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Kultur

Armut, Kunst, Gewalt: Theater am Limit

Theaterleute aus Deutschland bespielen Wohnungen in Großstädten weltweit. Im Juli kommt ihr Projekt nach Südafrika und thematisiert die Folgen der Apartheid. Zwei Ortstermine vorab. Teil 1: Sowetos Armenviertel Kliptown

Theatermacherin Anna Mülter (l.) mit einer Bewohnerin Kliptowns am Eingang ihrer Wellblech-Behausung (Foto: Aya Bach)

Diese Wellblechhütte soll Theaterbühne werden

Es ist eine mühsame Autofahrt von Johannesburg nach Soweto. Im Stop and Go quälen wir uns durch zahllose Baustellen, vorbei am Fußballstadion, das demnächst die Fußball-WM beherbergen soll: Soccer City und "2010" sind für viele Menschen im Land eine Verheißung. Unser Ziel liegt in der Nähe von Soccer City und ist doch Welten entfernt: Kliptown, ein schwarzes Township direkt neben dem Freedom Square von Soweto, wo 1955 die berühmte Freedom Charta als anti-rassistisches Manifest verabschiedet wurde. Heute erinnert ein stolzes Denkmal daran, gelegentlich schauen etwas schüchtern vereinzelte Touristen vorbei und wundern sich über ein Vier-Sterne-Hotel auf Betonstelzen, das wie ein außerirdischer Tausendfüßler auf dem Platz steht.

Fragile Behausungen

Von hier geht es gerade nur ein paar Schritte über die Bahngleise, und wir sind in Kliptown, wo die ärmsten Bürger Sowetos leben. Kinder und Erwachsene winken uns zu: Hello, how are you? Die Theaterleute aus Deutschland sind hier schon bekannt. Dass sie heute Journalistenbeleitung mit Mikro und Kamera mitgebracht haben, stört offenbar niemanden. Ein ortskundiger junger Mann, der sich kurz TK nennt, führt uns zu einer fragilen Behausung aus Wellblech. Hier lebt Zandi. In ihr Gesicht sind Geschichten von den Schattenseiten des Lebens eingeschrieben. Ihr Zuhause ist eng und ziemlich dunkel: Durch das vergitterte Fenster fällt nur spärliches Licht, gleich wird es anfangen zu regnen. Bei Zandi gibt es keine elektrische Beleuchtung, Strom hat die ganze Siedlung nicht. "No proper infrastructure", sagen die Leute hier, das ist eine höfliche Umschreibung der Bedingungen, mit denen sie konfrontiert sind. Niemand hat einen Wasseranschluss zu Hause, nur draußen zwischen ihren Unterkünften gibt es ein paar Wasserhähne. Keine Kanalisation, keine Toiletten. Nur Dixi-Klos, die an den Rändern der unbefestigten Wege stehen.


Zandi in ihrer Behausung aus Wellblech - im Hintergrund glänzende Dosen und Tierfiguren auf einer Anrichte, ein batteriebetriebenes Radio und Plastikeimer. Zandi trägt ein blitzsauberes, hellblau-weißes, aber zerrissenes Kleid. (Foto: Aya Bach)

Mit Liebe eingerichtet: Zandis Zuhause

Zandi hat ihr Zuhause sorgfältig eingerichtet. An einer Wand hängt ein seidenes Kleidchen aus ihrer eigenen Kinderzeit, auf der Anrichte thront ein Ensemble aus glänzenden Dosen, Tierfiguren und Kunststoffblüten. Ob Zandi schon mal im Theater war? Nein, noch nie, sagt sie. Und was die Theaterleute aus Deutschland bei ihr vorhaben, kann sie sich auch noch nicht so recht vorstellen. Jeweils zwei Zuschauer werden eine zehnminütige Performance bei ihr sehen, danach kommen die nächsten beiden. Einige Stunden am Stück wird das so gehen, ein paar Tage lang. Aber sie ist neugierig – und auch ein bisschen stolz: "Das ist meine Möglichkeit, an der WM 2010 teilzuhaben", glaubt sie. Tatsächlich sollen die Aufführungen gegen Ende der WM laufen. Bei Zandi werden sich dann Besucher einfinden, von denen weder sie noch die Theatermacher bislang eine genaue Vorstellung haben.

