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Welt

Assads Machtbasis

Scharfschützen, Panzer, Kriegsschiffe. Mit brutaler Gewalt demonstriert Präsident Assad seine Macht. Noch sitzt er fest im Sattel, denn wichtige gesellschaftliche Gruppen beteiligen sich bislang nicht an den Protesten.

Demo von Regimegegnern (Quelle: dapd)

Jeden Tag Demos: Wer steht noch hinter Assad?

Er thront hoch über Damaskus, der Palast des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Stacheldrahtzäune schützen den grauen Betonkomplex, lassen ihn aussehen wie eine Festung. So unangreifbar wie der Palast präsentiert sich auch das syrische Regime. Dabei gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich die politische Elite spaltet. Einige Leute in der Regierung seien frustriert über Assad und seine Sicherheitskräfte, zitierte die "New York Times" kürzlich einen Vertreter der US-Regierung.

Wie groß Assads Machtbasis dagegen in der Bevölkerung ist, lässt sich aus dem Ausland schwer beurteilen. Weil keine Journalisten ins Land dürfen, gibt es kaum unabhängige Informationen. Regimeanhänger wie der Universitätsprofessor Bassam Abou Abdallah geben sich alle Mühe, die Proteste klein zu reden. "Das Regime ist nach fünf Monaten immer noch sehr stark. Es hat dem erhöhten Druck aus dem Ausland standgehalten. Die syrische Bevölkerung hat das Chaos abgelehnt und will nicht dem Beispiel Libyens und Jemens folgen", sagt der Jurist, der an der Universität Damaskus lehrt. Unzählige Internet-Videos von Massendemos dagegen erzählen eine ganz andere Geschichte. Seit fünf Monaten dauern die Proteste an, Oppositionellen zufolge wurden bislang rund 2.000 Regimegegner getötet. Doch woher nimmt Baschar al-Assad das Vertrauen in seine Macht?

Alawiten in Schlüsselpositionen

Syrische Armee in der Provinz Deir el-Zour´(Quelle: dpa)

Repression mit allen Mitteln: Die Armee verteidigt das Regime

"Die Armee und die Sicherheitsdienste stehen bisher einhellig auf der Seite des Präsidenten", sagt Rudolph Chimelli, Korrespondent und Nahost-Experte der Süddeutschen Zeitung. Besonders Assads jüngerer Bruder Maher, ein absoluter Hardliner, dürfte das Regime um jeden Preis verteidigen. Der 43-Jährige kommandiert die sogenannte vierte Division der syrischen Armee. Die brutale Eliteeinheit stürmt für ihn Dörfer und richtet Demonstranten hin. "Assad stützt sich in den Schlüsselposition seines Machtapparats, in der Armee und in den Sicherheitsdiensten, ganz überwiegend auf andere Alawiten, und die sind natürlich gefährdet in ihrem Leben und ihrer persönlichen Existenz, falls das Regime fallen sollte", sagt Nahost-Experte Chimelli. Schon Assads Vater, Hafez al-Assad, verteilte wichtige Ämter in Staat und Armee an loyale Glaubensbrüder. Dabei macht die schiitische Minderheit der Alawiten gerade mal zwölf Prozent der rund 22 Millionen Syrer aus.

Berichte der Opposition, es würden sich immer mehr Soldaten und Polizisten weigern auf Demonstranten zu schießen und sich stattdessen auf die Seite der Regimegegner schlagen, hält der Experte für übertrieben. Aus verlässlichen Quellen in Nachbarländern wisse man, dass es bisher nur wenige Deserteure gebe, so Chimelli.

Das Bürgertum hält still

Doch Assad profitiert auch davon, dass sich entscheidende gesellschaftliche Schichten bislang nicht an den Protesten beteiligen. "Der Präsident kann bis zu einem gewissen Grade auch auf die Stadtbourgeoisie in Damaskus und Aleppo zählen. Die stehen zwar nicht begeistert hinter dem Präsidenten, aber für sie ist er immer noch der Garant von Stabilität und Prosperität", sagt Chimelli.

Commercial Bank of Syria (Quelle: dpa)

Die Wirtschaftseliten haben vom Regime profitiert

Die Wirtschaftsreformen der vergangenen Jahre haben die Schere zwischen Arm und Reich weit aufgerissen. Die städtischen Händler und Geschäftsleute haben profitiert, die Außenbezirke und die ländliche Provinz dagegen sind hinter der Entwicklung zurückgeblieben. Diese verarmten Gebiete des Landes seien jetzt die Schauplätze der Demonstrationen, sagt Samir Aita, Regimegegner und Chefredakteur der arabischsprachigen Ausgabe der Zeitung "Le Monde Diplomatique". Doch auch das Bürgertum werde nicht ewig still halten. "Es gibt ein starkes Gefühl der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit, auch bei der Bourgeoisie. Ein Gefühl, dass diese Art des Kapitalismus in Syrien nur für Verwandte und Freunde da ist. Sobald ein Mitglied der Bourgeoisie getötet wird, werden sich auch Damaskus und Aleppo erheben", sagt Aita. Dann, glaubt er, könnte sich das Blatt zugunsten der Regimegegner wenden.

Christen haben Angst

Kuppel der armenisch-orthodoxen St. Serge Kirche und Osttor-Moschee in Damaskus (Quelle: dpa)

Minderheiten haben Angst vor religiösen Konflikten

Assad nutzt auch die religiösen Spannungen im Land aus. Die Mehrheit der Syrer sind Sunniten. Die alawitische Herrscherfamilie, Christen, Druzen und Schiiten sind zahlenmäßig in der Minderheit. Viele Priester und Bischöfe stellen sich öffentlich hinter den Präsidenten, loben ihn in ihren Sonntagspredigten. "Die Christen hatten unter den Assads völlige Freiheit, es gab keine religiöse Diskriminierung gegen sie. Und jetzt haben sie natürlich Angst, dass wenn die sunnitische Mehrheit das nächste Regime stellt, dass es dann ungemütlicher werden könnte für sie", sagt Nahost-Experte Chimelli. Und das Regime tut alles, um die Angst der Minderheiten weiter zu schüren. In öffentlichen Reden, setzen Assad und seine Anhänger die Demonstranten mit intoleranten Fundamentalisten gleich, die in Syrien einen Gottesstaat errichten wollen.

Die Panikmache des Regimes kommt auch deshalb bei den Minderheiten an, weil es bislang keine einheitliche Opposition gibt. Die Regimegegner müssten sich besser organisieren, sagt Samir Aita. "Das Regime hat 'Knechte', die es unterstützen, weil sie viel zu verlieren haben und nicht, weil der Präsident gut ist. Viele Leute haben Angst um die Kontinuität des syrischen Staates und vor dem Wandel. Es liegt in der Verantwortung der Opposition, dieses Bild zu klären", sagt Aita. Das Assad-Regime, so scheint es, stützt sich vor allem auf eines: Die Angst der Bevölkerung vor der Zukunft. Doch Angst, das haben die Revolutionen der Tunesier und Ägypter bewiesen, ist kein solides Fundament für Macht.

Autorin: Julia Hahn
Redaktion: Lina Hoffmann

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