerke eine notwendige Maßnahme ist oder bloß eine neue milliardenschwere Industrie", kontert IRRNW-Mann Paulitz. Dutzende AKW gingen in den kommenden Jahrzehnten weltweit vom Netz - die deutschen Firmen hofften daher, aufgrund ihrer Erfahrung in Deutschland Aufträge für weitere Rückbauarbeiten zu ergattern.

Atomkraftwerk Lubmin wird rückgebaut Foto: Stefan Sauer dpa/lmv

Im Atomkraftwerk Lubmin bei Greifswald ist der Rückbau bereits im vollen Gange

Paulitz und seine Kollegen fürchten vor allem gesundheitliche Risiken: Bis zu 99 Prozent des gesamten Materials, das bei einem AKW-Rückfall anfalle, unterschreite die Grenzwerte, um als schwach radioaktiver Atommüll zu gelten, sagt IPPNW-Mediziner Schmid. Eon spricht auf seiner Website von 98 Prozent. Das Material strahle dennoch, und zwar über einen langen Zeitraum, sagt Schmid.

"Das Hauptproblem beim geplanten Rückbau ist unserer Meinung nach, dass ein Großteil des Materials nicht als Atommüll klassifiziert und stattdessen wie regulärer Hausmüll behandelt und möglicherweise recycelt wird", so Paulitz. Schwach radioaktiver Stahl könnte dadurch zum Beispiel im Heizkörper in einem Kinderzimmer landen. "Wir halten das für unverantwortlich."

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