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Kultur

Art Spiegelman allüberall

In Frankfurt erhielt der US-amerikanische Zeichner Art Spiegelman den Siegfried Unseld-Preis. Köln ehrt ihn mit einer Ausstellung. Das Buch "Metamaus" beantwortet alle Fragen zum Werk des Cartoonisten.

Dass Art Spiegelmann in Deutschland derzeit omnipräsent scheint, mag diejenigen in Erstaunen versetzen, die immer noch glauben, ein Zeichner von Comics habe etwas mit lustigen Bildergeschichten für Jugendliche zu tun. Zwar ist es gar noch nicht lange her, dass dieser Glaube in der Gesellschaft weit verbreitet war - doch das Werk Spiegelmans dürfte inzwischen auch einem breiteren Publikum vertraut sein. Besonders in Deutschland. War es doch Spiegelman, der mit seinem Holocaust-Bilder-Roman "Maus" das Verständnis für Comics auf eine neue Grundlage stellte. "Maus" erzählt von der Verfolgung und Ausmerzung des jüdischen Volkes. Es ist eines der eindrücklichsten Kunstwerke der vergangenen Jahrzehnte, die sich mit den Nazi-Verbrechen auseinandergesetzt haben. In seiner tiefen Durchdringung des Geschehens und dessen Verarbeitung ist es zu vergleichen mit den Büchern eines Primo Levi oder Imre Kertész.

Angekommen in der "Hochkultur"

Das hat wohl auch die Jury des angesehenen Siegfried Unseld-Preises bewogen, Spiegelman zu ehren. Unseld, der große deutsche Verleger, stand jahrelang an der Spitze des Suhrkamp-Verlags. Der wiederum stand wie kein anderer Verlag für Hochkultur, für Schriftsteller und Philosophen. Wenn nun also ein Zeichner mit einem solchen Preis bedacht wird, dann ist das auch ein Zeichen eines Wandels. Seht her, hier ist ein Künstler allerersten Ranges, den es auszuzeichnen gilt, scheinen die Juroren mit ihrer Wahl des Preisträgers auszurufen. Wenn gleichzeitig das Kölner Museum Ludwig eine Retrospektive des Werks zeigt, dann kann das auch als Ausdruck eines Bewusstseins gelten, dass die Kunst der Comics sich nicht mehr hinter anderen Künsten verstecken muß.

Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Eltern

Dass Art Spiegelman gerade nun in Deutschland mit derartigen Ehrungen bedacht wird, dürfte den sympathischen Amerikaner freuen. Schließlich fußt sein großes künstlerisches Werk auf der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Die beiden Bände von "Maus - Die Geschichte eines Überlebenden" erschienen in den USA in den 1980er Jahren. Der Künstler setze sich darin mit dem Schicksal seiner Eltern, zweier Ausschwitz-Überlebender, auseinander. Gleichzeitig war "Maus" auch eine vielschichtige Reflexion über das Schreiben und Erinnern. "Maus" basiert auf langen Gesprächen mit dem Vater Wladek Spiegelman, die der Sohn in den 1970er Jahren begonnen hatte.

CO-MIX POSTER.jpg Art Spiegelman, Selbstporträt mit Maus Maske (Foto: Wallraf Richartz Museum)

Mit der Maske einer Maus am Zeichentisch

Wie begegnet man Vater und Mutter - die Mutter Anja brachte sich 1968 um -, die solch Schreckliches erlebt haben? Wie reagiert man darauf als Nachkomme? Und wie verhält man sich im Spannungsfeld zwischen persönlicher Auseinandersetzung mit der eigenen Familie und dem Selbstverständnis als Künstler? Das waren zentrale Fragen, um die das Werk kreiste. In Form einer Tierfabel - die Juden treten in dem Schwarz-Weiß-Comic als Mäuse auf, die Nazis als Katzen - hatte sich Spiegelman seinem Thema angenähert. "Ich musste einen Mäusekopf aufsetzen, um in die Geschichte meines Vaters einzutreten", schreibt Spiegelman.

Der Druck des großen Erfolgs

"Maus" entwickelte sich zu einem dermaßen überwältigenden Erfolg, unter anderem wurde Spiegelman 1992 der Pulitzer-Preis verliehen, dass es dem Zeichner heute schwer fällt über das Buch zu reden. Die große Anerkennung hat Spiegelman in seiner künstlerischen Kreativität zeitweise blockiert. Die Angst, beim Publikum auf ein einziges Werk reduziert zu werden, war vorhanden: "Warum Mäuse? Warum Comics? Warum der Holocaust?" Diese Fragen will Spiegelman nicht mehr beantworten. Wohl auch, weil sie ihm in den letzten Jahren zu oft gestellt wurden. Auch deshalb hat der Künstler im vergangenen Jahr in den USA ein Buch herausgegeben, das er "Metamaus" genannt hat und in dem alles steht, was man über die Entstehung seiner Holocaust-Geschichte wissen muß.