Armuts-Tourismus als Kultur getarnt?

Doch die Phantasie, dass vielleicht deutsche Fußballtouristen in die Hütten von Kliptown einfallen könnten, hat etwas Erschreckendes. Wäre das nicht voyeuristischer Armuts-Tourismus unter dem Deckmantel der Kultur? Schon die Tatsache, dass wir weißhäutigen Kulturleute hier herumlaufen, verursacht mir leises Unbehagen. Aber nach und nach verringert sich das Gefühl, fehl am Platze zu sein. TK begleitet uns zum Haus von Busisiwe, die mit ihrem Vater und ihrer vierjährigen Tochter Asonia zusammenlebt. Es beginnt zu regnen, wildes Trommeln auf dem Blechdach. Schnell tropft es herein, und als sich der Schauer zum Unwetter steigert, fallen Hagelkörner auf das Bett, das sich Busisiwe mit ihrer Tochter teilt. Zeit zum Verweilen, bei dem Wetter bleiben wir erst mal hier. Die kleine Asonia bringt mir ein Buch: Winnie the Pooh, Pu der Bär, den habe ich als Kind auch geliebt, erzähle ich, und da ist plötzlich etwas Gemeinsames.


Bunt gekleidete Kinder und Frauen bahnen sich nach einem Unwetter ihren Weg durch braune Wasserfluten, im Hintergrund einfachste Häuser hinter Mauern und Gittern (Foto: Aya Bach)

Wohnen in Kliptown: Drinnen regnet es rein, draußen verwandeln sich Wege in Sturzbäche

Busisiwe sagt mir, dass sie weg möchte von hier. Sie ist zur Schule gegangen und hat einen Computerkurs gemacht. "Aber ich will unbedingt noch mehr lernen. Dann kriege ich einen guten Job. Und dann kann ich es mir leisten, aus Kliptown rauszukommen!" Sie war sogar schon einmal im Theater, in Johannesburg, da hat sie eine Produktion aus Thailand gesehen. Aber wenn es bei ihr zu Hause eine Aufführung gibt, sagt sie, "dann erfahren wir alle mehr darüber, worum es beim Theater eigentlich geht!"


Klavier und Gemüsegarten


Als das Unwetter nachlässt, suchen wir uns zwischen knöcheltiefen Riesenpfützen und erdbraunen Wasserläufen den Weg zu einem jungen Mann, der sich Pops nennt und ein ganzes Haus bewohnt: "Das hab ich geerbt", sagt er, "ich bin der letzte aus der Familie, der noch lebt". Ein Bücherschrank mit einer großen Enzyklopädie steht da und ein Klavier. Ein paar Tasten funktionieren noch und erzeugen wunderliche, poetisch schwebende Töne. So etwas hatte ich in einer Armensiedlung ohne Strom und Wasser nicht erwartet – und bin erschrocken, solche Klischees im Kopf zu haben. Pops ist Künstler, inszeniert sich gerne vor der Kamera, aber er kümmert sich nicht nur um sich und die Kunst. In seinem kleinen Garten gleich neben den Eisenbahnschienen hat er ein bisschen Gemüse angebaut: "Hier sind so viele Leute mit HIV, hier ist so viel Armut", sagt er, "wenn jemand Hunger hat, kann er kommen und sich hier was mitnehmen".


