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Kultur

Atmosphäre und Stacheldraht

Die Veranstalter der Leichtathletik-EM in München möchten an die "fröhlichen Spiele" der Olympiade von 1972 anknüpfen. Doch die Erinnerung an das Attentat auf die israelische Mannschaft ist allgegenwärtig.

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1972: Die ausgebrannten Hubschrauber nach dem gescheiterten Befreiungsversuch

Für Alex Porkhomovskiy ging es am Dienstag (6. August 2002) um das olympische Prinzip, wonach dabei sein alles ist: Er beendete den Vorlauf über die 100 Meter als Letzter. Und trotzdem war der kurze Auftritt des Sprinters etwas ganz besonderes - er sollte der erste Israeli sein, der nach dem Anschlag auf die israelischen Sportler während der olympischen Spiele 1972 wieder im Münchner Olympia-Stadion an einem Wettkampf teilnahm.

Eine Rückkehr nach 30 Jahren

Esther Roth war Mitglied des israelischen Olympia-Teams von 1972. Sie hatte das Halbfinale des 100 Meter Hürden-Wettbewerbs erreicht. Einen Tag später, am 5. September, kamen elf ihrer Mannschaftskameraden bei der Geiselnahme durch palästinensische Terroristen und dem missglückten Befreiungsversuch ums Leben. Ihr langjähriger Trainer war eines der Opfer. Roth hat sich entschlossen nun noch einmal nach München zu kommen. Schon vor fünf Jahren hatte sie hier an Gedenkfeierlichkeiten teilgenommen, im Stadion war sie damals nicht. Diesmal geht sie hin. Es bedeutet ihr sehr viel: "Viele Emotionen kommen hoch", sagt die 50-jährige. "Ich kann mich noch an alles genau erinnern. Es war meine erste Olympiade, alles war so schön, wir waren so glücklich. Und dann passierte diese Sache."

Keine Extrabehandlung

Olympisches Dorf, Connoly Straße 31. Wo 1972 das Drama um die israelischen Sportler begann, ist heute ein Gästehaus der Max-Planck-Gesellschaft untergebracht. Die Gedenktafel für das Attentat wurde gerade wegen Bauarbeiten kurzzeitig entfernt. Die etwa 2000 Athleten der EM wohnen heute einige hundert Meter vom damaligen Tatort entfernt, im ehemaligen Frauendorf der Olympischen Spiele von 1972. Studentendorf heißt die Siedlung heute und die Studenten mussten ihre Buden für die Sportler räumen. Sie haben es gern getan, wie man hört. Auch die 40-köpfige israelische Mannschaft hat dort Quartier bezogen und nicht in einem ursprünglich für sie reservierten Münchner Hotel - nicht unbedingt zur reinen Freude der Veranstalter. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden daraufhin nochmals verstärkt. "Sie wollten keine Extrabehandlung", sagt Helmut Digel, der Präsident des Organisationskomitees der EM.

Auf olympischem Niveau

Das Studentendorf biete "eine besondere Atmosphäre des Zusammenlebens, eine olympische Atmosphäre", meint Digel weiter. Eine Atmosphäre, die durch den Stacheldraht und die vielen Polizisten nicht beeinträchtigt werden soll. Immerhin mit sieben Prozent der EM-Gesamtkosten schlagen die Sicherheitsvorkehrungen zu Buche. Man glaubt an alles gedacht zu haben: Unter anderem wurden die Anrainer per Anschreiben aufgefordert, die Kennzeichen ihrer Autos mitzuteilen. In sicherheitssensiblen Bereichen will die Polizei keine fremden Fahrzeuge, "von denen wir nicht wissen, was sie im Kofferraum spazieren fahren", wie ein Sprecher mitteilte. Die Sicherheit sei auf olympischem Niveau, wird allseits erklärt. Und auf olympischem Niveau müssen Athletenwohnungen anscheinend Festungen ähneln.

Esther Roth möchte bis Sonntag in München bleiben. An diesem Tag wird eine Gedenkveranstaltung mit dem israelischen Team stattfinden. Für Roth ist die Teilnahme ein persönliches Bedürfnis. Für Jack Cohen, den Teamchef der israelischen Mannschaft, kommt noch der politische Aspekt hinzu: „Unser Auftreten hier zeigt, dass der Terrorismus nicht siegen kann.“

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