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Fokus Südosteuropa

Aromunen fordern mehr Rechte in Albanien

Die Aromunen sind ein Volksgruppe, die teils Albaniens und in benachbarten Ländern lebt. Ihre Sprache gilt manchen als eigenständig, anderen als rumänischer Dialekt. Nun fordern sie mehr Rechte in Albanien ein.

Aromunischen in Volkstracht bei einer Feier in Bukarest (Foto: Aromunische Kulturtage Bukarest)

Aromunen einst Wanderhirten - heute eine Minderheit in Südosteuropa

Für die Aromunen in Albanien brechen spannende Zeiten an. Das Parlament in Tirana arbeitet zurzeit an einem Gesetzesentwurf für die Minderheiten. Damit sollen diesen mehr Rechte eingeräumt werden. Von dem Gesetz würden gerne auch die Aromunen profitieren. Das ist aber nicht vorgesehen, weil diese Volksgruppe in Albanien offiziell nicht als ethnische Minderheit, sondern als kulturelle Gruppierung angesehen wird.

Diese Einordnung geht bereits auf die kommunistische Zeit zurück. Bereits damals galten die Aromunen nicht als separate ethnische Gruppe, sondern wurden offiziell als assimiliert, also als Albaner, angesehen. Nach der demokratischen Wende 1991 fingen die Aromunen an, sich zu organisieren, um ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Dabei erhielten sie auch Unterstützung durch die rumänische Botschaft in Tirana. Zunächst gründeten sie den ersten Verein der Aromunen in Albanien, der als "grup kulturor", also quasi als Folkloregruppe, registriert wurde.

Die Anthropologin Stephanie Schwander-Sievers hat die Entwicklung verfolgt. In einer Forschungsarbeit für das European Center for Minority Issues (ECMI) in Flensburg stellte sie 1999 fest, dass es schon einige Jahre nach der Gründung der ersten Gruppe "in fast jeder Stadt aromunische Vereine" gab, und sogar "in vielen Dörfern in Zentral- und Südalbanien, wo die Aromunen leben".

Diese Vereine hätten sich mit der Zeit pro-rumänisch oder pro-griechisch orientiert: "Alle aromunischen Aktivisten, die 'pro-rumänisch' waren, schickten ihre Kinder zum Studieren nach Rumänien. Die pro-griechischen Vereine, hatten es leicht, Visa für Griechenland zu bekommen, wenn sie sich als 'Heleno- Walachen' bezeichneten. Walachen ist ein anderer Ausdruck für Aromunen.

Hilfe aus Rumänien

Mädchen in einer Schulklasse (Foto: Bilderbox)

Sprachkurse für den Nachwuchs

Laut albanischen Quellen besuchten bis 2009 1000 Kinder und junge Erwachsene rumänische Schulen und Universitäten. Viele von ihnen hatten ein Stipendium des rumänischen Staates erhalten. Die Stipendien wurden gewährt, wenn die Kinder als "Aromunen" bezeichnet wurden. Südosteuropaexperte Thede Kahl erinnert sich:

"In diesen Jahren thematisierten die Politiker die Identität wirklich interessensorientiert und waren nicht unbedingt an der Wahrung der eigentlichen lokalen Kultur interessiert. Wenn dies das Anliegen gewesen wäre, hätte man das unabhängig von Griechenland und Rumänien machen müssen, denn die aromunische Kultur ist eigenständig."

Der 60 Jahre alte Koci Janku stammt aus einer aromunischen Familie in Zentralalbanien. Er ist mit der aromunischen Sprache aufgewachsen und kam mit der albanischen Sprache in Kontakt als er mit sieben eingeschult wurde. Heute leitet er in Divjaka die einzige Schule, in der in aromunischer Sprache unterrichtet wird.

Die Schule versteht sich nur als Sprachschule. Sie wird von 30 Schülern pro Jahr besucht, und der rumänische Staat bezahlt Computer, Bücher und das Gehalt der Lehrer. "Der albanische Staat hat uns gar nicht geholfen", sagt Janku. So suchte er Hilfe beim rumänischen Staat. In Februar dieses Jahres veröfentlichte erstmals die Monatszeitung Fratia "Brüderlichkeit" einen Artikel über die Frage der Minderheitenrechte der Aromunen. Es ist die einzige Zeitung in albanischer und aromunischer Sprache und hat eine Auflage von 1000 Stück.

Der Verfasser des Artikels forderte, Rumänien solle sich auch stärker für Minderheitenrechte der Aromunen einsetzen und berief sich auf gemeinsame "Sprache und Tradition."

Emanzipation auf ganzer Linie

Aromunen im rumänischen Ciamurila nach dem Gottesdienst (Foto: Aromunische Kulturtage Bukarest)

Aromunen wollen auch im mehrheitlich islamischen Albanien ihren christlichen Glauben pflegen

Die Hilfe kam, als der rumänische Präsident Traian Basescu im Juni Tirana besuchte. Von seinem albanischen Amtskollegen verlangte er, den Status der "ethnischen Minderheit" auf die Aromunen Albaniens auszuweiten.

Der Historiker Thede Kahl sieht dabei aber ein Problem: "Wenn man von einer nationalen Minderheit spricht, fragt man, zu welcher Nation sie gehört. Und da diskutieren wieder Griechenland und Rumänien. Aus griechischer Perspektive gehören sie zur griechischen Nation, aus rumänischer Perspektive zur rumänischen. Im Prinzip entziehen sich die Aromunen Albaniens diesen nationalen Zuordnungen. Warum soll man sie als Rumänen zählen, wen sie kein Rumänisch sprechen?"

Der einzige orthodoxe Priester in Albanien, der die Messe in aromunischer Sprache hält, lebt in Korca. Die pro-rumänischen Aromunen kritisieren die pro-griechische Haltung der albanisch-orthodoxen Priester. Diese orientieren sich, auch wenn sie nicht in Griechenland ausgebildet wurden, an Griechenland. Gründe für diese Haltung sind die geographische Nähe und das Engagement Griechenlands bei der Wiederbelebung der Religion in Albanien Anfang der 90er Jahre.

Die Aromunen fordern, dass mehrere Priester in Rumänien geschult werden oder zeitweise Priester aus Rumänien nach Albanien abgeordnet werden. Der rumänische Staat hat zuletzt den Bau einer Kirche in Pogradec finanziert. Es gibt aber mehrere Kirchen, die renovierungsbedürftig sind. Der albanische Staat unterstützt die Renovierung dieser Kirchen nicht.

In einem Jahr wird in Albanien eine neue Volkszählung stattfinden. Die Aromunen möchten bei dieser Zählung gern als Aromunen identifiziert und als solche gezählt werden. Laut Experten leben in Albanien 100.000 bis 150.000 Aromunen. In Statistiken tauchen sie jedoch nirgendwo auf.

Thede Kahl meint dazu: "Für Albanien sollte es heute gar kein Problem sein, eine Verstärkung der Identität bei den Aromunen zu akzeptieren und sogar zu sagen: Wenn sie als Minderheit gelten wollen, kann man das akzeptieren und sogar gesetzlich anerkennen. In der Geschichte haben sich die Albaner und die Aromunen sehr gut verstanden und haben sich sogar als Brüder bezeichnet."

Autorin: Aida Cama

Redaktion: Mirjana Dikic/ Fabian Schmidt