Arti TV: Objektiv über die Türkei berichten | Aktuell Europa | DW | 21.01.2018
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Medien

Arti TV: Objektiv über die Türkei berichten

Mit dem Sender Arti TV in Köln wollen geflohene türkische Journalisten die Pressefreiheit in ihrem Land aufrechterhalten. Der Sender ist ein Sammelbecken kritischer Autoren und Journalisten.

Mit drei Redaktionen in Ankara, Istanbul und neuerdings in Köln will Arti TV die türkische Bevölkerung erreichen. Besonders die Redaktionen in der Türkei stehen dabei unter Druck. Im Gespräch mit der Deutschen Welle informieren die Geschäftsführerin des Senders Mihriban Basar und der Chefredakteur Celal Baslangic über die Ziele des im vergangenen Jahr gegründeten Medienunternehmens.

Deutsche Welle: Arti TV sendet schon seit fast einem Jahr. Wie sieht das Resümee aus?

Mihriban Basar: Wir bekommen viele positive Reaktionen. Unsere Zuschauerzahlen steigen stetig. Unsere Internet-Nachrichtenseite artigercek.com hat sehr zufriedenstellende Besucherzahlen. Auch die Einschaltquote unseres Fernsehsenders steigt stetig. Arti TV sendet über Satellit sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Viele Sendungen werden live in unserem Studio aufgenommen.

Senden Sie terrestrisch, im Kabel, über Satellit?

Arti TV lässt sich sowohl über Satellit (Hotbird) als auch über das Internet (artitv.tv) empfangen. Wir streamen auch auf Facebook sowie auf Youtube.

Wie sieht die Finanzierung des Senders aus? Fernsehmachen kostet Geld - wer steckt wirtschaftlich dahinter?

Wir werden hauptsächlich durch Reklameeinnahmen und Sponsoren finanziert. Zusätzlich werden Teile der Ausgaben durch den Inhaber unseres Senders, die Arti Media Stiftung, finanziert. Die Stiftung vereinigt Geschäftsleute aus der Türkei, deren Anliegen es ist, eine Medieneinrichtung außerhalb von politischen Vorgaben und Einflüssen der türkischen Staatsführung zu gründen. Eben eine politisch unabhängige Medieneinrichtung nach den Prinzipien und Werten, wie sie auch in Deutschland herrschen. Zusätzlich finden wir sehr breite Unterstützung unter den türkischen Medienschaffenden. Viele von ihnen dürfen nicht mehr in der Türkei publizieren. Sie unterstützen uns mit Text- und Videomaterial, das sie uns unentgeltlich zur Verfügung stellen.

Wie ist das Programm gestaltet?

Arti TV ist ein Nachrichtensender. Wir berichten hauptsächlich über die Geschehnisse in der Türkei. Unsere Zuschauer haben die Möglichkeit, sich durch Kommentare und Analysen von Experten ein vollständiges Bild über die Entwicklungen in der Türkei zu machen. Natürlich senden wir auch internationale Inhalte. Darüber hinaus gibt es Diskussionssendungen über Themen aus dem Nahen Osten, aus Europa oder auch aus Russland. Außerdem haben wir Sendungen zu den Themen Menschenrechte, Minderheiten, Frauenrechte, Wirtschaft, Arbeitswelt, Gesundheit, Musik, Reisen, Magazin, Kunst und Kultur.

Welche Parteien oder Gruppierungen beteiligen sich?

Wir haben uns bewusst gegen eine finanzielle Unterstützung durch politische Parteien oder Gruppierungen in der Türkei entschieden. Hintergrund dafür ist die politische Vielfalt der Türkei, die wir in unserem Sender widerspiegeln wollen. Um unabhängig berichten zu können, ist das unumgänglich.

Wie bekommt man die Vielfalt in Ihrem Sender unter einen Hut?

Celal Baslangic: Diversität erzeugt natürlich Reibung. Das ist überall so. Aber genau das ist unser Ziel. Wir wollen eine Plattform sein, in der diskutiert werden darf. Das ist unsere Senderpolitik. Die gesellschaftliche und politische Vielfalt in der Türkei ist zunehmend bedroht. Wir als Journalisten haben die Pflicht, diese Probleme zu benennen.

Arti TV- türkischer Sender aus Köln (DW/C. Grün)

In der Senderegie von Arti TV

Was eint die Mitarbeiter von ArtiGercek und Arti TV?

