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Asien

Asiens Textilbranche: Kampf für mehr Lohn

Unruhen in Bangladesch, Schutzgruppen in Indien: Die Wut über die schlechten Bedingungen in asiatischen Textilfabriken wächst. Eine Vortragsreihe in Deutschland weist auf Ausbeutung hin – und bietet Lösungen an.

Maheswari Murugan war 15 Jahre alt, als sie die Schule verließ. "Gerne hätte ich noch weiter gelernt, einen Abschluss erzielt", sagt sie. Doch Murugans Familie, die zur untersten indischen Kaste gehört, brauchte Geld. Und so musste die Tochter aushelfen.

Drei Jahre lang schuftete Murugan in einer der vielen Fabriken des Staates Tamil Nadu im Süden Indiens, verwandelte Baumwolle zu Garn, aus der billige Kleider für Europa und die USA gefertigt wurden. "Es war eine schwere Zeit", sagt die 33-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Welle. Arbeitstage von mehr als zwölf Stunden, ständige Kontrolle von Vorgesetzten, Beleidigungen und Drohungen, wenn eine Quote nicht erfüllt wurde. Das alles für 3000 Rupien im Monat. Nicht einmal 1,50 Euro am Tag.

Heute arbeitet sie in einer indischen Nichtregierungsorganisation und kämpft für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. „Die Situation muss sich ändern“, sagt Murugan entschlossen. Deswegen ist sie nach Deutschland gereist, auf Einladung des Vereins Femnet und der "Kampagne für saubere Kleidung". Die Nichtregierungsorganisation setzen sich seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in asiatischen Textilfabriken ein.

Die "unglücklichen Bräute" Indiens

Vortrag der Kampagne für saubere Kleidung in Köln über die Situation von indischen Textilarbeiterinnen. Anita Cheria und Maheshwari Murugan. Foto: DW/Simon Broll, 19.11.2013, Allerweltshaus in Köln

Maheswari Murugan (rechts) und Anita Cheria in Köln

Im Allerweltshaus, einem interkulturellen Begegnungszentrum in der Kölner Innenstadt, steht Murugan vor einem Beamer. Die Fotos, die an die Wand projiziert werden, zeigen junge Mädchen, zusammengepfercht in engen Fabrikzimmern. Es sind die jüngsten Opfer der indischen Textilindustrie, einem Wirtschaftszweig, der vor allem an billigen Arbeitskräften interessiert ist. Je geringer die Kosten, umso mehr Aufträge aus dem wohlhabenden Westen – so lautet die einfache Rechnung.

Die Mädchen auf den Bildern sind sogenannte "Sumangali", ein tamilisches Wort für "glückliche Braut". Mit diesem Versprechen wurden sie aus ihren Heimatdörfern gelockt: Sie sollten sich für drei Jahre Arbeit in einer Spinnerei verpflichten und dafür Geld für eine Mitgift erhalten. Ohne Mitgift ist es oft schwierig für Frauen, einen Ehemann zu finden – vor allem in ländlichen Gebieten gilt weiterhin der Brauch, dass die Familie der Braut eine entsprechende Summe an den Bräutigam zahlt. "Offiziell ist Mitgift verboten", sagt Anita Cheria. Die indische Frauenrechtlerin der Gruppe "Munade" unterstützt die Vortragsreise und weiß über Indiens Problem mit aktueller Gesetzgebung. "Wir haben viele Verordnungen, doch diese werden nicht eingehalten."

Laut Cheria gehört die Sumangali-Praxis zu den extremsten Formen der Ausbeutung in ihrem Land. Die jungen Mädchen würden innerhalb der Fabriken gefangen gehalten, lebten in Baracken, arbeiteten nachts. Sie erhielten ein Taschengeld von umgerechnet 60 Cent am Tag. Der versprochene Bonus von 500 Euro für die Mitgift würde erst am Ende der "Ausbildung" gezahlt. "Doch viele Arbeiterinnen halten den Druck nicht aus und begehen Selbstmord", sagt Cheria. Ungefähr 120.000 junge Frauen seien vom Sumangali-Terror betroffen, sagt die Frauenrechtlerin.

Da der Staat nur selten eingreift, haben sich die Frauen in Tamil Nadu selbst organisiert. Die Gruppe READ (Rights, Education and Development Center) sucht nach Sumangali-Fabriken und zeigt diese bei der Polizei an. Gemeinsam mit den Wachen können sie dann die jungen Mädchen befreien. "Es ist ein erster Schritt", sagt Maheswari Murugan, die sich seit 2004 bei READ engagiert.

