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Kultur

"Art/Violence" erhält Filmpreis

Das Kino der Berlinale erzählt Geschichten von Menschen, die anders leben als ihr Publikum. Dieses Kino zwingt uns, genauer hinzusehen, nachzudenken und Vorurteile über Bord zu werfen. Im besten Fall ist das preiswürdig.

Die Bären sind vergeben, Prominenz und Presse abgereist, rund um den Marlene-Dietrich-Platz beginnen die Aufräumarbeiten. An diesem letzten Berlinale-Tag gehören die Kinos allein dem Publikum. Aber dann flackern doch noch einmal die Blitzlichter: Am Mittag findet im Cinestar die wohl letzte Ehrung des diesjährigen Festivals statt. Und kein Geringerer als Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) übergibt den Preis. "Cinema Fairbindet", heißt er, und wurde vor drei Jahren von Niebels Ministerium gestiftet, um Entwicklungspolitik in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Dafür seien Filme besonders geeignet.

Gewalt gegen die Kunst

Juliano Mer-Khamis wurde am 4. April 2011 ermordet. Der Friedensaktivist und Schauspieler starb vor seinem Theater, im Flüchtlingslager von Jenin, in den besetzten palästinensischen Gebieten. Mer-Khamis war der Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. Sein Theater hatte er 2006 gegründet, um mit den Mitteln der Kunst gegen die israelische Besatzung zu kämpfen und um palästinensischen Frauen die Möglichkeit zu geben, sich freizuspielen. Ihn selbst hat die Situation in Jenin zunehmend ernüchtert. Die Menschen verlieren die Hoffnung, sagte er in einem Interview kurz vor seinem Tod, Israel zerstöre die Identität der Palästinenser. Kunst sei das beste Mittel, um dagegen anzukämpfen. Nicht alle teilten diese Einschätzung. Auf das Freedom Theater wurden Brandanschläge verübt. Und dann wurde Juliano Mer-Khamis von einem maskierten Täter im Westjordanland erschossen.

Art/Violence Land: Palestinian Territories/USA 2013 Regie: Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu-Khaled Bildbeschreibung: Sektion: Panorama Datei: 20131652_1.jpg

Szene aus dem Film Art/Violence

Zurück blieben Trauer, Wut und die bange Frage, wie es nun weiter gehen sollte. Und ob es überhaupt weiter gehen würde, was man mit Julianos Vermächtnis anfangen könnte. Der Film "Art/Violence", ein Gemeinschaftswerk des in Israel geborenen Udi Aloni und der palästinensischen Filmemacherinnen Batoul Taleb und Mariam Abu Khaled, hat all das eingefangen und ist dabei selbst ein Kunstwerk geworden. Der Film dokumentiert die Arbeit dreier junger Künstlerinnen, die verzweifelt versuchen, in der Ausnahmesituation zu funktionieren und zu arbeiten, und mischt diese Handkamera-Aufnahmen geschickt mit Videos aus dem Theater, mit Aufnahmen von Hip-Hop-Konzerten, mit Rückblicken und Animationen. Ein Film, entstanden aus der Verzweiflung, der dennoch Mut macht. "Juliano hat uns auf die Bühne gebracht", sagt eine der Schauspielerinnen des Freedom Theaters. "Und wir werden auf der Bühne bleiben".

Mit Kunst gegen die Gewalt

Die Schauspielerinnen machen weiter. Trotzdem. Obwohl Juliano tot ist. Und obwohl es für Palästinenserinnen alles andere als selbstverständlich ist, öffentlich aufzutreten, sich zu entfalten, aus sich heraus zu gehen. Nach dem Tod des Theaterleiters hat Udi Aloni am Freedom Theater Becketts "Warten auf Godot" inszeniert - eine leidenschaftliche und poetische Arbeit gegen das allgegenwärtige Trauma, bei der er gleich zwei Tabus gebrochen hat: Männerrollen wurden mit Frauen besetzt und Frauen und Männer treten gemeinsam auf. Die Proben waren nicht einfach, einer der Schauspieler wurde von der israelischen Armee verhaftet, saß ohne Anklage einen Monat lang im Gefängnis. Und die Frauen mussten sich rechtfertigen für das, was sie da auf der Bühne taten. Im Stück fragt Gogo Didi: "Haben sie uns unsere Rechte genommen"? Und Didi antwortet mit bitterem Lachen: "Nein, die haben wir aufgegeben".

Foto: Thomas Ecke

Der israelische Filmemacher Udi Aloni

Der Film "Art/Violence" fordert nun Rechte ein - für die Frauen, die Palästinenser und für die Künstler, die Julianos Erbe angetreten haben. Nun, am letzten Tag der Berlinale, ist er mit dem Filmpreis "Cinema Fairbindet" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ausgezeichnet worden. Eine unabhängige Jury wählte ihn aus zehn Produktionen aus, die die verschiedenen Berlinale-Sektionen zur Sichtung empfohlen hatten.

Die Auszeichnung ist mit 5000 Euro dotiert. Wichtiger als diese Prämie aber ist Filmemacher Udi Aloni die mit dem Preis verbundene Roadshow durch Deutschland und die Aufführung in mehr als 20 verschiedene Kinos. "Was sollten wir uns mehr wünschen, als dass möglichst viele Menschen diesen Film sehen", sagt er. "Besser könnte es gar nicht kommen!"

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