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Nahost

Assyrer berichten: "Wir rannten vor Angst"

Die Angriffe der Terrormiliz des "Islamischen Staates" haben sich bis in die Heimat der assyrischen Minderheit im Norden Syriens ausgeweitet. Eine Tragödie für die Menschen, die Entführung oder Vertreibung fürchten.

Der 42-jährige Masun hatte nicht vorausgesehen, dass ein Anruf seiner Frau seine Reisepläne ändern und ihn zwingen würde, in der Stadt Al Haska zu bleiben. Eigentlich hatte er vor, in sein Dorf südlich des Flusses Khabur zurückzukehren - eine Gegend, das zu dem Ort Tell Tamar gehört. Doch dann kam die telefonische Schreckensnachricht seiner Ehefrau: "Uns haben Angehörige des Islamischen Staates entführt. Wir halten uns in dem kleinen Dorf Umm Al Masamir auf, und jetzt stellen sie mit uns Verhöre an. Sie wollen wissen, ob jemand dabei ist, der zu den kurdischen Truppen gehört oder der in Verbindung mit ihnen steht.“

Angriff in den Morgenstunden

Masun kehrte wieder um und wartete auf Klarheit über das Schicksal seiner Frau und seiner Verwandten. Die Angehörigen von Masun sind nicht allein betroffen. Zu den IS-Opfern zählen Dutzende weiterer Personen. Die IS hatte in den Morgenstunden des 23. Februar einen Angriff auf die um den Ort Tell Tamar gelegenen christlich-assyrischen Dörfer gestartet. Die Kämpfer sind an dieser Region in Syrien interessiert, weil diese an die Gebiete im Nordosten des Landes grenzt, über die sie ohnehin schon herrschen.

Unbekanntes Schicksal

Die 50-jährige Hilana schildert gegenüber der Deutschen Welle, was geschehen ist: "Am frühen Morgen fing der Lärm der Kämpfe und der Granaten an, und die Geschosse hörten sich wie ein heftiger Regenguss an. Wir rannten vor Angst. Dann kamen Transport-Fahrzeuge, die uns in die Stadt Al Haska brachten." Die meisten Flüchtigen seien Frauen, Kinder und Greise gewesen. Die jungen Leute und die Männer hätten es vorgezogen, zu bleiben, um die Stadt und die dazu gehörenden Dörfer zu verteidigen.

Syrien, Christen auf der Flucht

Christen aus Tall Tamr treten die Flucht vor dem IS an

Die Ratlosigkeit der Frau ist ihrem Gesicht anzusehen: "Wohin werden wir gehen? Unser Schicksal ist ungewiss. Wegen unserer Furcht vor den Angehörigen des IS sind wir geflohen, weil sie die Frauen entführen, und wir haben Angst, dass wir in Gefangenschaft landen."

So war es nach dem Angriff auf die um den Ort Tell Tamar gelegenen Dörfer Tell Schamiram und Tell Hormoz bereits 90 Assyriern widerfahren. Die 24-jährige Buschra, die mit ihrem Mann in der syrischen Hauptstadt Damaskus lebt und ursprünglich aus dem Dorf Tell Hormoz stammt, hatte – als sie die Nachricht hörte – sofort im Haus ihres Vaters angerufen. Eigentlich wollte sie ihre Familie beruhigen, doch sie sollte eine schreckliche Überraschung erleben. "Es antwortete mir ein Mann in Hoch-Arabisch und sagte, dass der Doktor mit seiner Familie aus dem Haus gegangen sei." Unter Tränen berichtet sie weiter: "Als ich ihn fragte, wer er sei und wo meine Familie sei, sagte er mir: Wir sind der Islamische Staat." Und sie fügt noch hinzu: "Am Anfang hatten wir gehört, dass sie in der Schule des Dorfes festgehalten wurden. Danach hat man sie in das Dorf Umm Al Masamir abgeführt, und am folgenden Tag waren wir sicher, dass sie in die Stadt Al Schadadi gebracht wurden."

