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Filme

Artur Brauner - Eine Filmlegende erzählt

Viele seiner Filme wurden preisgekrönt. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmproduzenten und 97 Jahre alt: Artur Brauner erzählt im DW-Gespräch über sein Leben als Traumfabrikant und als Jude in Deutschland.

Er gehört unbestritten zu den Erfolgreichsten seiner Zunft. Ihm verdanken die Kinozuschauer über 250 Kinoproduktionen. Darunter sind Monumentalfilme wie "Der Tiger von Eschnapur", Karl May-Verfilmungen wie "Old Shatterhand", Edgar Wallace-Gruselklassiker und aufrüttelnde Dramen über die Nazi-Zeit wie "Der 20. Juli" oder "Hitlerjunge Salomon".

Artur Brauner erblickte 1918 als Sohn jüdischer Eltern im polnischen Łódź das Licht der Welt. Schon 1946 gründete er im stark zerstörten West-Berlin seine Firma "CCC" (Central Cinema Company). Die legendäre Produktionsfirma feiert im kommenden Jahr ihr 70. Jubiläum. Viele Schauspielerinnen wurden durch ihn bekannt: Senta Berger, Elke Sommer, Caterina Valente oder auch Sonja Ziemann. Er machte in der Nachkriegszeit aus Berlin wieder eine Filmmetropole.

Sein Schaffen und seine Werke würdigte man mit Preisen und Auszeichnungen. Unter anderem erhielt "Atze", wie ihn Freunde nennen, mehrere Goldene Berlinale-Bären, die Goldene Kamera, das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, zwei Golden Globes und fünf Oscar-Nominierungen. Die israelische Gedenkstätte Yad Vaschem ehrt ihn seit 2009 auf besondere Weise durch die regelmäßige Vorführung seiner über 20 Filme, die einen Bezug zur Judenverfolgung haben.

Die DW sprach mit Artur Brauner über den rund 70-jährigen Werdegang der CCC-Filmgesellschaft und sein Leben als Jude in Deutschland.

DW: Herr Brauner, wann haben Sie entschieden, ins Filmgeschäft einzusteigen? Gab es dafür ein Schlüsselerlebnis?

Artur Brauner: Ja, die Konfrontation mit den Augen eines 10- bis 12-jährigen toten jüdischen Jungen, der noch in den letzten Tagen vor Kriegsende von der mörderischen SS umgebracht wurde. Zu diesem Zeitpunkt habe ich entschieden, meine Jugendträume zu verwirklichen. Meine Absicht war, einen Film über die unschuldigen Opfer, über die Vertilgung eines ganzen Volkes zu produzieren.

Artur Brauner zwischen Romy Schneider (l.) und Lilli Palmer im Jahre 1958 bei der Premiere von Mädchen in Uniform (Foto: CCC Filmkunst GmbH)

Artur Brauner zwischen Romy Schneider (l.) und Lilli Palmer im Jahre 1958 bei der Premiere von "Mädchen in Uniform"

Sie haben in Berlin kurz nach dem Krieg Ihre Firma "CCC-Film" gegründet und eigene Filmstudios aufgebaut. Das verschlang viel Geld. Hinzu kam, dass Ihr erster größerer Film "Morituri", eine Produktion über die Verfolgung von Juden, die sich in polnischen Wäldern versteckten, Ihnen Schulden statt Gewinne brachte. Wie sind Sie in den ersten Jahren finanziell über die Runden gekommen?

Das eigentliche Kapital für die Rückzahlung der Schulden aus dem politisch wichtigen Filmprojekt "Morituri" und für die weitere Existenz habe ich nur durch die Herstellung von zwei Komödien einspielen können. Diese haben sowohl die Deckung der Kosten, die Vorbereitung des nächsten Films und die Etablierung der CCC ermöglicht.

Welche Ihrer Filme lieben Sie am meisten? Gibt es auch welche, die Sie gar nicht mögen?

Filme, die mir am meisten am Herzen lagen oder als Produzent besonders gefielen, waren "Hitlerjunge Salomon", "Der brave Soldat Schweijk", "Old Shatterhand" und "Es geschah am helllichten Tag". Es gibt einen großen Teil von Filmen, die mir nicht am Herzen liegen, die ich also "nicht mag". Solche Filmprojekte habe ich aber überhaupt nicht erst angefasst. Als ich zum Teil rund 500 Mitarbeiter und Techniker in den CCC-Studios beschäftigte, war ich allerdings gezwungen, die Ateliers zu füllen und somit auch öfter Filme hereinzunehmen, die einfach die Weiterexistenz der Studios sicherten.

Filmpremiere des Karl May-Films Der Schut 1964 mit Artur Brauner (1. Reihe, zweiter von links) (Foto: CCC Filmkunst GmbH)

Filmpremiere des Karl May-Films "Der Schut" 1964 mit Artur Brauner (1. Reihe, zweiter von links)

Welche Ihrer Produktionen waren die finanziell erfolgreichsten?

Die erfolgreichsten Filme waren für uns gleichermaßen "Der brave Soldat Schweijk" und "Old Shatterhand".

