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Wissen & Umwelt

Atomausstieg beschleunigt Energiewende

Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit die Energiewende in Deutschland. Acht Atomreaktoren wurden stillgelegt, neun AKWs sollen bis 2022 folgen. Das erste Jahr offenbart noch viele Hürden.

Solarsiedlung von Rolf Disch in Freiburg copyright: Rolf Disch Solararchitektur für die DW unbegrenzt rechtefrei. ***Das Pressebild darf nur in Zusammenhang mit einer Berichterstattung über Solarsiedlung von Rolf Disch in Freiburg verwendet werden***

Solarsiedlung von Rolf Disch in Freiburg

Unmittelbar nach der Atomkatastrophe von Fukushima änderte die konservative Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Einstellung zur Atomenergie. Merkel erklärte, die Atomkatastrophe habe gezeigt, dass selbst ein Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht beherrschen könne. Aus diesem Grund leitete die ehemalige Atomkraft-Befürworterin mit Unterstützung von großen Teilen der Opposition den Atomausstieg ein und rief eine Energiewende aus.

Umstrittener Ausstieg

Für die einen ist Deutschland ein Vorbild für ein neues Energiezeitalter, die anderen sehen die Kehrwende kritisch. Bezweifelt wird, dass das energieintensive Industrieland die Kehrtwende überhaupt so schnell vollziehen kann. Denn Deutschland bezog bis 2010 etwa ein Fünftel seines Stroms aus Kernkraft.

Die großen vier Energiekonzerne in Deutschland warnten vor einer gefährlichen Stromknappheit und der Notwendigkeit, zukünftig Strom aus dem Ausland zu importieren. Die Stromkonzerne in den benachbarten Ländern, freuten sich bereits auf ein gutes Geschäft und hegten Pläne für einen möglichen Stromexport. Doch schon ein Jahr später stellen viele erstaunt fest, dass Deutschland trotz des Atomausstiegs weiterhin Strom exportiert. Einige Energiekonzerne im In- und Ausland stellten bereits angedachte Kraftwerksneubauten ein.

Boom von Wind- und Sonnenkraft hilft beim Ausstieg

Die Atomkatastrophe und die Wende der konservativen Regierung war in Deutschland ein politisch wichtiges Signal. Die Ausgangsbedingungen dafür waren gut, weil bereits zehn Jahre zuvor die rot-grüne Vorgängerregierung eine erste Energiewende angestoßen hatte: Windräder, Biogasanlagen und Solaranlagen waren seitdem neu aufgestellt worden - dadurch hatten Anlagen- und Netzbetreiber aber auch Entwickler und Ingenieure schon wichtige Erfahrungen gesammelt. Auch der gesetzliche Rahmen zum Ausbau der Erneuerbaren Energien durch festgesetzte Abnahmepreise war bereits etabliert.

Mitte 2012 hatten die Erneuerbaren Energien bereits einen Anteil von rund 22 Prozent an der deutschen Stromversorgung, rund vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Den meisten umweltfreundlichen Strom liefert in Deutschland die Windkraft mit etwa zehn Prozent, gefolgt von Biogaskraftwerken mit sechs Prozent. Auch viele neue Solaranlagen kamen dazu und liefern mit fünf Prozent inzwischen schon mehr Strom als die Wasserkraft.

Der Anteil der Kernenergie am deutschen Strommix sank durch die Abschaltung der ersten acht Reaktoren von 22 auf unter 15 Prozent.

Bürger treiben Energiewende voran, Stromkonzerne verlieren

Das Bild 10.8.2010 zeigt das Schuldach der Energiegenossenschaft Johannes Mayer links Bernhard Bok, beides Gründer der Genossenschaft. Fotos aus dem Jahr 2011. Die Fotos stammen von Bernward Janzing. Dieser stellt sie der DW unbegrenzt zur Verfügung.

Profit für Umwelt und Bürger: Diese Solaranlage in Horb wurde von vielen Bürgern finanziert.

Getragen wird die deutsche Energiewende vor allem von Bürgern, Landwirten und kommunalen Stadtwerken. Sie investierten in die Solar-, Wind-, und Biogasanlagen oder in energiesparende Blockheizkraftwerke. Die vier großen Energieversorger, die in Deutschland vor allem auf Atomkraft- und Kohlekraftwerke setzten, trugen zum Erfolg der Energiewende kaum bei. Ihr Anteil an der Stromerzeugung mit Erneuerbaren Energien liegt gerade mal bei 1,5 Prozent.