Zeichnung von Art Spiegelman (Foto: Wallraf Richartz Museum)

Die Maus liest die Maus...

Wohl selten hat ein Künstler einen so großzügigen Einblick in seinen Schaffensprozess gewährt. Seine künstlerischen Wurzeln, seine Vorbilder, sein Verständnis von Geschichte, private Einblicke in sein Familieleben - all das ist in "Metamaus" zu finden. Ein sowohl sinnliches, als auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Buch. "Ich antworte hier auf alles", sagt Spiegelman der Deutschen Welle. "Ich wollte diesem ewigen Frage-und- Antwort-Spiel immer entkommen. Irgendwann habe ich eingesehen, dass das nicht geht. So habe ich alles veröffentlicht, was ich weiß."

Lebensthema und Fluch

„Comics as a Medium for Self Expression?“. Titelseite für PRINT Magazine. Tuschezeichnung mit Wasserfarben. (Foto: Wallraf Richartz Museum)

Comics als Ausdruck der Selbstbespiegelung

Spiegelman verweist auch auf den fast schon absurden Raum, den sein Lebensthema "Maus" inzwischen eingenommen hat: "Maus basierte auf Interviews, die ich mit meinem Vater geführt habe. 'Metamaus' basiert auf Interviews, die ich über Maus gemacht habe. Inzwischen mache ich Interviews über 'Metamaus'. Das ist dann irgendwann so 'Meta', dass ich mir vorkomme wie in einer Halle mit vielen Spiegeln, in der sich alles nur noch widerspiegelt." Als Künstler, der schnell auf Aktualitäten reagiert, sieht er sich nicht: "Ich habe mich nie als politischen Cartoonisten gesehen. Politische Cartoons haben doch die Überlebenszeit eines Joghurt", merkt er in seiner ganz eigenen, witzigen Art an. Natürlich antwortet er auf Fragen zu den dänischen Mohammed-Karikaturen und dem aktuellen Anti-Mohammed-Video, dass die arabische Welt zurzeit in Aufruhr versetzt. Spiegelman betont die Freiheit der Kunst, bemüht sich um Differenzierungen. Doch er sagt auch, dass er nur über diese Dinge spreche, weil er von Journalisten dauernd danach befragt werde.

Ein vielschichtiges Werk

Dabei hat der in Stockholm geborene und im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern in die USA ausgewanderte Spiegelman auch nach den Anschlägen vom 11. September zum Zeichenstift gegriffen. Der Band "Im Schatten keiner Türme" erschien zunächst in Deutschland, erst später in den USA. Der ZEIT-Verleger Michael Naumann bot Spiegelman damals in der Wochenzeitschrift ein Forum für seine Cartoons. Mit Deutschland verbindet Spiegelman einiges. In "Metamaus" kann man auch nachlesen, welche deutschen Künstler ihn inspiriert haben. Und schon Ende der 1970er Jahre entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Verlag "2001", für den Spiegelman Cover entwarf.

The Bastard Offspring... aus LEAD PIPE SUNDAY Lithografie (Foto: Wallraf Richartz Museum)

Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte: Comicfiguren greifen die Hochkultur an

Art Spiegelman also "nur" als den Autor von "Maus" zu begreifen, wäre grundfalsch. Das Museum Ludwig zeigt den Künstler in der Ausstellung "Co-Mix. Art Spiegelman - Eine Retrospektive" in all seinen Facetten. Die künstlerischen Anfänge sind zu sehen, Spiegelman arbeitete lange für einen großen Kaugummikonzern, der ihm ein solides finanzielles Auskommen sicherte, ebenso die frühen Arbeiten als Undergroundzeichner. Eigentlich sei ein Museum gar nicht der richtige Ort für seine Arbeiten, betont Spiegelman. Das Beste sei immer noch, ein Buch von ihm in die Hand zu nehmen. Er sei ein Zeichner und Texter, der für Zeitschriften und Zeitungen arbeite: "So lange ich auf Papier arbeiten und zeichnen kann, solange das geht, und man mich lässt, so lange bin ich glücklich."

Art Spiegelman: Metamaus - Einblicke in Maus, ein moderner Klassiker, Fischer Verlag, 300 Seiten, mit DVD, die u.a. die vollständige "Maus" in deutscher Übersetzung enthält, ISBN 978 3 10 076806 3. Die Ausstellung "Co-Mix, Art Spiegelman, eine Retrospektive von Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel" im Kölner Museum Ludwig ist noch bis zum 6. Januar 2013 geöffnet.