'Pops' posiert selbstironisch vor seinem wuchtigen Bücherregal mit einer großen Enzyklopädie (Foto: Aya Bach)

Wissen statt Wasseranschluss: 'Pops' vor seiner Bibliothek

Klar, dass er sein Haus für "X-Wohnungen" zur Verfügung stellt, für künstlerische Abenteuer ist er immer zu haben. Und Pops ist nicht der einzige Kulturmensch hier in der Gegend. Ein kleines Stück entfernt, dort, wo keine Wellblechhütten, sondern feste Häuser stehen, leben Leute, die man hier als "middle class" bezeichnet. Aber auch sie müssen ohne Wasser und Toiletten auskommen. Und eigentlich auch ohne Strom. Aber bei dem freundlichen älteren Herrn, den wir besuchen, verläuft ein Kabel quer durch die Wohnung: "Das ist illegal", erzählt er und lacht aus vollem Halse, "das hab ich mir vor ein paar Monaten gelegt!" Jetzt hat er Fernseher, DVD-Player und Mikrowelle. "Papi", wie er sich nennt, macht am örtlichen Jugendzentrum Theater mit jungen Menschen. Für ihn ist das auch ein politischer Akt: "An Schulen für Nicht-Weiße gab es niemals Unterricht in künstlerischen Fächern", empört er sich: "Kunst und Kultur wurden da einfach weggelassen. Erst seit drei, vier Jahren ist das anders!"


Zerstörtes Zusammenleben


Papi ist jetzt 60 und hat das Apartheid-Regime am eigenen Leibe erlebt: "Früher", erzählt er, "haben wir hier in Kliptown alle zusammen gelebt". Schwarze, Weiße, Asiaten und "Coloured People" wie er selbst. Aber die Apartheid-Regierung hat alle voneinander getrennt, seine Familie wurde in den 70er Jahren zwangsumgesiedelt. Weg aus Kliptown, aus ihrem eigenen Haus in eines der gesichtslosen engen "matchbox houses", die die Regierung massenhaft in die Landschaft gesetzt hat. Alle gleich, alle ohne Wasser, Toiletten und Strom. Inzwischen lebt Papi wieder in Kliptown. Und ist stolz darauf, dass ihm hier ein kleines Stück Land gehört.


Älterer Mann sitzt neben einem Fernsehgerät. das auf einem mit einem Häkeldeckchen geschmückten Blechgestell steht. Im Hintergrund eine türkisfarbene Wand mit Schimmel-Schäden. (Foto: Aya Bach)

Strom per Selbsthilfe: 'Papi' und sein neuer Fernseher

Doch die Folgen der Apartheid sind noch täglich zu spüren, trotz der vorbildlichen südafrikanischen Verfassung, die 1997 in Kraft trat. Das wird auch deutlich werden, wenn das Theaterprojekt "X-Wohnungen" hier stattfindet. Sollten Zuschauer aus dem Ausland oder aus "weißen" Vierteln Johannesburgs nach Kliptown kommen, werden sie sich mit den schwierigen Lebensbedingungen der Bewohner auseinandersetzen müssen. Aber auch Menschen von hier, erklärt mir Papi, werden eine Menge erfahren: "Als 1994 die Demokratie bei uns eingeführt wurde, wussten die 'Coloured People' nicht mehr, wie die Asiaten leben, die Asiaten wussten nicht mehr, wie die Schwarzen leben. Auch ich selbst habe das erst durchs Theater wieder gesehen. Mit den Mitteln der Kunst können die Leute ihre verschiedenen Kulturen und Religionen kennen lernen. Ich finde, Theater ist dafür die beste Möglichkeit."