Unsere Sehnsucht nach mehr Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei. Wir brauchen jedoch für die Folgezeit sowie für die Entwicklung einer kontinuierlichen Sendung Unterstützung von verschiedenen Vereinen. Ihre Gemeinsamkeit sollte darin bestehen, dass sie dem Krieg und der Gewalt gegenüber für den Frieden und die Demokratie einstehen. Unsere Reise hat eigentlich in der Türkei begonnen. Als wir uns gerade auf den Weg begeben hatten, kamen zuerst der Putschversuch vom 15. Juli und dann der Ausnahmezustand. Erdogans AKP machte einen Gegenputsch zum Putsch. Mit  jedem Dekret wurden immer mehr Radiosender, Fernsehsender und Printmedien geschlossen. Die AKP-Regierung schaffte nur noch Medien, die zu ihrem Sprachrohr wurden. Die Türkei braucht Medien, die objektiv sind, die ganze Bevölkerung ansprechen, ihrem Recht auf das Erhalten von vertrauenswürdigen Nachrichten entgegenkommen. Angesichts dieser schweren Situation des Landes haben wir uns entschieden, in Europa unzensierte Sendungen anzubieten.

Was ist das Ziel des Senders und des Nachrichtenportals?

Unser Hauptziel ist eine objektive, vielfältige und wahrheitsgemäße Berichterstattung. Derzeit bleibt das den Menschen in der Türkei, aber auch den türkischstämmigen Menschen im Ausland verwehrt. Selbst türkischstämmige Deutsche, die die Vorteile der Meinungs- und Pressefreiheit hier genießen, werden durch diese Stimmungsmache aus dem Land ihrer Vorfahren beeinflusst und immer mehr antidemokratisch. Wir wollen dieser Propagandawelle Einhalt gebieten und dabei verschiedene Gruppen aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft für Frieden und Demokratie vereinen.

Wer macht mit an prominenten Autoren und Kulturschaffenden?

Unsere Gründungsmitglieder sind namhafte Journalisten, Autoren und Kolumnisten wie Ragip Duran, Fehim Isik, Ahmet Nesin, um nur einige zu nennen. Unter unseren Autoren befinden sich Diplomaten, Menschenrechtsaktivisten und Politiker. Selbst der ehemalige Kulturminister der AKP-Regierung Ertugrul Günay und das Gründungsmitglied der AKP Fatma Bostan Ünsal kommen bei uns zu Wort. Die breite ethnische Vielfalt aufzuzeigen ist ebenfalls unser Anliegen. Das Gründungsmitglied der letzten türkischen Zeitung in griechischer Sprache, Mihail Vasiliadis, ist auch in unserem Team. Ebenso wie das Gründungsmitglied der armenischen Zeitung AGOS, Pakrat Esturkyan. Die Liste der hochkarätigen Journalisten, die uns unterstützen und mit uns zusammenarbeiten möchten, ist lang. Das haben wir den traurigen Entwicklungen der vergangenen Jahre zu verdanken. Die Türkei durchlebt derzeit ein Braindrain, immer mehr Intellektuelle sehen sich gezwungen, das Land zu verlassen.

Gibt es Repressalien seitens der türkischen Regierung?

Als Journalist in der Türkei zu arbeiten ist ein Drahtseilakt. Jeden Moment kann der schlimmste Fall eintreten und man wird inhaftiert oder noch Schlimmeres. Natürlich müssen auch wir hier in Köln mit Übergriffen rechnen. Für einige unserer Autoren in der Türkei gehören Repressalien seitens der Regierung zu ihrem Alltag.

Haben Sie Angst vor der türkischen Regierung?

Es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass sogenannte Killerkommandos der türkischen Regierung Anschläge auf Oppositionelle und Kritiker im Ausland planen. Ein jüngstes Beispiel ist das Attentat auf den Fußballspieler Deniz Naki in Deutschland. Auf ihn wurde während einer Autofahrt mehrfach geschossen.

Was erhoffen Sie sich von der Bundesregierung?

Wir erwarten von der Bundesregierung sowie von der demokratischen Öffentlichkeit in Europa, dass sie nicht wegschauen. Der EU-Beitrittskandidat Türkei ist im Begriff, die Demokratie abzuschaffen. Journalisten, Akademiker, Künstler und Menschenrechtler sind massiv bedroht. Viele befinden sich nun im europäischen Ausland. Wir in Deutschland müssen ihnen helfen, wieder eine Stimme zu finden.

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