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Aktuell Europa

Armenier unzufrieden mit türkischer Beileidserklärung

Fast 100 Jahre nach den Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich bekundet der türkische Regierungschef sein Beileid. Dem armenischen Präsidenten Sargsjan reicht das nicht. Er fordert deutlich mehr von Ankara.

Der armenische Präsident Sersch Sargsjan (Artikelbild) hat die Beileidsbekundung des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan für die im Osmanischen Reich massenhaft getöteten Armenier als "unzureichend" kritisiert. Die Türkei leugne in dem Zusammenhang weiter "viele offensichtliche Tatsachen", sagte Sargsjan in der Hauptstadt Eriwan. "Die Leugnung eines Verbrechens bedeutet dessen Fortsetzung", betonte er in einer Erklärung zum Jahrestag der Massaker. Nur eine Anerkennung und Verurteilung des Völkermordes an den Armeniern könne eine Wiederholung verhindern.

Das armenische Patriarchat in der Türkei hingegen begrüßte Erdogans Rede, in der er erstmals von den "unmenschlichen Folgen" der Vetreibung der Armenier gesprochen hatte. Der Ministerpräsident habe eine neue Seite im türkisch-armenischen Verhältnis aufgeschlagen hieß es in einer offiziellen Erklärung. Erdogan hatte die Opfer der Armenier als "gemeinsames Leid" bezeichnet und der Enkel-Generation kondoliert.

Gedenken in der Türkei

Menschenrechtsaktivisten in Istanbul erinnerten am Donnerstag an den Beginn der Massaker vor 99 Jahren. Mit der Deportation von Armeniern vom Istanbuler Bahnhof Haydarpasa begann am 24. April 1915 die Vertreibung der Volksgruppe. Bei Massakern und Todesmärschen wurden im Osmanischen Reich nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Armenier während des Ersten Weltkriegs getötet. Armenien, mehr als 20 andere Länder und viele Historiker stufen die Vorgänge als Völkermord ein, die Türkei lehnt diesen Begriff dagegen entschieden ab. In Armenien gilt der 24. April als Gedenktag für das Leid.

Türkische Menschenrechtsaktivisten erinnern an Armenien-Völkermord (Foto: Reuters)

Istanbul: Erinnern an die armenischen Opfer

Mehrere türkische Verbände, die sich in einer "Plattform zum Gedenken an den armenischen Völkermord" zusammenschlossen, forderten zum Jahrestag die Anerkennung des Genozids durch die Türkei. Auch die Kurdenpartei BDP rief Ankara zu einer offiziellen Entschuldigung bei den Armeniern auf. Nur eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte garantiere, dass sich ähnliche Gräueltaten nicht wiederholen.

Die rechtsnationalistische MHP warf dem türkischen Ministerpräsidenten hingegen vor, mit seiner Stellungnahme gegen die Interessen des Landes gehandelt zu haben. Es habe keinen Völkermord gegeben.

Internationales Lob für Erdogan

Die USA begrüßten die Äußerungen Erdogans als "positiven Schritt". US-Präsident Barack Obama rief zugleich in einer Erklärung zu einer "vollständigen, offenen und genauen Anerkennung" der Geschehnisse auf. Obama wandte sich nicht direkt an seinen türkischen Verbündeten in der transatlantischen Militärallianz NATO und benutzte auch nicht das Wort "Völkermord". Das US-Außenministerium erklärte unterdessen, Erdogans "historische" Einlassungen könnten eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei einleiten.

Auch der französische Präsident François Hollande lobte Erdogan, forderte aber zugleich weitere Schritte von der Türkei. "Das war ein Wort, das man hören musste, doch das kann noch nicht reichen", sagte Hollande bei einer Gedenkfeier in Paris mit Blick auf Erdogans Erklärung. Hollande kündigte an, an der Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan im kommenden Jahr teilnehmen zu wollen. Frankreich hat eine bedeutende armenische Exilgemeinde und tritt daher seit langem mit Nachdruck für die Anerkennung der Massaker als Genozid ein.

nis/det (afp, dpa)