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Sport

Atlanta 1996 - die "Coca Cola-Spiele"?

100 Jahre nach der Wiedergeburt Olympias galt Athen wieder als Favorit für 1996. Doch das IOC traf eine Wahl, die einen faden Beigeschmack zu haben schien. Lutz Kulling über braune Brause - und was davon übrig blieb.

Boxlegende Muhammed Ali entzündete 1996 in Atlanta das olympische Feuer. (AP Photo/Gregory Smith)

Boxlegende Muhammed Ali entzündete 1996 in Atlanta das olympische Feuer.

„The International Olympic Committee has awarded the 1996 Olympic Games to the City of ....Atlanta!“ Grenzenloser Jubel brandete auf in der US-amerikanischen Delegation, als IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch im September 1990 die Entscheidung verkündete.

Lähmendes Entsetzen dagegen in Athen, wo knapp 100 Jahre zuvor die Wiege für die Olympischen Spiele der Neuzeit stand. Dort hatten sich Regierung und Bevölkerung wieder als logischer Gastgeber gewähnt. „Ich habe bei der Bekanntgabe in Athen auf dem Syntagma-Platz gestanden, vor einer großen Leinwand“, erinnert sich der Kölner Sporthistoriker Manfred Lämmer. „Es herrschte natürlich eine Riesenenttäuschung und betretenes Schweigen!“

Dem allerdings nicht nur in Griechenland schnell ein Aufschrei der Empörung folgte: Wurde hier einem Getränke-Multi aus Atlanta und langjährigem Hauptsponsoren des IOC etwa ein unlauteres Dankeschön serviert? Das böse Wort von den „Coca Cola-Spielen“ machte jedenfalls die Runde – doch bei der Vergabe ging es offenbar sachgerecht zu.


Moralischer Anspruch oder Marktstrategie?

„Die Bewerbung der Griechen für 1996 war schlicht unzureichend, und das wusste jeder im IOC“, erklärt Manfred Lämmer. „Und zu einem moralischen Anspruch Athens auf die Spiele hat sich die Mehrheit einfach nicht durchringen können.“

Logo des Getränkeherstellers Coca Cola

Der Institutsleiter an der Deutschen Sporthochschule in Köln verweist auch darauf, dass Coca Cola vermutlich mehr Engagement gezeigt habe, die Spiele nach Peking zu holen als damals nach Atlanta. Zumal einen Weltkonzern die Eroberung neuer Märkte wohl eher reizen dürfte als ein sattsam bekanntes „Heimspiel“.

Aber Querelen um Kommerz oder vermeintliche Kumpanei traten in den Hintergrund, als sechs Jahre später im US-Bundesstaat Georgia die Eröffnungsfeier begann. Dort richteten sich alle Augen auf die Rückkehr einer Legende: Mit zitternden Händen entzündete Muhammad Ali, zu Beginn seiner Boxerkarriere noch als Cassius Clay im Ring, die Olympische Flamme. Gezeichnet von seiner schweren Parkinson-Erkrankung, rührte der einstmals „Größte“ Millionen zu Tränen - und gab den Spielen gleich ein menschliches Gesicht.


Zwischen Terror und Legenden

Doch über Atlanta schien kein wirklich guter Stern zu stehen, trotz extremer Sicherheitsvorkehrungen: Ein Bombenanschlag im Centennial Olympic Parc am 27. Juli forderte zwei Menschenleben und mehr als 100 Verletzte. Erst Jahre später gestand ein einzelner US-Bürger die Tat, aus Hass gegen Teile der Gesellschaft und die Regierung.

Der damalige Präsident Bill Clinton fand Worte, die an ein berühmtes Credo nach dem Münchener Attentat von 1972 erinnerten: „Wir können den Terror nicht siegen lassen! Die Olympiade wird fortgesetzt, die Spiele werden weitergehen, der Olympische Geist wird sich durchsetzen!“

The games must go on - so nahmen die Wettkämpfe weiter ihren Lauf und brachten auch großen Sport, vor allem durch die amerikanischen Gastgeber: Weitspringer Carl Lewis holte sein viertes Gold in Folge, Schwimmerin Amy van Dyken avancierte mit vier Siegen zur erfolgreichsten Starterin.


Großer Sport und wenig Atmosphäre

US-Sprinter Michael Johnson (hier in der 4x400-Meter-Staffel bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney (AP Photo/Doug Mills)

US-Sprinter Michael Johnson

Und nach seinem Triumph über die Stadionrunde stürmte der Mann mit dem Trommel-Schritt und den goldenen Schuhen über 200 Meter endgültig in die Geschichtsbücher: Bei unglaublichen 19,32 Sekunden blieben die Uhren für US-Boy Michael Johnson stehen – und ein deutscher Radio-Reporter stellte beinahe sprachlos fest: „Er hat den Weltrekord kurz und klein geschlagen!“

Momente wie diese sorgten dafür, dass hernach kaum noch einer von brauner Brause sprach. Allenfalls das Klischee von den „Plastik-Spielen“ bleibt beim Blick zurück. Denn das Flair von Austragungsorten wie Barcelona oder Sydney hat nicht nur Sporthistoriker Manfred Lämmer vermisst: „Die Spiele sind im sportlichen Bereich so sachlich abgelaufen, wie es sich für Olympia gehört. Aber die Stadt hat die Spiele nicht gefeiert, Atlanta hatte keine Atmosphäre!“