Gleichzeitig mussten sie schwere Verluste verbuchen: Der Wert der Unternehmen sank im letzten Jahr um mehrere Milliarden Euro. Dies lag einerseits an der vorzeitigen Stillegung von Atomkraftwerken, andererseits aber auch an der zunehmenden Konkurrenz der Erneuerbaren Energien.

Das Gesetz sieht nämlich vor, dass Erneuerbare Energien vorrangig ins Netz eingespeist werden müssen. Dadurch stehen auch die Kohlekraftwerke immer öfter still und machen weniger Profit. Bei viel Sonne und Wind decken die Erneuerbaren Energien an manchen Tagen schon heute den kompletten Strombedarf in Deutschland, und die Kapazitäten wachsen stetig weiter. Für die Umwelt und das Klima ist die Energiewende gut, für die Stromkonzerne ist sie ein schlechtes Geschäft.

Machtkampf um Schnelligkeit der Energiewende

Den ersten Härtetest im stromintensiven, kalten Winter hat Deutschland bestanden, zu einer befürchteten Stromabschaltung kam es nicht. Gerade auch durch den rasanten Ausbau mit Solarenergie wurde eine kritische Situation ohne große Probleme gemeistert.

Während die eingeleitete Energiewende zum Erstaunen von Skeptikern auch technisch funktioniert, gibt es hinter den Kulissen einen Machtkampf in der deutschen Energiewirtschaft und Politik. Die großen Energieunternehmen wollen zwar in Zukunft auch mehr in die Erneuerbaren Energien investieren, doch die boomende solare Stromerzeugung in Bürgerhand macht den Konzernen Sorge, ihnen geht der Ausbau zu schnell.

Mit neuen Gesetzen versucht die Regierung den Boom der Sonnenenergie nun zu bremsen. Sie begründet dies mit zu hohen Kosten für die Verbraucher. Eine Studie des Prognos-Instituts belegt jedoch, dass die Strompreise durch eine weiteren Ausbau nur marginal steigen würden. Die Mehrheit der Deutschen zeigt sich in diesem Punkt nicht besorgt. Nach einer repräsentativen Befragung des Emnid-Instituts wünscht sich die Bevölkerung ein stärkeres politisches Engagement für den Ausbau der Solarenergie.

Intelligentes Stromnetz DW-Grafik: Olof Pock

Eine Stromversorgung mit "Erneuerbaren Energien" ist zu 100 Prozent möglich. Allerdings muss das Energiesystem dafür umgebaut werden. Energiespeicher, eine intelligente Steuerung und der Netzausbau sind nötig.

"Vorreiterposition sollte Deutschland nicht verspielen"

Kritik an der deutschen Regierung gibt es inzwischen von vielen Seiten. Sogar der von Bundeskanzlerin Merkel einberufene Leiter der Ethikkommission, Klaus Töpfer, der die Regierung nach Fukushima zur Energiewende beriet und Chef des UN-Umweltprogramms war, zeigt sich unzufrieden: "Ich habe die Sorge, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland die Umsetzung dilettantisch machen im Augenblick. Wir brauchen dringend ein professionelles Projektmanagement."

Enttäuscht über die Deutsche Politik äußert sich auch Professor Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer–Institut für solare Energiesysteme in Freiburg. "Insgesamt zeigt die Deutsche Regierung, dass sie bei der Energiewende kein Konzept hat und einige Regierungspolitiker diese nicht ernst nehmen", bedauerte er gegenüber der Deutschen Welle.

Der renommierte Forscher bezeichnete diese Politik als "verheerend und brandgefährlich". Das Deutsche Modell stehe im internationalen Rampenlicht und werde weltweit mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Deutschland drohe so, seine Rolle als Vorreiter für die globale Energiewende zu verspielen. Auch für die globale Energiewende, so Weber, wäre dies äußerst kontraproduktiv.

Regierungschefin Angela Merkel hat inzwischen reagiert und die Energiewende zur Chefsache gemacht. Sie ernannte ihren Vertrauten Peter Altmeier zum neuen Umweltminister. Altmeier arbeitete zuvor im Kanzleramt.

Autor: Gero Rueter
Redaktion: Fabian Schmidt