Arzneitest: Patient für tot erklärt | Aktuell Europa | DW | 17.01.2016
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Aktuell Europa

Arzneitest: Patient für tot erklärt

Die Bilanz des missglückten Medikamententests im französischen Rennes wird immer noch schrecklicher: Ein Proband ist gestorben, drei weiteren drohen bleibende Hirnschäden, insgesamt 90 haben das Mittel geschluckt.

Nach dem fehlgeschlagenen Medikamententest in Frankreich ist einer der Patienten gestorben. Der Mann, bei dem bereits der Hirntod festgestellt worden war, sei für tot erklärt worden, teilte das Krankenhaus in Rennes mit, in dem er behandelt wurde. Der Zustand der fünf anderen Patienten sei stabil.

Sechs Probanden im Alter zwischen 28 und 49 Jahren waren nach dem Medikamententest vor einer Woche ins Krankenhaus eingeliefert worden. Bei drei weiteren Probanden werden bleibende Hirnschäden befürchtet. Ein weiterer Proband hat ebenfalls neurologische Probleme. Der sechste Mann wies keine Symptome auf, stand aber am Wochenende weiter unter medizinischer Beobachtung. Die Regierung stufte das Unglück als das schlimmste dieser Art in Frankreich ein.

Fehler des Medikaments oder der Testabläufe?

Der Wirkstoff des Medikaments soll auf Stimmungsschwankungen und Angstgefühle sowie auf motorische Störungen bei neurodegenerativen Erkrankungen abzielen. Neurodegenerative Erkrankungen sind meist langsam fortschreitende Erkrankungen des Nervensystems, bei denen immer mehr Nervenzellen verloren gehen - so etwa bei Parkinson.

Frankreichs Behörden bemühen sich derweil weiter um Aufklärung. Nach ersten Beschlagnahmungen durch die Kriminalpolizei im Labor des Unternehmens Biotrial in Rennes schaltete sich unter anderem auch die Behörde für Medikamentensicherheit (ANSM) in die Ermittlungen ein. Diese sollen klären, ob es einen Fehler bei den Testabläufen gab oder ob das Problem bei dem Medikament selbst lag.

Der Chef von Biotrial, Francois Peaucelle (Foto: Getty Images/AFP/L. Venance)

Unter Druck nach dem Super-GAU: Der Chef von Biotrial, Francois Peaucelle

Biotrial-Chef François Peaucelle versicherte, das Labor kooperiere mit den Ermittlern. Vertreter des portugiesischen Pharma-Konzerns Bial, der den Wirkstoff entwickelte, würden ebenfalls vor Ort sein und mit "totaler Transparenz" an den Ermittlungen teilnehmen. Bial hat versichert, bei der Entwicklung des Medikaments seien die internationalen Standards befolgt worden.

Insgesamt sollten an der Studie 128 gesunde Probanden zwischen 18 und 55 Jahren teilnehmen, von denen 90 den Wirkstoff in verschiedenen Dosen einnahmen. Dann aber kam es zu den dramatischen Gesundheitsproblemen. Diese seien aufgetreten, als die maximale vorgesehene Dosierung "noch längst nicht erreicht" gewesen sei, so Peaucelle weiter. Fast 20 Testteilnehmer bekamen nur ein Placebo.

Probanden werden für ihre Teilnahme an Medikamententests grundsätzlich bezahlt. Im vorliegenden Fall erhielten sie laut Peaucelle gut tausend Euro pro Woche.

Lauterbach: Könnte auch in Deutschland passieren

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagte der Funke-Mediengruppe, ein solcher Fehlschlag könne auch in Deutschland passieren, denn die Regeln für solche Tests seien "die gleichen". Sicherheit werde oft dem ökonomischen Erfolg geopfert, ergänzte Lauterbach. Angesichts des Wettbewerbsdrucks werde bei den Kosten gespart - "die Tests werden immer gefährlicher".

sti/qu (afp, dpa)