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Europa

Armenien gedenkt des Völkermordes vor 95 Jahren

Von 1915 bis 1916 vertrieb die türkische Regierung zwei Millionen Armenier aus ihren Siedlungsgebieten. Weit über eine Million kamen dabei ums Leben. Wie gehen die Opfer und ihre Nachfahren heute mit der Erinnerung um?

Das Genozid-Denkmal in der armenischen Hauptstadt Eriwan (Foto: Mareike Aden)

Genozid-Denkmal in der armenischen Hauptstadt Eriwan

In Archiven wie dem des deutschen Auswärtigen Amtes liegen sie zu Tausenden - Papiere, Briefe und Tagebucheintragungen, die Zeugnis ablegen. Zeugnis über den ersten Völkermord im 20. Jahrhundert. Ein Jahr lang, von 1915 bis 1916, vertrieben türkische Truppen und Polizisten - sekundiert von kurdischen Banden und entlassenen Kriminellen - unter stillschweigender Duldung der mit der Türkei verbündeten deutschen Regierung etwa zwei Millionen Armenier aus ihren angestammten Heimatgebieten. Bis heute wird dieses Verbrechen von der türkischen Regierung geleugnet. Trotz der erschütternden Augenzeugenberichte, die sich in Archiven in aller Welt befinden. Die Armenier gedenken am Samstag (24. April 2010) - nach 95 Jahren - nun wieder der Opfer des Genozids.

1,5 Millionen Menschen kamen ums Leben

Zeremonie Gedenken an den Völkermord an Armeniern 2005 (Foto: AP)

Vor fünf Jahren: Gedenken zum 90 Jahrestag des Völkermords

In den Archiven findet sich auch die Aussage des damaligen Botschafters der USA in der Türkei, Henry Morgenthau: "Die Menschen wurden fast ohne Vorwarnung aus ihren Häusern gezerrt, wurden gezwungen, durch die Wüste loszumarschieren. Tausende von Frauen und Kindern starben auf diesen Zwangsreisen. Und zwar nicht nur vor Hunger und Erschöpfung, sondern weil sie der unmenschlichen Grausamkeit ihrer Wächter zum Opfer fielen." 1,5 Millionen Armenier haben das Morden nicht überlebt. Bis heute hält die türkische Regierung ihr Volk in einer manipulierten Geschichtsschreibung gefangen. Wer offen darüber spricht, wie der Journalist Hrant Dink, wird ermordet. Oder er muss, wie der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk, zeitweise aus dem Land fliehen.

Schon im Jahre 1965 wurde auf dem Hügel Tsitsernakaberd, hoch über der armenischen Hauptstadt Eriwan, eine riesige Gedenkstätte errichtet. Steinstelen bilden eine Kuppel über einer ewigen Flamme. Musik dringt aus Lautsprechern. "Es gab eine Zeit, da durften wir nicht einmal hier öffentlich trauern. Die Sowjetunion wollte keinen Ärger mit der Türkei", erinnert sich der Historiker Lawrentij Barseghian. Das aber ist lange her. Längst sind die jährlichen Gedenktage am 24. April mächtige Anklagen gegen den türkischen Nachbarn, der nicht zu seiner geschichtlichen Verantwortung stehen will.

Türken müssen mutig Verantwortung übernehmen

Karte mit der Verortung von Armenien (Karte: DW)

In den Katakomben des Genozid-Museums Tsitsernakaberd bekommen die Gräuel von damals auf riesigen Fotos ein Gesicht. Tsitsernakaberd ist das Yad Vashem der Armenier. Sie können nicht verstehen, warum der Holocaust an den Juden im Zweiten Weltkrieg weltweit als Völkermord anerkannt ist, nicht jedoch der Massenmord an ihrem Volk, der Hitler die Blaupause für die Vernichtung der Juden lieferte. So zumindest sieht es ein Besucher des Museums, der junge Schriftsteller Wahe Arsen: "Wenn solche Massaker dein eigenes Volk betreffen, dann tragen die Nachfahren dies immer in ihrem Blut. Dieser Völkermord ist eine Tatsache. Und er verfolgt uns wie ein Schatten."

Wie Hundertausende andere Armenier wird auch der Schriftsteller Howhannes Grigorjan am 24. April den Hügel erklimmen und Blumen niederlegen. Auch wenn er nicht daran glaubt, dass er es noch erleben wird, so teilt er mit vielen seiner Landsleute die Auffassung, dass die Türken sich eines Tages zu ihrer Verantwortung bekennen werden. "Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg - wie Wasser durch Stein. Die Deutschen haben sich zum Völkermord an den Juden bekannt. Das hat ihnen weltweit Achtung und Respekt eingebracht. Wenn die Türken ein mutiges Volk sind, werden auch sie sich ihrer Verantwortung stellen."

Autor: Mirko Schwanitz
Redaktion: Nicole Scherschun

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