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Wissen & Umwelt

Mangelnder Schutz vor Terror in Europas Atomanlagen

Es gibt schwere Sicherheitsmängel in Europas Atomkraftwerken. Vor Unfällen und Terror sind die meisten Anlagen nicht ausreichend geschützt, eine Katastrophe wie in Fukushima wäre möglich. Wo liegen die Gefahren?

Es waren nur ein paar Feuerwerkskörper, die am Donnerstag in der Früh auf dem Gelände des Kernkraftwerks in französischen Cattenom den Himmel erleuchteten. Greenpeace-Aktivisten hatten zuvor zwei Sicherheitsschleusen überwunden und das Feuerwerk in der Nähe des Abklingbeckens für Brennstäbe gezündet. Ebenso hätten dort aber auch Terroristen eindringen und eine Bombe zünden können mit verheerenden Auswirkungen für ganz Europa. 

Mit der Aktion in dem Kraftwerk an der deutschen Grenze wollte Greenpeace auf Sicherheitsmängel bei den Abklingbecken hinweisen. Nach einer Studie im Auftrag von Greenpeace sind die Wasserbehälter zur Abkühlung der gebrauchten Brennstäbe in den französischen und belgischen Reaktoren nicht ausreichend vor Angriffen oder Naturkatastrophen geschützt. Läuft das Kühlwasser aus den Becken aus oder wird es nicht mehr gekühlt, werden von den Brennstäben große Mengen Radioaktivität freigesetzt.

Gefahr seit Fukushima bekannt

Die Sicherheitskonzepte bei alten Atomreaktoren konzentrierten sich bisher auf den Reaktor. Die Abklingbecken wurden hingegen kaum betrachtet und befinden sich deshalb außerhalb der Sicherheitshülle. Bei dem Atomunfall von Fukushima wurde jedoch klar, dass die Abklingbecken mit den hochradioaktiven Brennstäben eine große Gefahr darstellen können.

In Japan drohte nach der Explosion in den Reaktoren, dass auch die direkt angrenzenden Abklingbecken trockenfallen. Wochenlang versuchten die Behörden 2011, die Becken zu stabilisieren, einen Ausfall der Wasserkühlung und dadurch eine weitere und noch verheerendere radioaktive Verseuchung zu verhindern.

Wäre die Radioaktivität der abgebrannten Brennstäbe in die Umwelt gelangt, "hätte man Menschen in einem Umkreis von 250 km langfristig evakuieren müssen - der Raum Tokio und damit 50 Mio. Menschen wären davon betroffen gewesen", sagte der damals amtierende Regierungschef Naoto Kan im DW-Interview. 

Fukushima Daiichi Atomkraftwerk (picture-alliance/dpa)

Fukushima: Kernschmelze in drei Reaktoren, vier Wasserstoff-Explosionen. Die Brennstäbe wurden zum Glück gerettet.

Brisante Studie für Atomaufsicht

Im Auftrag von Greenpeace hatten sieben unabhängige Sicherheitsexperten 58 französische und sieben belgische Atomkraftwerke untersucht und die fehlende Sicherheit bei den Abklingbecken festgestellt. Aus Sicherheitsgründen hat Greenpeace die umfangreiche Studie jedoch nicht veröffentlicht, sondern sie nur den belgischen und französischen Behörden übergeben.  

"Wir wollen das Risiko für die Bevölkerung nicht noch größer machen, als es ohnehin schon ist. Jetzt müssen die Behörden für die Sicherheit der Menschen sorgen", sagt Heinz Smital von Greenpeace. "Die untersuchten Atommeiler gefährden Menschen in ganz Europa. Der wirksamste Schritt dafür ist, Atomkraftwerke abzuschalten."

Frankreich Atomkraftwerk Cattenom Besetzung durch Greenpeace Aktivisten (picture-alliance/dpa/A. Marchi)

Sicherheitszäune überwunden und Feuerwerkskörper gezündet: Greenpeace zeigt im Atomkraftwerk Cattenom die Gefahren.

