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Asien

Armee mit Handtuch und Sandalen

China hat das größte Reisevolk der Welt. Für Peking ein außenpolitischer Trumpf, den man nicht unterschätzen sollte, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Im vergangenen Jahr waren die Chinesen erstmals vor den Deutschen und Amerikanern Reiseweltmeister. Dieses Jahr werden sie den Titel erfolgreich verteidigen: 116 Millionen Chinesen, so schätzt die chinesische Tourismus-Akademie, werden bis Ende des Jahres eine Auslandsreise angetreten haben - das sind noch einmal 20 Millionen mehr als vergangenes Jahr. Und klar ist auch: Die Chinesen haben durchaus eine große Bedeutung - zumindest für die Ladenbesitzer. Denn chinesische Urlauber geben pro Kopf für ihre Reisen mit durchschnittlich 2.500 Euro mehr aus als jede andere Nation.

Chinas Nachbarstaaten haben das früh erkannt und ihren Tourismus längst für die Gäste aus dem Reich der Mitte optimiert. Wie beispielsweise Südkorea, wo Chinesen mit über vier Millionen Besuchern knapp 44 Prozent des gesamten Tourismus ausmachen. In Thailand hat das Militärregime im August damit angefangen, kostenlose Visa für Chinesen zu verteilen. In Malaysia gibt es bereits Resorts und Freizeitparks, die ausschließlich für den chinesischen Massentourismus angelegt sind. Jedes Jahr werden dort rund 20 Prozent der Einnahmen aus dem Tourismus allein von chinesischen Gästen generiert.

Tourismus als politisches Druckmittel?

Umso mehr schmerzt es, dass China seit dem Verschwinden von Flug MH370 nicht mehr all zu gut auf Malaysia zu sprechen ist. Ein Drittel weniger Besucher aus China verzeichnete Malaysia seit Mai dieses Jahres. Resorts bleiben leer und Arbeitsplätze fallen weg. Auch in Vietnam ist die Zahl chinesischer Touristen auf Jahresbasis um 30 Prozent zurückgegangen. Das Land streitet sich mit seinem großen Nachbarn um Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer. Der Streit eskalierte im Sommer, als eine Gruppe von Demonstranten ein Industriegebiet im Süden Vietnams stürmte und mehrere chinesische Fabriken zerstörte.

Kolumnist Frank Sieren (Foto: Frank Sieren

Kolumnist Frank Sieren

Am schlimmsten trifft es allerdings die Philippinen. Hier zeigt Peking gerade, dass es verstanden hat, Tourismus auch als politisches Druckmittel einzusetzen. Peking ärgert es, dass die Philippinen Ende September gemeinsam ein Marinemanöver mit den USA abgehalten haben. Als Antwort auf diese Streitereien im Südchinesischen Meer und anti-chinesische Proteste hat Peking eine Reisewarnung für die Philippinen rausgegeben. Mit fatalen Folgen: Fluggesellschaften mussten mehr als 140 Flüge streichen und auf rund 24.000 Gäste verzichten. Chinesen ließen bis August knapp 145 Millionen Dollar in den Philippinen. Im September, kurz nach Veröffentlichung der Reisewarnung, wurden Buchungen im Wert von mehr als zehn Millionen Dollar storniert. Knapp zwei Drittel der Besucher sagten ihren Urlaub ab.

Zahl der chinesischen Touristen dürfte weiter steigen

Besser läuft das Geschäft dagegen jetzt wieder für Japans Tourismusbranche. Der Streit zwischen China und Japan um die Gewässer rund um die Senkaku-Inseln im Chinesischen Meer hat sich in den vergangenen Monaten deutlich entspannt. Und das schlägt sich auch gleich auf die Zahl chinesischer Touristen in Japan nieder: Die Zahl der Chinesen, die nach Japan reisten, hat sich im laufenden Jahr fast verdoppelt. Aber auch hier gilt: Wenn Peking möchte, kann es auch hier per Reisewarnung und striktere Visa-Vergabe die Handbremse anziehen.

Peking zeigt also eindrucksvoll, dass man nicht unbedingt Flugzeugträger braucht oder mit den Kürzungen von Rohstofflieferungen drohen muss, um außenpolitisch ein wenig die Schrauben anziehen zu können. Eine Armee von Touristen genügt schon. Momentan mögen diese Kräfte vor allem noch Chinas direkte Nachbarn zu spüren kriegen. Aber auch die Touristenregionen in Europa und in Amerika müssen sich darauf einstellen, abhängiger von Peking zu werden. Die Chinesen mögen zwar schon jetzt das größte Reisevolk der Welt sein. Trotzdem stehen sie mit ihren 116 Millionen Auslandreisenden noch ganz am Anfang. Bis 2030 sollen 535 Millionen Chinesen ins Ausland reisen. Und diese halbe Milliarde reisender Menschen ist ein außenpolitischer Trumpf, den man nicht unterschätzen sollte.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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