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Kultur

"Art Nomads" in Berlin: Ausstellung zeitgenössischer Künstler aus Abu Dhabi

Die Vereinigten Arabischen Emirate bauen an ihrer Zukunft. Auch Kunst und Kultur sollen dazu gehören. Bisher standen heimische Künstler im Schatten großer Namen. Zu Unrecht, wie eine Berliner Ausstellung zeigt.

Berlin Ausstellung Art/Nomades Made in the Emirates (DW/G. Schließ)

Maisoon Al Saleh zeigt eine Frau mit Burka - aber eigentlich ist es ein Skelett.

Der Anspruch ist formuliert: Abu Dhabi will internationale Kunstmetropole werden. Dazu ist man auf große Einkaufstour gegangen. Der Louvre und das Guggenheim-Museum sollen demnächst mit Ablegern in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate präsent sein. Das hat Schlagzeilen gemacht und Fragen aufgeworfen.

Prestige oder Kunstinteresse?

Etwa, ob in Kunst und Kultur angesichts des absehbaren Versiegens der Ölquellen allein aus Prestigegründen und zum Ankurbeln der Tourismusindustrie investiert wird. Oder ob ein genuines Interesse erwacht ist, das auch die eigenen kulturellen Wurzeln in den Fokus nimmt.

Die Ausstellung "Art Nomads – Made in the Emirates", die jetzt im Berliner Kunstquartier Bethanien gezeigt wird, gewährt einen seltenen Einblick in die lokale Kunstszene der Vereinigten Arabischen Emirate. 20 Künstler sind mit ihren Arbeiten vertreten.

Berlin Ausstellung Art/Nomades Made in the Emirates (DW/G. Schließ)

Taqwa Alnaqbi kombiniert Kleiderreste von ihrer Großmutter - original und in Papier recycelt

Und die von der Ethiad Modern Art Gallery und ihrem Berliner Partner "Momentum" ausschließlich aus privaten Mitteln finanzierte Ausstellung vermag zu überraschen: Viele der Arbeiten zeigen eine Frische und Originalität, die man angesichts der kleinen und noch jungen Kunstszene nicht unbedingt erwartet hätte. Sie stammen vor allem von jungen Künstler wie etwa Taqwa Alnaqbi, die ihr Studium gerade erst an der Zayed Universität in Dubai beendet hat. Sie repräsentiert eine Tendenz, für die es in der Ausstellung zahlreiche Belege gibt: nämlich Geschichte und Tradition in eine zeitgenössische Sprache zu übersetzen. Taqwa Alnaqbi hat ihre Großmutter gebeten, Bilder zu zeichnen. die die Künstlerin auf einem Papierbogen zusammengetragen hat. Man sieht Vögel, Fische, Blumen, aber auch eine Burka und einen behinderten Mann. "Die Künstlerin gibt ihrer Großmutter eine Stimme. Sie kann wahrscheinlich nicht schreiben, aber sie kann diese Bilder zeichnen. Und die Enkelin bringt diese Bilder in die Welt," sagt Kuratorin Zsuzsanna Petró.

Berlin Ausstellung Art/Nomades Made in the Emirates (DW/G. Schließ)

Die Bilder von Abdulqader Al Rais sind populär in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Gleichzeitig hat Alnaqbi traditionelle Gewänder ihrer Großmutter in Papier recyclet. Die Kleider waren in kräftigen Rot- und Blau-Tönen gehalten. Entstanden sind daraus Papierarbeiten in zartem Rosa und einem aufgestickten roten Fisch mit dem Titel "The Red Dress" und eine Collage, in der originale Stoffteile fließend übergehen in das aus ihnen gewonnene Papier. Eine anrührende künstlerische Auseinandersetzung – nicht nur mit der eigenen Familiengeschichte, sondern auch mit dem rasanten gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, in dem sich die Vereinigten Arabischen Emirate befinden.

Sensibel und anklagend

Dieser Wandel lässt die Brüche allerdings noch sichtbarer auseinanderklaffen: "Mit Louvre oder Guggenheim katapultiert sich Abi Dhabi zwar in die Weltliga. Gleichzeitig basiert das soziale System immer noch sehr auf Klans", sagt der Kunstexperte David Elliott. Frauen dürfen nicht ohne Schleier ausgehen und unterliegen Restriktionen. "Die junge Künstlergeneration setzt sich stark mit dem auseinander, was um sie herum passiert: vor allem mit dem sozialen Wandel und der Rolle der Geschlechter", so Elliott. 

Mehr als die Hälfte der gezeigten Arbeiten stammen von Frauen. Ihre Sensibilität für solche Themen ist aus nahe liegenden Gründen ausgeprägter, sind sie doch häufig persönlich betroffen. 

Die 1988 geborene Maisoon Al Saleh bleibt in ihren beiden hier ausgestellten Acryl-Bildern nicht bei der Beschreibung der gesellschaftlichen Brüche, sondern sie klagt an. Sie zeigt Frauen in Burkas. Aber eigentlich sind es Skelette und das Kind im Arm ebenfalls. Ganz offensichtlich eine Referenz an den mexikanischen Cartoonisten José Guadalupe Posada, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts weibliche Skelette mit ausladenden Hüten schmückte und damit gegen die privilegierte Oberschicht protestierte.  

Nicht alle Künstler sind so politisch wie Maisoon Al Saleh. Der 1951 geborene Abdulqader Al Rais studierte einst das Scharia-Rechtssystem. Heute ist er einer der populärsten Maler der Emirate. Viele seiner Bilder hängen in Regierungsgebäuden. In ihnen bringt er farbkräftige Landschaften mit kalligraphischen Elementen zusammen und erinnert daran, dass die abstrakte Moderne eine feste Referenzgröße für Künstler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist.

Es ist ein junges Land im stürmischen Wandel. Das gilt auch für die Kunstszene. Noch nicht einmal 50 Jahre existiert sie dort. Die Berliner Schau zeigt, wie groß das Potential ist. Man darf gespannt sein, wie sich die einheimischen Künstler künftig neben den etablierten Kunstmarken wie Guggenheim und Louvre behaupten können.

Die Ausstellung "Art Nomads - Made in the Emirates" ist noch bis zum 22. Dezember 2016 im Berliner Kunstquartier Bethanien zu sehen.

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