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Wirtschaft

Arrivederci, Fiat?

Aufregung in Italien: Die Autosparte des Fiat-Konzerns ist von der Pleite bedroht. Zwischen Bozen und Catania gilt der Autobauer nicht nur als Wirtschaftsunternehmen, sondern quasi als nationales Kulturerbe.

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Abwarten ist angesagt

Fragt sich nur, warum die Italiener ihre eigenen Autos nicht kaufen. 28 Prozent Marktanteil behauptet Fiat noch im Inland. Immer häufiger greifen die autobegeisterten Italiener jedoch zu den Importmarken aus Deutschland, Frankreich und Fernost. Fiat Auto macht indes seit 1997 keine Gewinne mehr. Auf dem gesamten Kontinent selbst sieht es nicht besser aus. Die jetzt von der Europäischen Vereinigung der Automobilhersteller (ACEA) vorgelegten Zahlen belegen das. So sanken die europaweiten Neuzulassungen der Turiner von Januar bis September 2002 um 18,2 Prozent. Das ist Negativrekord in der Branche.

Auch Mitbewerber leiden zwar, doch nur die in Europa ebenfalls absatzgeplagte General-Motors-Gruppe (GM), die sich vor allem auf die Marke Opel stützt, weist einen zweistelligen Zulassungsrückgang aus. Gerade GM gilt aber als potentieller Käufer der seit 1899 produzierenden "Fabbrica Italiana Automobili Torino", für die das Fiat-Kürzel steht.

Der US-Konzern hatte im März 2000 bereits 20 Prozent der Fiat-Anteile übernommen. Fiat hat die Option, ab 2004 die restlichen 80 Prozent zum Marktwert an GM zu verkaufen. GM hat derzeit durch die Schwierigkeiten bei Opel genug mit der eigenen Sanierung zu tun. Die Probleme bei beiden Firmen ähneln einander: Eine schlechte Modellpflege, wenig ansprechendes Design, nicht die allerneueste Technik. Da half es auch wenig, dass die beiden Firmen traditionell im preiswerten Segment produzieren. Zu lange verließen sie sich auf die traditionellen Käuferschichten.

Eine solche Modellpolitik mit veralteten Motoren und unzeitgemäßem Design hatte einst auch den Massenproduzenten Ford beinahe aus dem Rennen geworfen. Doch die Kölner sind nun wieder auf der Erfolgsschiene, ebenso wie die französische Peugeot-Gruppe (PSA), die in den letzten Jahren viel modernes Auto für wenig Geld bot und in Europa hinter der VW-Gruppe den zweiten Platz belegt.

Selbst die Nobelmarke Daimlerchrysler schiebt sich an den Marktanteil der Italiener heran. Der deutsch-amerikanische Konzern hielt im September 6,2 Prozent, die Turiner Fabbrica noch 7,3 Prozent in Europa. Und der noch kleinere Edelhersteller BMW gar steigerte laut ACEA seinen Marktanteil von Januar bis September 2002 um 19,5 Prozent, mehr als die Italiener einbüßten.

40 Prozent vom Umsatz trägt Fiat Auto zum Gesamtumsatz des Konzerns bei, der zu den wenigen verbliebenen Industrieriesen in Italien zählt. Auch deshalb spielt die Rettung des Unternehmens eine Schlüsselrolle in der italienischen Innenpolitik. In Turin wird unterdessen einiges vom Familiensilber verkauft, um die Schulden abzutragen, wie etwa die Motorengießerei Teksid. Im Juni verkauften die Turiner bereits 34 Prozent der Edelmarke Ferrari.

In Italien wird nun spekuliert, GM könne Fiat schnell ganz übernehmen. Offenbar ist aber aufgrund der Lage von GM und der nationalen Befindlichkeiten auf der Apenninhalbinsel eine gemischte Lösung vorgesehen. Fiat wird in diesem Jahr im Autogeschäft voraussichtlich mehr als eine Milliarde Euro Verluste schreiben, der Nettoschuldenberg beträgt fast 6 Milliarden Euro. Deshalb sollen mehr als 8000 Arbeitsplätze bis 2003 gestrichen und drei Autowerke geschlossen werden. Um diese Maßnahmen zu verhindern, plant Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi bis Ende Oktober staatliche Hilfen für Fiat.

Bei einem Italien-Besuch hat EU-Kommissionspräsident Romano Prodi angekündigt, "Brüssel werde rasch über die Genehmigung solcher Staatshilfen entscheiden." Der Plan aus Rom sieht offenbar vor, bei Fiat als Aktionär einzusteigen, um frisches Geld in die Turiner Kassen zu bringen. Langfristig soll diese Lösung keinen Bestand haben, denn in Zeiten der EU-Stabilitätskriterien sind staatliche Beteiligungen an Industrien mit strukturellen Überkapazitäten nicht mehr angesagt. Deshalb könnte das staatliche Engagement wohl bis 2004 dauern, wenn der Fiat-Konzern die Autosparte an General Motors verkaufen darf und die Amerikaner, so jedenfalls ist es geplant, dann wieder schwarze Zahlen schreiben. Gemeinsam mit Fiat wäre General Motors vor Volkswagen dann der größte europäische Autohersteller.

  • Datum 17.10.2002
  • Autorin/Autor Detlev Karg
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2knk
  • Datum 17.10.2002
  • Autorin/Autor Detlev Karg
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