Kein deutscher Kultur-Export


Ob dieser Optimismus berechtigt ist? Jedenfalls ist "X-Wohnungen" kein bloßer Kultur-Export aus Deutschland. Veranstalter des Projekts ist das Goethe-Institut Johannesburg, wo man immer darauf bedacht ist, Kulturarbeit gemeinsam mit Partnern vor Ort auf Augenhöhe zu betreiben. Das Konzept kommt aus Berlin, entwickelt von Künstlern des Theaters "Hebbel am Ufer". Sie haben das Format zuerst in sozialen Brennpunkten von Duisburg und Berlin, später in Istanbul, Caracas und Sao Paolo eingeführt. Einige der internationalen Regisseure, die dort gearbeitet haben, werden auch nach Johannesburg kommen. Aber an der Realisation sind genauso Künstler aus Südafrika beteiligt, sonst wäre das Projekt hier falsch: Wer sich mit Theater in private Räume wagt, braucht unbedingt das Vertrauen der Menschen, die dort leben.


Türkisfarbene Wellblechhütte, gesichert mit Metall- und Stacheldrahtzaun (Foto: Aya Bach)

Prekär: Leben in Kliptowns Hütten

Denn auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion kann es passieren, dass die Bewohner unversehens Bestandteil eines künstlerischen Akts werden – so wie die Zuschauer übrigens auch. Gewissheiten werden sich auflösen: Wo verläuft die Grenze zwischen Leben und Kunst, was ist Inszenierung, was Wirklichkeit? Und: Spielen wir nicht sowieso immer eine Rolle – sei es gezielt oder unfreiwillig? Verunsicherung entsteht bei allen Beteiligten, auch bei den Theatermachern, sagt Christoph Gurk, der Kurator des Projekts, mit dem wir in Kliptown unterwegs sind: "Man kann in Südafrika keinen Standpunkt einnehmen, der nicht Teil des Verhängnisses von Kolonialismus und Rassentrennung ist, das hier immer noch durch die Gegend spukt."


Freiheit als Illusion


Das sieht auch Tracy Rose so, Künstlerin und Schwarzen-Aktivistin aus Johannesburg: "Wenn jetzt lauter deutsche Touristen in Kliptown anrücken würden, wäre das absolut vulgär und fürchterlich. Aber es ist natürlich auch Teil unserer südafrikanischen Tourismus-Industrie, Leute mit dem Erlebnis von Armut anzulocken!"


Sie hofft dringend auf ein Publikum von hier, "damit unsere Leute erleben können, dass Theater nicht irgendwas Formelles ist. Denn Viele können formelles Zeug nicht leiden." Geradezu enthusiastisch wird sie, wenn sie an den Ort denkt, an dem ihre Performance stattfinden soll: In dem Vier-Sterne-Hotel direkt neben der Armensiedlung Kliptown, dort, wo wir unseren Weg begonnen haben: "Das sind irre Gegensätze und Widersprüche! Da ist bitterste Armut und zugleich eine unglaubliche Illusion von Reichtum", sagt Tracy. "Außerdem ist da die Illusion, die wir alle nach 1994 hatten: Es war die gleiche wie damals, als die Freedom Charta in Soweto geschrieben wurde. Das war utopisch und unglaublich poetisch, und es hatte eine große Schönheit – aber als diese Leute an die Macht kamen, haben sie NICHTS davon umgesetzt!"


Das Soweto Hotel, ein graußer Betonbau, im Vordergrund überlebensgroße Bilder von Figuren, die an die Freedom Charta erinnern (Foto: Aya Bach)

Wuchtiger Nachbar: Direkt neben Kliptown liegt das Soweto Hotel am Freedom Square, wo die Freiheitscharta verabschiedet wurde

Mit den aberwitzigen Gegensätzen von Soweto im Kopf fahren wir zurück nach Johannesburg. Im Stadtteil Melville sitzen wohlhabende Menschen – Schwarze und Weiße – in den Bars und schlürfen Latte Macchiato. Was mir am Vormittag noch völlig normal erschien, erscheint mir jetzt abenteuerlich, absurd. Wie wird es sich anfühlen, wenn wir morgen in der No-Go-Area Hillbrow unterwegs sind? Das Theaterprojekt "X-Wohnungen" ist erst in der Entstehung, aber es beginnt schon zu wirken.


Autorin: Aya Bach
Redaktion: Sabine Oelze

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