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Pressefreiheit

Aserbaidschan: Recherchen aus dem deutschen "Untergrund"

Über den Umweg Deutschland greifen Journalisten aus Aserbaidschan brisante Themen auf und senden sie über die Onlineplattform Meydan TV in die Heimat. Dafür könnten sie in Aserbaidschan im Gefängnis landen.

Produktion der Sendung Deine Stimme von Meydan TV (DW/S. Ballweg)

In Berlin produzieren die Macher von Meydan TV ihre kritischen Berichte

Orkhan Mammad blickt konzentriert und freundlich in die Videokamera. Zweimal wöchentlich präsentiert der Aserbaidschaner die Sendung "Senin Sesin", zu Deutsch, "Deine Stimme" beim Berliner Exilsender Meydan TV. Ein Thema der heutigen Sendung: Die möglicherweise illegale Fällung von zahlreichen alten Bäumen in einem Park in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Auf einem verwackelten, mit dem Smartphone aufgenommenen Video sieht man, wie Männer mit Motorsägen die Bäume zu Fall bringen.

"Die Person, die das Video gemacht und uns zugeschickt hat, glaubt, dass jemand die alten Bäume ohne Genehmigung fällt, vielleicht, um sich ein Haus zu bauen", sagt Produzent Jamal Ali. "Wir haben deshalb beim Umweltministerium nachgefragt und man hat uns gesagt, man werde den Fall untersuchen. Eigentlich ist es nicht erlaubt, alte Bäume einfach so zu fällen."

Brenzlige Recherchen aus sicherer Distanz

Videos wie jenes aus dem Park in Baku bilden den Schwerpunkt der Sendung "Deine Stimme". Die Journalisten in Berlin beziehen die Menschen in Aserbaidschan bewusst in die Berichterstattung mit ein. Die Bürger sind aufgerufen, Ungerechtigkeiten oder Probleme aus ihrem Alltag per Video aufzuzeichnen und an die Redakteure in Deutschland zu schicken. Sie versuchen dann, herauszufinden, was es mit den Anschuldigungen auf sich hat.

Produzent Jamal Ali arbeitet am Videoschnitt (DW/S. Ballweg)

Recherche aus sicherer Entfernung - in Deutschland werden die Beiträge für die Sendung "Deine Stimme" geschnitten

Die Behörden in Aserbaidschan mit kritischen Fragen zu konfrontieren – das kann schnell heikel werden, für normale Bürger ebenso wie für Journalisten. "Sie müssten Repressalien riskieren, im schlimmsten Fall Gefängnis", sagt Emin Milli, der den Exilsender Meydan TV 2013 gegründet hat. "Aber hier in Deutschland sind unsere Redakteure einigermaßen sicher. Und so rufen sie in Aserbaidschan an und fragen die zuständigen Stellen, was an den Behauptungen dran ist".

Aserbaidschan: Viel Öl – kaum Menschenrechte

In der Sendung "Deine Stimme" veröffentlichen die Macher neben dem Video, das ihnen zugeschickt wurde, auch den Tonbandmitschnitt des Telefonats mit den Behörden. "Sehr oft werden die Fälle dann innerhalb weniger Tage aufgeklärt und gelöst", erzählt Produzent Jamal Ali. Die Mitarbeiter in den Behörden hätten oft Angst, dass Fälle, in die sie verwickelt sind, weiteres Aufsehen erregen. Dass ihre Vorgesetzten davon Wind bekommen. Deswegen setzten sie sich oft für eine schnelle Klärung ein. "Für die ganz normalen Menschen in Aserbaidschan ist das natürlich gut", sagt Emin Milli. "Denn so kommen sie in Einzelfällen zu ihrem Recht."

Aserbaidschan Baku Flame Towers (picture-alliance/dpa/D. Tanecek)

Moderne Fassade eins autoritär regierten Landes: Skyline der Hauptstadt Baku

Das ölreiche Aserbaidschan am Kaspischen Meer wird von dem autoritären Herrscher Ilham Aliyew regiert. Unerbittlich geht er gegen die Zivilgesellschaft vor. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht das Land auf Platz 163 von 180 Ländern. 9 Journalisten und 3 Blogger sitzen wegen ihrer Arbeit in Aserbaidschan derzeit im Gefängnis.

Unabhängigen Journalisten droht Gefängnis

Auch Emin Milli wurde 2009 inhaftiert und verbrachte anderthalb Jahre lang hinter Gittern. In Menschenrechtskreisen machte seine Haft damals Furore. Nichtregierungsorganisationen setzten sich für den Aktivisten und Blogger ein, sogar US-Präsident Barack Obama sprach den Fall bei einem Treffen mit Präsident Aliyew an. Nach seiner vorzeitigen Freilassung flüchtete sich Milli schließlich nach Deutschland. 2013 hob er in Berlin den Exilsender Meydan TV aus der Taufe.

Emin Milli Gründer Exilsender Meydan-TV in Berlin (DW/S. Ballweg)

Saß in Aserbaidschan wegen seiner Berichterstattung in Haft: Emin Milli

Meydan TV strahlt seine Inhalte nicht über das Fernsehen aus, sondern stellt sie online. Fast eine halbe Million Menschen folgen der Facebookseite des Exilmediums  – rund 5 Prozent der Gesamtbevölkerung Aserbaidschans. Den Youtube-Kanal haben knapp 70.000 Personen abonniert. "Wir sind auch deswegen populär, weil wir Geschichten bringen, die die offiziellen Medien nicht zeigen", sagt Emin Milli. "Wir bieten zu vielen, von den Staatsmedien veröffentlichten Nachrichten mehr Kontext und mehr Hintergrundinfromationen, fragen auch mal Experten, wie sie bestimmte Themen einschätzen." Viele Menschen in Aserbaidschan vertrauten dem Sender.

Aserbaidschan Präsident Ilham Alijew und Ehefrau Mehriban Aliyeva (Getty Images/K. Kudryavtsev)

Beobachtet kritische Journalisten genau: Präsident Alijew mit Ehefrau

Verkünden die Regierungsmedien zum Beispiel den Bau neuer Großprojekte, dann beobachtet Meydan TV, ob die Bürger im Fall einer Zwangsräumung ihrer Häuser entschädigt werden. Bei Unfällen in Staatsbetrieben recherchieren sie, ob die Opfer ausreichende medizinische Versorgung erhalten.

In Aserbaidschan müssen die Meydan-Mitarbeiter anonym bleiben

Finanziert wird Meydan TV aus Spenden und Geldern europäischer Stiftungen. Rund 20 Mitarbeiter engagieren sich. Sie arbeiten in Deutschland, den USA, in Georgien und auch in Aserbaidschan. "Das aber ist sehr gefährlich", sagt Zarona Ismailova, die stellvertretende Redaktionsleiterin von Meydan TV: "Mit ihrer Arbeit riskieren sie stets, verhaftet zu werden. In Aserbaidschan haben wir deshalb kein Büro, unsere Leute müssen von verschiedenen Wohnungen und Cafes arbeiten." Meydan TV, so könnte man sagen, zählt in Aserbaidschan zu den Untergrundmedien.

 

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