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Welt

"Armutszeugnis für die Sicherheitsbehörden"

Hinweise auf geplante Attacken gegen israelische Touristen in Bulgarien gab es mehrfach. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen konnte der blutige Anschlag in Burgas nicht verhindert werden. Nun wird Kritik laut.

Der Anschlag auf einen Reisebus mit israelischen Touristen in der bulgarischen Küstenstadt Burgas, bei dem am Mittwoch (18.07.2012) mindestens sieben Menschen gestorben sind, war offenbar nicht überraschend. Denn laut dem bulgarischen Ministerpräsidenten Boiko Borissow gab es in den vergangenen Jahren rund 15 Hinweise auf geplante Anschläge, die vereitelt wurden. Mittlerweile gehen die bulgarischen Behörden davon aus, dass es sich beim Anschlag um die Tat eines Selbstmordattentäters handelt. Das bulgarische Fernsehen strahlte am Donnerstag (19.07.2012) erstmals Aufnahmen von Überwachungskameras aus, die den mutmaßlichen Täter kurz vor der Explosion zeigen.

Warnungen aus Israel

Bulgarische Polizeibeamten nach dem Anschlag auf dem israelischen Reisebus am Flughafen in Burgas (Quelle: REUTERS/Stringer (BULGARIA - Tags: DISASTER) BULGARIA OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN BULGARIA

Waren die bulgarischen Behörden auf den Anschlag vorbereitet?

Bereits im Januar haben die israelischen Sicherheitsbehörden ihre bulgarischen Kollegen vor der Gefahr durch islamistische Terroranschläge, die gegen israelischen Touristen gerichtet sind, gewarnt. Daraufhin gab es mehrere Gespräche zwischen Bulgarien und Israel. Später zitierte die bulgarische amtliche Presseagentur BTA israelische Quellen mit der Information, dass ein Terroranschlag gegen israelische Touristen in Bulgarien vereitelt worden sei. Man habe einen Koffer mit Sprengstoff in einem Bus mit israelischen Bürgern entdeckt, die zu einem Winterurlaub nach Bulgarien gekommen waren. Israels Geheimdienst Mossad wiederholte seine Warnung zu Beginn der Sommersaison.

Bulgarien ist ein beliebtes Urlaubsziel für israelische Touristen. In diesem Jahr ist ihre Zahl um 10 Prozent gestiegen. Vor dem Hintergrund der angespannten türkisch-israelischen Beziehungen ziehen viele Israelis die bulgarische Schwarzmeerküste den Stränden der Türkei vor. Die bulgarischen Küstenorte gelten zudem als Glücksspielparadies für israelische Touristen, bei jungen Israelis sind sie beliebte Party-Destinationen. Im Bus, der am Mittwoch (18.07.2012) Ziel des Anschlags wurde, befanden sich auch viele Jugendliche.

Mangelhafte Vorkehrungen der bulgarischen Behörden?

Nun wird Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen laut. Der ehemalige Vizepremier Dimiter Ludjev, der zu seiner Amtszeit zuständig für die nationale Sicherheit war, ist überzeugt, dass Bulgarien auf solche Anschläge nicht vorbereitet ist. "Wir haben uns nicht genug um die Sicherheit der israelischen Touristen gekümmert", sagt er. "Bis zu diesem Jahr waren es nur israelische Fluggesellschaften, die die bulgarische Schwarzmeerküste angeflogen haben. Es war auch immer israelisches Sicherheitspersonal dabei, die Fluggäste wurden von den Maschinen bis zum Hotel buchstäblich eskortiert. In diesem Fall aber war es die bulgarische Fluggesellschaft Air Via. Es gab überhaupt keine Sicherheitsvorkehrungen - ein Armutszeugnis für die bulgarischen Sicherheitsbehörden!“

Video ansehen 01:37

Bulgarien: Ermittlungen nach dem Terroranschlag (19.7.2012)

Auch der in Bulgarien lebende Nahost-Experte Mohamed Halaf fragt: "Wo waren die bulgarischen Sicherheitsbehörden, die ja die Israelis immer begleiten müssen?" Und selbst der bulgarische Präsident Rossen Plevneliev hat Bedenken bezüglich der Fähigkeit der Behörden geäußert.

Doch Innenminister Tzvetan Tzvetanov und Ministerpräsident Borissov weisen die Kritik zurück. "Dieser Anschlag hätte sonst wo passieren können", betont der bulgarische Premier.

Iran und Hisbollah in Verdacht

Nach dem blutigen Anschlag in Bulgarien gab Israel zunächst dem Iran die Schuld: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu machte die Regierung in Teheran verantwortlich und kündigte eine entschlossene Reaktion an. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak beschuldigte auch die radikal-islamische Hisbollah im Libanon.

Die Hisbollah sei der Hauptverdächtige, meint auch der bulgarische Nahost-Experte Vladimir Tschukov. Aus diplomatischen Kreisen in Sofia verlautete, dass auch die bulgarischen Sicherheitsbehörden die Hisbollah verdächtigen. Es wird spekuliert, dass der Anschlag im Zusammenhang mit dem Treffen syrischer Oppositioneller in Sofia vor etwa zwei Monaten stehen könnte.

Unterstützung bei der Aufklärung

Der ehemalige bulgarische Außenminister Solomon Passy (Quelle: ddp images/AP Photo)

Der ehemalige bulgarische Außenminister Solomon Passy

Auch der israelische Terror-Experte Boaz Ganor vermutet den Iran oder die radikalislamische Hisbollah-Miliz hinter dem Anschlag. Vor wenigen Tagen sei in Zypern ein Hisbollah-Kämpfer festgenommen worden, der einen ähnlichen Anschlag geplant habe. "Das war möglicherweise eine Paralleloperation und wahrscheinlich nicht die letzte", sagt Ganor. "Es sieht nach Hisbollah, Iran oder einer gemeinsamen Aktion aus."

Der ehemalige bulgarische Außenminister Solomon Passy ist überzeugt, dass Bulgarien jetzt auf die Unterstützung der NATO und der EU angewiesen ist. Auch Bulgariens EU-Kommissarin Kristalina Georgieva spricht sich für eine intensive Zusammenarbeit mit der EU und mit Europol aus, um den Anschlag rasch aufzuklären.

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