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Assad verlagert Syriens Chemiewaffen

Seitdem Assad Teile seiner Chemiewaffen aus den Depots holen ließ, fürchtet die Staatengemeinschaft, er könne sie auch einsetzen oder Terroristen überlassen. Experten halten diese Sorge für wenig begründet.

Vor einigen Tagen meldeten westliche Geheimdienste irritierende Bewegungen: Assads Militär holte einen Teil seiner Chemiewaffen aus ihren Depots, um sie an einen anderen Ort zu bringen. Bereitet er einen Angriff vor? Oder will er sie bloß in Sicherheit bringen? Zwar versichert der syrische Außenminister, man plane die Waffen nicht gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, sondern nur im Fall einer Invasion von außen. Doch darauf will die internationale Gemeinschaft sich nicht verlassen.

US-Soldaten vor Chemiewaffen aus den Beständen der irakischen Armee (Foto: AP)

Gift im Nahen Osten: Chemiewaffen aus Saddam Husseins Arsenal

Dass Assad den Einsatz dieser Waffen ernsthaft erwäge, sei zweifelhaft, sagt Dina Esfandiary, strategische Analystin beim Londoner "International Institute for Strategic Studies" (IISS). Unter militärischen Gesichtspunkten sei der Einsatz solcher Waffen nur bedingt sinnvoll. Sie seien schwer zu bedienen, erfassten ihr Ziel nicht punktgenau und seien von äußeren Faktoren wie Wind und geographischen Verhältnissen abhängig. Ihr eigentlicher Zweck sei ein anderer: "Sie eignen sich als Terrorwaffen. Sie lassen sich in dicht besiedelten Räumen einsetzen, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. In dieser Hinsicht mögen sie nützlich sein", so Esfandiary.

Massive Investition in Chemiewaffen

Seit den 1970er Jahren ist Syrien im Besitz chemischer Waffen. Das Land begann vor dem Jom-Kippur-Krieg 1973 gegen Israel, Chemiewaffen zu entwickeln, setzte sie aber bislang nicht ein. Von dem verbündeten Ägypten erhielt das Land Artilleriegeschütze, die sich auch mit chemischen Kampfstoffen bestücken ließen. Seitdem hat Syrien mit Hilfe der damaligen Sowjetunion und später Irans die Entwicklung solcher Waffen vorangetrieben. Für den Import entsprechender Bestandteile nahm es auch die Hilfe mehrer europäischer - auch deutscher - Maklerfirmen in Anspruch.

Heute ist Syrien in der Lage, mehrere hundert Tonnen chemischer Kampfstoffe herzustellen. Bekannt sind vier Produktionsstätten nahe Damaskus, Aleppo, Homs und Hama. Vermutet wird jedoch, dass es noch mehr gibt. Sie sind aber sehr klein und entsprechend schwer zu entdecken. Mutmaßlich verfügt das syrische Militär auch über russische und nord-koreanische Scud- und SS-21- sowie weitere Raketen, auf die sich auch chemische Gefechtsköpfe montieren lassen. Mit diesen Raketen lassen sich Ziele bis zu einer Reichweite von 600 Kilometer erreichen.

Westliche Geheimdienste tappen im Dunkeln

Die westlichen Geheimdienste seien zwar über Teile des syrischen Chemiewaffenprogamms im Bilde, sagt Militär-Expertin Esfandiary. Aber das gesamte Programm, vermutet sie, kennen sie nicht. Das mache es auch schwer, die Bevölkerung vor dem Einsatz dieser Waffen zu schützen und terroristische Gruppen daran zu hindern, sich in den Besitz dieser Waffen zu bringen. Ein Präventiv-Schlag, um das Schlimmste zu verhindern, wäre schwierig, so Esfandiary: "Das würde schwer kalkulierbare Operationen voraussetzen, zum Beispiel Luftschläge. Und so könnten einige der Kampfstoffe in die Atmosphäre gelangen." Auch dies hätte verheerende Konsequenzen für die Bevölkerung. Zudem seien solche Maßnahmen sehr aufwendig und damit kostspielig: "Man müsste entsprechend ausgerüstete und ausgebildete Truppen haben. All dies könnte die Geheimdienste leicht überfordern."

Das sieht auch Schlomo Brom so. Er ist Analyst beim "Institute for National Security Studies" in Tel Aviv. Allzu viel, so Broms Einschätzung, könnte die Internationale Gemeinschaft nicht tun. Es sei nicht möglich, eine umfassende Kontrolle über diese Waffen zu erlangen, wenn diese an vielen verschiedenen Plätzen gelagert seien. Zudem seien sie innerhalb der einzelnen Depots aller Wahrscheinlichkeit noch einmal auf verschiedene Bunker verteilt. "Um also sicher zu sein, dass man alle Waffen zerstört, muss man auch sämtliche Bunker zerstören." Und das sei nicht ganz einfach.

Israelis fürchten umn ihre Sicherheit

Plakat des syrischen Präsidenten Baschar Al Assad und des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah in der schiitischen Pilgerstätte Sayyida Zainab bei Damaskus, aufgenommen am 27.07.2010. Foto: Matthias Tödt

Waffenbrüder: Hisbollah-Führer Nasrallah und Präsident al-Assad

In Israel sorgt man sich derzeit, dass die Waffen in die Hände sunnitischer oder schiitscher Terrorgruppen fallen könnten, die diese dann gegen Israel einsetzen könnten. Schlomo Brom hält dieses Szenario für wenig wahrscheinlich. Um die Waffen nutzen zu können, benötige man den Zugriff auf sämtliche Komponenten: auf die Kampfstoffe, auf die mit ihr verbundene Technik wie auch auf die Trägersysteme. "Außerdem bestehen die meisten Waffen aus verschiedenen, an unterschiedlichen Orten gelagerten Stoffen, die für sich alleine relativ harmlos sind. Erst wenn man sie kombiniert, ergeben sie eine gefährliche Substanz."

Dennoch sorgt man sich in Israel, dass das Assad-Regime die Waffen an die schiitische Hisbollah im Libanon weitergeben könnte. Die Furcht, dass diese sie gegen Israel einsetzen könnte, hält Brom für wenig begründet. Israel würde auf einen solchen Angriff mit aller Härte reagieren. Das wüsste auch die Hisbollah. "Die Hisbollah ist eine politische Kraft im Libanon, die auch im Parlament vertreten ist. Die Hisbollah als Vertretung der Schiiten ist darum auch für das Wohlergehen der Bevölkerung verantwortlich. Und Israels Fähigkeit, auf einen solchen Schlag zu reagieren, ist sehr groß."

Viele Syrer treibt derweil die Angst, Assad könne die Waffen - zumindest im Falle seiner Niederlage - gegen die syrische Bevölkerung einsetzen. Und ihr Präsident, das haben sie in den vergangenen Monaten lernen müssen, hat offenbar nur wenig Skrupel.

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