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Deutschland

Atombunker: Wo die Demokratie überleben sollte

Der Kalte Krieg in einer Betonröhre: Im Regierungsbunker Marienthal wollte sich die Regierung im Notfall vor sowjetischen Atomwaffen schützen. Heute ist das stillgelegte Berglabyrinth ein Museum, das schaudern lässt.

Rettungsgerät im Atombunker (Foto: AP)

Gerüstet für den Atomschlag - 30 Tage lang jedenfalls

Am Regierungsbunker Marienthal wurde der Kalte Krieg hörbar - vor allem im Eingangsbereich. Eingelassen in meterdicke Betonwände schoben sich zwei Mal am Tag bis zu 25 Tonnen schwere Rolltore vor die Eingänge - begleitet von ohrenbetäubendem Sirenenlärm und orangefarbenen Leuchtsignalen. Sie verschlossen eine unterirdische Bunkeranlage, die es offiziell nie gegeben hat. Von außen ist deshalb kaum etwas sichtbar: eine omnibusgroßer Betonröhre, versteckt zwischen Mischwald und Weinstöcken, auf einem lang gezogenen Bergrücken gelegen. Ein 17 Kilometer langes unterirdisches Bunkerlabyrinth versteckte sich darunter . bis zu seiner Stilllegung 1997 das Staatsgeheimnis schlechthin in Westdeutschland.

Blick auf eine Durchgangsschleuse (Foto: AP)

Riesige Tore sollten den Bunker vor atomarer Hitze schützen

Dusche für den Kanzler, Bad für den Präsidenten

30 Tage sollten hier im Falle eines Atomwaffenangriffs Bundespräsident, Bundeskanzler und der Regierungsapparat weiterarbeiten können - hermetisch abgeriegelt von einer möglicherweise radioaktiv verseuchten Umwelt. "Sinn und Zweck dieser Anlage war es natürlich, dass man nicht direkt nach einem atomaren Angriff die weiße Fahne hochziehen musste", sagt Wolfgang Müller, Zeitzeuge aus dem westdeutschen Verteidigungsministerium. Dazu gab es im unterirdischen Röhrenlabyrinth eigene Brunnen, Dieselgeneratoren zur Stromerzeugung, aufwändige Luftfilter und genügend Vorräte. Jede Maschine hatte Ersatzteile, jede Schraube war doppelt da.

Den Anstoß für den Bau des Atomschutzbunkers gab das westliche Verteidigungsbündnis NATO, dem die noch junge Bundesrepublik am 6. Mai 1955 beitrat. Ein Schutzbunker für die demokratischen Verfassungsorgane galt da als notwendige Vorraussetzung, um überhaupt aufgenommen zu werden. Nach ausgiebiger Suche erinnerte man sich an einen stillgelegten Eisenbahntunnel rund 25 Kilometer südlich der neuen Hauptstadt Bonn - man meinte, ein ideales Regierungsversteck gefunden zu haben.

Ein Blick in den rück-gebauten Tunnel (Foto: DW)

17 Kilometer lang ist das unterirdische Röhren-Labyrinth, in dem der Bunker eingebaut wurde

1962 war Baubeginn im idyllischen Ahrtal. Rund 110 Meter im Schiefergestein eingegraben entstand eine unterirdische Stadt in Schlauchform - mit Großkantinen, Operationssälen und Kommandozentralen. Selbst ein Fernsehstudio, eine Druckerei und ein Friseursalon waren vorhanden. Von hier aus sollte regiert werden - mehrere Räume waren dem Notparlament und Krisenstäben vorbehalten. Insgesamt reihten sich 897 Büro- und 936 Schlafräume wie an einer Perlenkette aneinander. Für Paul Groß, im Bunker für die Wartung der Lüftungsklappen zuständig, ein immer noch sehr lebendiges Bild: "Es gab hier überwiegend Vierbettzimmer und ein paar Dreibettzimmer", sagt der gelernte Schlossermeister, der über 30 Jahre seines Berufslebens abgeschieden vom Tageslicht verbrachte. "Nur der Kanzler und der Präsident hatten Einzelzimmer, wobei der Kanzler eine Dusche auf dem Zimmer hatte, der Präsident eine Badewanne." Von Luxus keine Spur. Nach mehrjähriger Bauzeit entstand so ein Bunker, in dem bis zu 3000 Menschen leben und arbeiten konnten.

