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Fokus Osteuropa

Armenien-Türkei: Fußball verbindet die Völker

Die verfeindeten Nachbarstaaten Armenien und die Türkei wollen diplomatische Beziehungen aufnehmen. Das Eis gebrochen hat nicht zuletzt die Begeisterung für das runde Leder.

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Die Meldung wirkte wie ein Paukenschlag. Erstmals haben Türken und Armenier einen Zeitplan und Details für Verhandlungen über die Normalisierung ihrer Beziehungen bekannt gegeben. Danach wollen beide Seiten binnen sechs Wochen ein Protokoll mit dem Ziel ausarbeiten, diplomatische Beziehungen aufzunehmen.

Reaktionen in Armenien

Die Anhänger einer Annäherung an die Türkei sind in der Mehrheit. Dabei stehen vor allem wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund. Viele Menschen sind überzeugt, dass es besser sei, mit der Türkei direkt und nicht über Zwischenhändler in Georgien oder im Iran Geschäfte zu machen. Türkische Waren könnten dadurch günstiger werden. Daneben gibt es ganz profane Erwägungen: Viele Armenier würden gerne künftig direkt von Armenien aus an die Urlaubsstrände der türkischen Riviera fahren. Derzeit müssen Touristen einen Umweg über Georgien nehmen, der über eine 300 Kilometer lange schlecht ausgebaute Straße führt. Jerewan ist hingegen nur 60 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt.

Gegner einer Grenzöffnung Richtung Türkei ist die Partei Armenische Revolutionäre Föderation Daschnakzutjun. Sie warnt, die Türkei könnte den kleinen armenischen Markt schlucken. Günstige türkische Waren würden dann einheimische Produkte vom Markt verdrängen. Außerdem stellt Daschnakzutjun die Frage, was man den Türken im Gegenzug anbieten müsse? Inwieweit wird sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Ankara auf die Lösung des Karabach-Konflikts auswirken? Wird man Zugeständnisse machen müssen, was das Gedenken an die Opfer von 1915 im Osmanischen Reich angeht?

Fußball-Diplomatie

Im vergangenen Jahr hatte man es als Anzeichen für Tauwetter in den armenisch-türkischen Beziehungen gewertet, dass der türkische Präsident Abdullah Gül zum WM-Qualifikationsspiel Armenien-Türkei nach Jerewan flog. Doch nun, da das Rückspiel im Oktober ansteht, hatte es so ausgesehen, als würde Armeniens Präsident Sersch Sarkisjan nicht den Gegenbesuch antreten. Er hatte sogar erklärt, er werde nur in die Türkei reisen, wenn die Grenze geöffnet werde oder eine Öffnung unmittelbar bevorstehe. Möglicherweise hat es sich Sarkisjan nun doch anders überlegt.

Die Ursachen für den Streit gehen weit zurück

Die diplomatische Eiszeit herrscht seit 1993. Die Türkei brach die Beziehungen im Streit um die Enklave Berg-Karabach ab und schloss die Grenze zu Armenien. Türkische Staats- und Regierungschefs hatten wiederholt erklärt, die Grenze sei 1993 auf Initiative der Türkei als Zeichen der Solidarität mit Baku geschlossen worden, und eine Öffnung sei nur nach einer Lösung des Berg-Karabach-Konflikts zu Gunsten Aserbaidschans möglich. Tatsächlich fuhren zuletzt vor 16 Jahren Züge über die türkisch-armenische Grenze. Damals war die Türkei unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft gezwungen worden, Getreidelieferungen nach Armenien passieren zu lassen, das zu dem Zeitpunkt unter einer schweren Energie- und Nahrungsmittelkrise litt.

Der Konflikt liegt aber noch tiefer: Es geht um die unterschiedliche geschichtliche Wertung der Ereignisse von 1915 im Osmanischen Reich. Armenien spricht von bis zu 1,8 Millionen getöteten Landsleuten und von Völkermord. Die Türkei geht von 200.000 Toten aus und weist den Genozid-Vorwurf zurück.

Autor: Aschot Gasasjan / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Birgit Görtz

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