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Europa

Atomkraft in Belgien: Abschalten und wieder hochfahren

Die belgische Atomaufsicht hält alle ihre Kraftwerke trotz wiederholter Störfälle für sicher. Doch die Zweifel mehren sich - auch die an der Unabhängigkeit der Behörde. Martin Kübler berichtet.

In den Nachbarländern macht man sich schon länger Sorgen um den Zustand der belgischen Kernkraftwerke. Diese Bedenken dürften mit dem jüngsten Vorfall noch wachsen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass Doel 3, einer der umstrittenen Reaktoren, bei einem der regelmäßigen Tests erneut abgeschaltet wurde. "Das ist das normale Verfahren, wenn es eine Auffälligkeit gibt", sagte eine Sprecherin des Betreibers Engie Electrabel.

Belgien hat sieben Kernreaktoren, der jüngste ist gut 30, der älteste mehr als 40 Jahre alt. In den letzten zwei Jahren mussten etwa zehnmal einzelne Meiler abgeschaltet werden. Grund waren verschiedene technische Probleme oder kleinere Zwischenfälle wie Feuer - allein vier waren es in diesem Jahr.

Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks hat erst diese Woche wieder die belgische Regierung aufgefordert, die Reaktoren Doel 3 bei Antwerpen und Tihange 2 bei Lüttich herunterzufahren, bis "offene Sicherheitsfragen" geklärt seien. Da wusste sie noch gar nichts von dem jüngsten Vorfall. Tihange liegt nur 70 Kilometer von Aachen entfernt.

Jean-Marc Nollet (Foto: picture-alliance/dpa/W.Dabkowski)

Grünen-Politiker Nollet: "Das ist ein ernstes Problem"

Von der Kraftwerksleitung zur Aufsicht

In einer Antwort der belgischen Atomaufsichtsbehörde, FANC, an die deutsche Ministerin hieß es, Stresstests in den beiden beanstandeten Anlagen und Beratungen mit der EU, der Kernenergiebehörde der OECD und der Internationalen Atomenergiebehörde hätten ergeben, dass die Reaktoren "internationalen Sicherheitsnormen entsprechen".

"Unsere deutschen Kollegen haben viele Fragen gestellt, aber es gab nichts Neues, womit wir uns nicht schon bei unseren Sicherheitsprüfungen von Doel 3 und Tihange 2 befasst hätten", so FANC-Direktor Jan Bens in einer Presseerklärung. "Daher sehen wir in puncto Sicherheit keinen Grund, beide Einheiten abzuschalten."

"Das ist falsch", sagt der belgische Grünen-Politiker Jean-Marc Nollet. Die Sicherheitsbedenken deutscher Experten stimmten genau mit denen eines Fachmanns überein, den die belgische Atomaufsicht und die europäischen Grünen mit dem Fall betraut hätten: "Alle drei (Vertreter) sagten, die detaillierten Untersuchungen, die man für eine Entscheidung brauche, hätten gefehlt."

Nollet wies gegenüber der Deutschen Welle darauf hin, dass Bens, der Direktor der Atomaufsichtsbehörde, von 2004 bis 2008 Chef des Kraftwerks Doel war - "ein krasser Interessenkonflikt".

In einem internen Schreiben von 2005, das der Deutschen Welle vorliegt, sagt Bens, sein Ziel sei, die Politiker und die belgische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die 1974 und 1975 in Dienst gestellten Blöcke Doel 1 und 2 in der Lage seien, "weitere 30 Jahre am Netz zu bleiben".

Nollet meint, Bens werde nun entscheiden müssen, ob er trotz der Tatsache, dass er während seiner Zeit als Leiter der Anlage selbst "für Wartung und Modernisierung zuständig war", einen Weiterbetrieb der Doel-Reaktoren erlaube. "Das ist ein ernstes Problem", so Nollet.

"Ich arbeite hier jeden Tag"

Auf Nachfrage der Deutschen Welle sagte ein Sprecher von Bens, Vertreter der Behörde wollten zu dem Thema keine Interviews geben, da sich die Arbeit der Atomaufsicht "auf Tatsachen und Zahlen gründet, nicht auf Meinungen".

Els De Clercq, Sprecherin des Kraftwerks Doel, sagte, sie sei "überzeugt", dass Bens trotz Nollets Vorwurf des Interessenkonflikts seine Rolle als Leiter der Aufsichtsbehörde "sehr ernst" nehme. Sie fügte hinzu, es sei in einem kleinen Land wie Belgien nicht ungewöhnlich, dass jemand mit Fachwissen in Nukleartechnik in verschiedenen Funktionen der Branche tätig sei.

Die FANC bestehe bei Kernkraftwerken hinsichtlich Investitionen und Prüfungen auf "sehr strengen Standards". Falls diese nicht erfüllt würden, habe die Behörde das Recht, einen Reaktor abzuschalten, was nicht in jedem Land so sei.

"Ich arbeite hier jeden Tag, mein Mann und mein Baby wohnen in der Nähe. 2000 Menschen arbeiten im Kraftwerk, und wir alle tragen eine Verantwortung für uns selbst, für die Umwelt und für die Menschen in der Nachbarschaft", so De Clercq. "Diese Kraftwerke sind sicher. Wenn wir daran die geringsten Zweifel hätten, hätten wir sie niemals wieder angefahren."

De Clercq fuhr fort: Sollten Doel 3 und Tihange 2 zum Abschalten gezwungen sein, wäre das kurzfristig nicht unbedingt ein Problem, doch in den Wintermonaten könne es zu Energieengpässen führen. Auch längerfristig sieht sie Schwierigkeiten - dann nämlich, wenn die belgischen Reaktoren in ein paar Jahren aus Altersgründen vom Netz gehen - da Nachbarländer wie Deutschland insgesamt aus der Atomkraft aussteigen, so dass für Belgien auch weniger Importstrom zur Verfügung stehen werde.

"Vorläufig, so glauben wir, werden unsere Atomkraftwerke noch eine Rolle spielen. Sie geben unserer Regierung Zeit, eine Strategie für Investitionen in erneuerbare Energien auszuarbeiten."

Der Grünen-Politiker Nollet ist nicht überzeugt: "Das könnte funktionieren, wenn die Regierung jetzt handelte. Im Augenblick arbeitet sie aber gar nicht an einem solchen Ziel. Soviel steht fest."

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