Ein Tunnel, der die deutsche Geschichte spiegelt

Bei solchen Dimensionen fiel vor allem die Geheimhaltung schwer. Zeitweise arbeiteten vermutlich mehr als 2000 Bauarbeiter in und um den in fünf verschiedenen Abschnitten konzipierten Regierungsbunker. "Eine solche Baustelle ließ sich natürlich nicht wirklich geheim halten", erzählt Wolfgang Müller heute befreit von Verschwiegenheitspflichten. Auch 20 Meter hohe Schutzzäune um das Gelände herum halfen da nichts. "Es wusste eigentlich jeder hier im Ahrtal, was da gebaut wurde. Aber wie es hier drin tatsächlich aussah, das wussten die Allerwenigsten."

Paul Groß (Foto: DW)

Paul Groß war für mehr als 30 Jahre Techniker im Regierungsbunker

Und kaum einer, der die wechselvolle Vorgeschichte des Bauwerks kannte. Konzipiert und erbaut als Eisenbahntunnel stammte das 17,3 Kilometer lange Röhrensystem noch aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Über diesen militärischen Geheimweg sollte Waffen- und Soldatennachschub an die Grenze zum französischen Erzfeind transportiert werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet der Militärtunnel dann in Vergessenheit, bevor er für einige Jahre zu einer Zucht für Champignonpilze umfunktioniert wurde. Die Nazis machten aus dem Tunnel schließlich eine unterirdische Produktionsstätte für Raketen-Abschussrampen, in der auch Zwangsarbeiter schufteten. "Das ist mit das dunkelste Kapitel der Geschichte des Bunkers", sagt Wolfgang Müller. "Ganz in der Nähe, in Dernau entstand das Barackenlager 'Rebstock', das eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald war. Hier wurden rund 500 Menschen unter unvorstellbaren Bedingungen zur Arbeit gezwungen."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Eingänge des Tunnels durch die Alliierten gesprengt, nie wieder sollte er militärisch genutzt werden. Ein Wunsch, der gerade bis 1966 hielt. Von diesem Jahr an übte das NATO-Mitglied Deutschland hier alle zwei Jahre den atomaren Ernstfall. Dazu ließen sich 2000 Regierungsbeamte für zwei Wochen im neuen Bunker einschließen. Ab 1977 gehörte auch Wolfgang Müller dazu. "Die hochrangigen Politiker wurden alle gedoubelt durch hochrangige Beamte, zum Beispiel Staatssekretäre." Nie betrat ein amtierender Kanzler oder Bundespräsident das unterirdische Staatsgeheimnis. In der Simulation wurde der Verteidigungsfall stets vom "Übungs-Bundeskanzler" ausgerufen. Ein Spiel - und dennoch gab es ein peinlich genaues Übungs-Drehbuch.

Schutz hätte er wohl nie geboten

In einem sündhaft teuren Bunker, der nach heutigen Erkenntnissen wertlos gewesen wäre. Nicht zuletzt, weil die atomare Sprengkraft von Atomwaffen schon bald größer war als die der 13-Kilotonnen-Bombe von Hiroshima, für die der Bunker konzipiert wurde. Mit dem Ende des Kalten Krieges stellt sich dann für den Bunker die Existenzfrage. Ende 1997 wird entschieden, die "Dienststelle Marienthal" zu schließen. Längst ist der Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin beschlossene Sache. Ab 2001 rückten die Bagger an. Das Innenleben wird Stück für Stück abgetragen, eine kilometerlange nackte Betonröhre bleibt zurück. "Was man über Jahre lang gehegt und gepflegt hat", kommentiert Paul Groß dieses letzte Kapitel des Bunkers, "als das alles platt- und niedergemacht wurde, war das noch mal ein Stich ins Herz."

Kanzler-Schlafzimmer (Foto: DW)

Das Kanzler-Schlafzimmer

Übrig geblieben sind heute noch ganze 200 Meter des Bunker-Innenlebens - als Dokumentationsstätte des Kalten Krieges. Daran schließt sich die heute wieder nackte Betonröhre an, in der sich, schummrig beleuchtet, der Blick im Endlosen verliert am Ende eines Ausflugs in die deutsche Geschichte - zwischen Schauder und Faszination.

Autor: Richard Fuchs

Redaktion: Jochen Vock