Nun hat Buschra keine genauen Informationen mehr. „Wir wissen gar nichts von ihnen, von Papa, Mama und den beiden Brüdern." Die Jungs sind acht und 16 Jahre alt.

„Etwa 300 Entführte“

Usama Edward, der Leiter des assyrischen Netzwerks für Menschenrechte, erklärt im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Wir können uns nicht so leicht über die Details dieser Entführungen informieren. Aus unterrichteten Kreisen haben wir erfahren, dass die Opfer zunächst in das Dorf Umm Al Masamir gebracht worden sind, und am folgenden Tag erfolgte ihr Abtransport in die Region Al Schadadi." Er bestätigte, dass die Anzahl der Entführten auf etwa 300 Personen geschätzt wird.

Kämpfer von der Volksverteidigungseinheiten im assyrischen Dorf Tel Jumaa Syrien

Kurdische Kämpfer in der Region

Insgesamt wird die Anzahl der Assyrer in Syrien auf etwa 30.000 beziffert - unter 1,2 Millionen Christen. Die meisten Assyrer bewohnen die Orte am Fluss Khabur in der Provinz Al Haska und in der Stadt Kamischli im äußersten Nordosten des Landes.

Nach Angaben des assyrischen Netzwerkes haben die IS-Kämpfer bei ihren Angriffen in der Region Kirchen niedergebrannt. Viele Zivilisten seien in Richtung der Städte Al Haska und Kamischli geflohen. Usama Edward erklärt, dass die IS-Verbände auf Dutzende von Dörfern in der Nähe der beiden assyrischen Orte vorgerückt seien. Etwa 800 Familien hätten an jenem Montagmorgen Al Haska verlassen, während am gleichen Tag ungefähr 150 Familien nach Kamischli aufgebrochen seien. Die Zahl der Flüchtlinge wird derzeit auf etwa 5.000 geschätzt. Assyrische Aktivisten geben an, dass die Lage dieser Flüchtlinge in den Städten, in denen sie Zuflucht gefunden haben, akzeptabel sei. Doch das Problem der Assyrer beschränkt sich nicht nur auf die humanitären Aspekte – also auf die Versorgung mit Zucker, Reis und Mehl. Die Minderheit der assyrischen Christen bleibt bedroht, wenn sie die Regionen, wo sie sich aufhalten, schutzlos zurücklassen.

Ein Naher Osten ohne Minderheiten?

"Ist es möglich, dass die einzelnen Gemeinschaften in Syrien erneut zusammenleben können", fragt sich der 62-jährige George, der mit seiner Familie aus dem Dorf Tell Kuran in die Stadt Kamischli geflohen ist. Ob die Beziehungen zwischen Assyrern, Arabern und Kurden bestehen bleiben können, so wie sie früher waren?“ Dass die assyrische Minderheit in Syrien in diese Situation geraten ist, kam für ihn nicht überraschend. "Wir haben schon befürchtet, dass mit uns das gleiche passiert was unsere Volksgenossen im Irak. Derzeit findet Verbotenes statt, und das haben wir erwartet. Wir werden Ziel des Tötens und des Abschlachtens durch die Hand der Terroristen und der extremistischen Gruppierungen sein."

Der Autor Suleiman Al Jussuf nennt die Situation "schmerzlich und düster". Die Assyrer, die Minderheiten im allgemeinen würden den Kriegen zum Opfer fallen. Die wachsende Rolle der extremistischen und terroristischen Islamisten-Organisationen wie IS, Al-Nusra und Al-Kaida machten die Lage komplizierter. Eine Lage, die eine große Gefahr für die Zukunft und für das Bestehen der Christen, der Jesiden und der anderen Minderheiten in der Region darstelle, "solange diese Länder nicht zur Ruhe kommen und sich in zivile, demokratische Staaten verwandeln". Davon ist im Moment nichts zu spüren.