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Nahost

Assad-Truppen stürmen Rebellenhochburg

Neues Blutvergießen in Syrien: Panzereinheiten der Regierung sind in die Protesthochburg Hama im Nordwesten des Landes eingerückt. Es gab Tote und Verletzte. Einige Soldaten sollen den Schießbefehl aber verweigert haben.

Panzer der syrischen Armee und Feuer auf den Straßen in Hama (Foto aus Amateurvideo vom 31.07.2011: pa/abaca)

Militär geht erneut gewaltsam gegen Syriens Bürger vor (Bild aus Amateurvideo)

Annährend 100 Menschen wurden bei der Militäroffensive gegen die viertgrößte Stadt des Landes getötet. Nach Angaben von Oppositionellen gab es außerdem zahlreiche Verletzte. Die Panzer hätten Hama am Sonntag (31.07.2011) im Morgengrauen gestürmt, teilten die in London ansässige "Organisation Observatory for Human Rights" und das Netzwerk "Local Coordination Committees" sowie syrische Aktivisten im Libanon mit.

Bei der Opferzahl beriefen sich die Organisatoren auf Aussagen von Ärzten und Anwohnern. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben vor Ort ist nicht möglich, da Syrien die meisten ausländischen Journalisten ausgewiesen hat.

Augenzeugen: Militär feuert wahllos auf Menschen

Syrische Soldaten ohne Gewehre auf einem Panzer, davor Bewohner aus Hama (Foto aus Amateurvideo vom 31.07.2011: pa/abaca)

Bilder aus einem Amateurvideo zeigen angeblich, dass einige Soldaten sich weigern zu schießen

Panzer sollen in Wohngebiete gefeuert, Scharfschützen auf Hausdächern Stellung bezogen haben. "Es regnete Granaten über die Stadt, die Soldaten schossen auf alles, was sich bewegte", schilderte einer der Aktivisten die dramatische Lage. Die Zahl der Opfer steige immer weiter. Das Militär habe auch das Krankenhaus in Hama umstellt, um die Menschen daran zu hindern, ihre Verwundeten dorthin zu bringen. Bevor die Panzer eingerollt seien, hätten Spezialisten des Regimes von Diktator Baschar al-Assad die Strom- und Wasserversorgung in der Stadt gekappt, hieß es.

"Sie schießen wahllos mit ihren Maschinengewehren, und es gibt viele Opfer", sagte ein Syrer aus Hama auch der Nachrichtenagentur AP am Telefon. Ein Arzt berichtete der Nachrichtenagentur Reuters ebenfalls telefonisch, die Panzer griffen Hama aus vier Richtungen an. Sie überrollten von Bewohnern errichtete Barrikaden und feuerten wahllos um sich.

Mehrere Soldaten desertiert?

Syrische Soldaten ohne Gewehre auf einem Panzer, davor Bewohner aus Hama (Foto aus Amateurvideo vom 31.07.2011: pa/abaca)

Ein Amateurfilmer hat eine Szene festgehalten, die die Verbrüderung einiger Soldaten mit der Bevölkerung von Hama zeigen soll

Ein angeblicher Armeeoberst gab an, er sei mit "hunderten" Soldaten desertiert. Auch Amateurvideos, die an diesem Sonntag in Hama entstanden sein sollen, zeigen angeblich, wie Soldaten sich weigern, auf Anwohner zu schießen und sich mit diesen verbrüdern.

Nach Angaben einer Aktivisten-Gruppe ging das Militär auch in anderen syrischen Städten mit Panzern gegen die Bevölkerung vor. In der Stadt Deir al-Zor im Osten des Landes wurden demnach sechs Menschen getötet und 50 weitere verletzt. In Harak in Südsyrien habe es drei Tote und dutzende Verletzte gegeben.

Gewalt wird international verurteilt

Die internationale Gemeinschaft hat das blutige Vorgehen der Sicherheitskräfte in Syrien scharf verurteilt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes gegen Zivilisten. Die syrischen Behörden könnten nach internationalem Recht für alle Gewaltakte gegen ihr Volk zur Rechenschaft gezogen werden, sagte Ban in New York.

US-Präsident Barack Obama äußerte sich entsetzt über das brutale Vorgehen der syrischen Regierung. Die USA würden sich gemeinsam mit ihren Verbündeten dafür einsetzen, Präsident Baschar al-Assad international zu isolieren, versicherte er.

Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "schockiert" über das Massaker in Hama. "Dieser Angriff und die laufenden Einsätze auch in anderen syrischen Städten sind unmittelbar vor Beginn des heiligen Monats Ramadan noch inakzeptabler als ohnehin", heißt es in einer am Sonntagabend veröffentlichten Erklärung Ashtons. Die Verantwortlichen für das gewaltsame Vorgehen müssten vor Gericht gestellt werden.

Deutschland will UN-Sicherheitsrat einschalten

Porträt Außenminister Westerwelle (Foto: AP)

Außenminister Westerwelle fodert ein unverzügliches Ende des Blutvergießens

Bundesaußenminister Guido Westerwelle verurteilte die jüngste Gewalt in Syrien ebenfalls scharf und brachte neue Sanktionen gegen das Land ins Spiel. "Was wir derzeit in Syrien erleben, empört mich zutiefst", erklärte Westerwelle. Die Bundesregierung forderte von Präsident Assad ein unverzügliches Ende der Gewalt gegen friedliche Demonstranten. "Falls Präsident Assad weiter nicht zu einem Kurswechsel bereit ist, werden wir zusammen mit unseren Partnern in der EU weitere Sanktionen verhängen", erklärte Westerwelle. Gemeinsam mit den USA und Partnern der Region wolle Deutschland das Regime zur Umkehr bewegen.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse will Deutschland den Weltsicherheitsrat auf den Plan rufen. Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei den Vereinten Nationen beantragte nach Angaben ihres Sprechers für Montag die Ansetzung nicht-öffentlicher Beratungen zur Lage in Syrien.

Immer wieder Massenproteste in Hama in den vergangenen Wochen

Karte von Syrien mit der Hauptstadt Damaskus und der Stadt Hama eingezeichnet (Grafik: DW)

In Syrien finden seit Mitte März regelmäßig Massendemonstrationen gegen das Assad-Regime statt. Der Staatschef beantwortet die Proteste mit aller Härte. Nach Angaben von Menschenrechtlern wurden bereits etwa 1600 Menschen bei den Angriffen des Militärs getötet. 12.000 Personen seien festgenommen worden.

Auch in Hama waren die Truppen vor einigen Wochen schon einmal eingerückt. Sie zogen sich dann aber wieder zurück. Seitdem fanden dort wieder mehrere Großdemonstrationen gegen Assad statt.

Im Jahr 1982 hatte der damalige Präsident Hafis al-Assad, der Vater des heutigen Staatschefs, einen Aufstand der Muslimbrüder in Hama gewaltsam niederschlagen lassen. Dabei wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 10.000 bis 30.000 Bewohner getötet. Die Stadt wurde fast vollständig zerstört.

Autorin: Ursula Kissel/Annamaria Sigrist (dpa, rtr, afp, dapd)
Redaktion: Thomas Grimmer

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