Forderungen in Bangladesch und Kambodscha

Bangladeshi garment workers walk out from a factory in Ashulia, a key garment manufacturing hub outside Dhaka, on November 12, 2013. Production in some 200 garment factories at Ashulia was suspended November 12 as workers clashed with police demanding implementation of the new minimum wage recommended for them by a government-appointed wage board. AFP PHOTO/ Munir uz ZAMAN (Photo credit should read MUNIR UZ ZAMAN/AFP/Getty Images)

Massendemonstrationen in Dhaka am 12. November

Die Vortragsreise der "Kampagne für Saubere Kleidung" trifft auf einen Nerv in der deutschen Bevölkerung. Spätestens seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch im April 2013 haben die Medien verstärkt die asiatische Textilindustrie in den Blick genommen. Mehr als 1100 Menschen kamen in den Trümmern des illegal errichteten Gebäudes ums Leben, weit über 2500 Personen wurden verletzt. Unter den Kleidern, die im Schutt gefunden wurden, waren Waren für Primark, Bonmarché und Walmart. Nach internationalem Aufschrei wurde im Mai ein Brand- und Gebäudeschutzabkommen verabschiedet, an dem sich auch deutsche Firmen wie C&A oder Lidl beteiligten.

Doch das Problem, erklären Experten, seien weiterhin die geringen Gehälter. "Nirgendwo auf der Welt wird so wenig bezahlt wie in Bangladesch", sagt Gisela Burckhardt von der "Kampagne für saubere Kleidung". "Es ist ein Skandal. Das Geld reicht nicht, um ein menschenwürdiges Leben zu führen." Seit mehreren Wochen gehen Arbeiterinnen in Bangladesch deshalb auf die Straße. Am 12. November kam es in Dhaka zu einer Massenkundgebung mit 40.000 Menschen. Steine flogen, Tränengas kam zum Einsatz. Die Angestellten fordern einen Mindestlohn von 100 Dollar monatlich. Bislang erhalten sie 38 Dollar. Ab Dezember sollen sie 68 Dollar monatlich bekommen – für viele Demonstranten immer noch zu wenig. "Wenn die Situation so bleibt wie bisher, wird die gesamte Textilindustrie in Bangladesch zugrunde gehen", sagte vor kurzem Siddigur Rahman der Deutschen Welle, Vizepräsident der Gewerkschaft "Bangladesh Garment Manufacturer and Exporters Association."

Auch in Kambodscha kam es Mitte November zu Ausschreitungen zwischen Textilarbeitern und Polizei – mit Toten und Verletzten. Experten glauben, dass sich solche Szenen wiederholen werden, solange die Gehälter nicht angehoben würden. Dabei sei der Lohn der geringste Kostenfaktor bei der Produktion von Textilien, wie eine Grafik der "Fairwear Foundation" beweist. Demnach erhalten die Näherinnen weniger als ein Prozent des Erlöses, das meiste Geld gehe an die Marken in den westlichen Ländern.

Grundlohn für asiatische Textilarbeiter

Vortrag der Kampagne für saubere Kleidung in Köln über die Situation von indischen Textilarbeiterinnen. Gisela Burckhardt von der Kampagne für saubere Kleidung im Gespräch mit Besuchern im Allerweltshaus in Köln. Foto: DW/Simon Broll, 19.11.2013, Allerweltshaus in Köln

Gisela Burckhardt mit Zuhörern in Köln

Ein weiteres Problem ist laut Gisela Burckhardt der Konkurrenzkampf zwischen den asiatischen Ländern. "Die Bekleidungsindustrie wandert immer dahin, wo es am billigsten ist", sagt die Mitarbeiterin der "Kampagne für saubere Kleidung". "Solange zwischen den Produktionsländern ein Wettbewerb herrscht, wer am billigsten produziert, leiden die Arbeiter."

Burckhardt verweist deshalb auf das Konzept des "Asia Floor Wage". Es handelt sich um eine Kampagne aus Indien. Darin wurden für die textilproduzierenden Länder Asiens Grundlöhne berechnet, mit denen Arbeiter sich und ihre Familien ernähren könnten. "Die Lebenshaltungskosten in Bangladesch sind ja andere als in Indonesien", sagt Burckhardt. Doch die Tabelle zeigt, dass aktuell in allen Ländern die Preise um ein vielfaches zu gering seien. "Der Asia Floor Wage könnte dabei helfen, den Konkurrenzkampf zu beseitigen, weil alle gerechte Löhne erhalten."

Solange die Berechnungen nicht umgesetzt werden, ruft die "Kampagne für Saubere Kleidung" den deutschen Konsumenten weiterhin zur Wachsamkeit auf. "Statt billig zu kaufen, sollte man auf faire Angebote zurückgreifen", sagt Gisela Burckhardt. Vor allem in den letzten Jahren seien im Internet viele neue Firmen entstanden, die auf fair produzierte Waren setzen. "Der Kunde kann einiges verändern, er muss nur wollen."

Daran glaubt auch Maheswari Murugan. Noch bis Mitte Dezember möchte sie durch Deutschland reisen und ihren Vortrag halten – damit sich mehr Menschen für die Not der Textilarbeiterinnen in Asien interessieren.

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