Was waren für Sie die schönsten Momente Ihres Filmlebens und was die weniger angenehmen?

Sehr schön war die Lektüre von den Drehbüchern zu "Der brave Soldat Schweijk" und "Es geschah am helllichten Tag". Die weniger angenehmen Momente vergesse ich gern. Dass unser Film "Hitlerjunge Salomon", der in den USA Millionen Zuschauer hatte und den Golden Globe bekam, 1992 von Deutschland nicht für den Oscar in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" nominiert wurde, ärgert mich allerdings verständlicherweise bis heute. Es ist bislang nicht geklärt, warum die deutsche Auswahljury trotz der Favoritenrolle von "Hitlerjunge Salomon" damals gar keinen deutschen Film für den Academy Award in Los Angeles vorschlug.

An welche Schauspieler aus Ihren Produktionen erinnern Sie sich besonders gerne zurück?

An die Schauspieler O. W. Fischer und Curd Jürgens sind beispielsweise sehr positive Erinnerungen geknüpft. Bei den Schauspielerinnen sind es besonders Ruth Leuwerik und Lilli Palmer. Alle genannten zeigten viel Herz und waren nicht nur Darsteller von Rollen.

Artur Brauner mit Steven Spielberg (Foto: CCC Filmkunst GmbH)

Große Filmproduzenten unter sich: Artur Brauner mit Steven Spielberg

Warum werden in Deutschland kaum noch große Abenteuerfilme oder Kriminalfilm-Reihen fürs Kino gedreht?

Filme, wie ich sie produziert habe, zum Beispiel einige Wallace-Filme oder "Der Tiger von Eschnapur" bzw. "Kampf um Rom", kann man aus finanziellen Gründen nicht mehr produzieren. Es sei denn, einige Produzenten setzen sich zusammen und schaffen eine Koproduktionsgesellschaft. Nur auf diese Art und Weise könnte finanziell ein Großfilm entstehen.

Sie haben viele Filme mit jüdischer Thematik produziert. Hatten Sie dabei missionarische Gedanken bzw. wollten Sie damit etwas Bestimmtes erreichen oder bewegen?

Meine Gedanken und Absichten bei der Realisierung der Anti-Nazifilme waren und bleiben, dass nach uns, also in hundert Jahren und noch später, diese Filme dann hoffentlich beim Publikum und besonders bei der dann nachwachsenden Jugend großes Interesse finden. Denn was geschehen ist, ist noch immer unglaublich. Wie soll man sich vorstellen können, dass dreißigjährige Männer Säuglinge zwischen die Augen schießen und zum Teil zwei Köpfe zusammenlegen, um eine Kugel zu sparen. Oder wie soll man für möglich halten, dass Jungs, die nach den Eltern schrien, in eine Jauchegrube geworfen werden. Das kann man nur hier und heute realisieren, weil die Glaubwürdigkeit jederzeit bestätigt werden kann. Später, in hundert oder zweihundert Jahren, wird man diesen Themen die Glaubwürdigkeit nicht mehr schenken.

Björn Akstinat mit Artur Brauner (Mitte) und seiner Tochter Alice beim Interview (Foto: IMH Service)

Björn Akstinat mit Artur Brauner (Mitte) und seiner Tochter Alice beim Interview

Fühlen Sie sich mit Israel eng verbunden? Haben Sie in Ihrem Leben öfter an eine Auswanderung dorthin gedacht?

In Israel war ich schon einige Male. Die Bindung an das Land ist sehr stark. Jedes Mal, wenn Ausschreitungen der Neonazis einen Höhepunkt erreichen, muss ich an Auswanderung denken. Andererseits bin ich hier so ver- und gebunden, dass eine Änderung des Lebensmittelpunkts schwer oder beinahe unmöglich zu vollziehen ist.

Was sagen Sie zur deutschen Medien-Berichterstattung über Israel?

Die Berichterstattung deutscher Medien über Israel ist zu kritisieren, teilweise sogar sehr ernsthaft zu kritisieren - ausgenommen sind einige israelfreundliche seriöse Zeitungen. In den negativen Berichten steckt ein Teil des aufgestauten Missmuts in Bezug auf den Erfolg des Staates Israel.

Was sagen Sie zum heutigen jüdischen Leben in Deutschland?

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik ist positiv zu bewerten, auch wenn das Verhältnis der alteingesessenen Juden zu den nach der Wende neu eingewanderten Juden aus Russland eher kalt ist.

Sie waren Ihr ganzes Leben sehr umtriebig, aktiv und voller Pläne. Haben Sie jetzt in Ihrem hohen Alter noch Wünsche und Pläne?

Mein hohes Alter soll mich nicht daran stören, weitere Wünsche zu erfüllen. Einige Filme werden tatsächlich nur Wunschfilme bleiben, weil sie entweder zu teuer sind oder bei Fernsehkanälen bzw. deutschen Verleihern nicht durchkommen. Ob und wann sich das ändert, steht noch in den Sternen und in diese sehe ich jede Nacht.

Das Gespräch führte Björn Akstinat

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