Nachrüstung zu teuer?

Wie gefährlich die Lage ist, müsste den Betreibern und Behörden eigentlich seit langem bekannt sein. Über 19 französischen Atomanlagen kreisten im Herbst 2014 unbehelligt immer wieder Drohnen. Trotz intensiver Ermittlungen wurden die Täter nicht gefasst. Greenpeace erstellte bereits 2014 eine Studie über die Gefahren, die mit terroristischen Angriffen aus der Luft verbunden sind. "Grundsätzlich passiert ist allerdings nichts", sagt Smital gegenüber der DW. 

Ein Grund für die mangelnde Nachrüstung der Anlagen gegen die Terrorgefahren könnten die hohen Kosten sein. Greenpeace beziffert eine entsprechende Terrorsicherung auf rund eine Milliarde Euro pro AKW.

Der zuständige Stromkonzern EDF, der mit hohen Schulden, sinkenden Einnahmen, alten, anfälligen und reparaturbedürftigen Reaktoren zu kämpfen hat und zudem noch die anstehenden Kosten für Rückbau von Atomkraftwerken und Endlagerung stemmen muss, plant nach eigenen Angaben zur Verbesserung der Sicherheit in allen  58 Kraftwerken lediglich eine Investition von 700 Millionen Euro bis 2023. 

Zwischenlager in Gorleben (GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH)

Wie Sicher ist der Schutz: Zwischenlager für hochradioaktivem Müll in Gorleben

Deutsche Situation besser aber nicht sicher

Im Vergleich zu Frankreich ist die Sicherheitslage von Atomanlagen in Deutschland nach Ansicht von Greenpeace und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) besser. Ein Grund sei, dass nach der Katastrophe von Fukushima die ältesten und anfälligsten Atomreaktoren abgeschaltet wurden und abgesehen von den zwei Reaktoren in Gundremmingen, die Abkühlbecken für Brennelemente in den verbleibenden sechs Reaktoren in der sichereren Reaktorhülle liegen.

Nichtsdestotrotz halten die Umweltverbände die Risiken der Atomkraft auch in Deutschland für weiterhin zu groß. "Täglich steigt die Wahrscheinlichkeit eines neuen Super-GAUs. Hochwasser- und Erdbebengefahren, Alterungserscheinungen, Sicherheitsmängel und menschliches Versagen können an allen AKW-Standorten jederzeit zu schwersten Störfällen führen", sagt Hubert Weiger, Vorsitzende des BUND.

Der BUND erstellte 2016 eine umfassenden Studie über die Sicherheit der verbleibenden Atomkraftwerke in Deutschland und nahm jetzt in einer neuen Studie auch die Sicherheit bei der Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommülls in Deutschland unter die Lupe.

Nach Ansicht der Atomsicherheitsexpertin Oda Becker sei trotz Nachrüstungen an einigen Zwischenlagergebäuden der Schutz gegen Terror ungenügend: "Eine bewaffnete und entschlossene Terrorgruppe ist nach wie vor in der Lage, in die oberirdischen Zwischenlager einzudringen", so Becker.

Auch mit Blick auf die langen Lagerzeiträume müsse eine deutliche Verbesserung des Schutzes gegen Terrorangriffe erfolgen. Becker und andere Atomexperten gehen davon aus, dass in den deutschen Zwischenlagern der Atommüll bis mindestens zum Jahr 2050 lagern muss, die gesamte Infrastruktur sei jedoch für so eine lange Lagerung nicht ausgelegt.

"Es muss Schluss sein mit einer Politik des Durchwurschtelns. Angesichts der zunehmenden Sicherheitsrisiken brauchen wir einen breiten öffentlichen Diskurs unter Beteiligung der Menschen an den Zwischenlagerstandorten", sagt Weiger. "Zu diskutieren ist, wie die Zwischenlagerung weitergehen soll, welche Nachrüstungen erforderlich sind und ob eventuell verbesserte Neubauten die alten Lager ersetzen müssen." 

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