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Alltagsdeutsch – Podcast

Arm und Reich

Armut und Reichtum: Wie in fast allen Großstädten auf der Welt findet man die beiden Gegensätze auch in der norddeutschen Stadt Hamburg. Hier wie dort gibt es Wohlhabende, die sich für die Schwächsten engagieren.

Sprecher:
Arm und Reich. Diese Gegensätze liegen auch in Deutschland oft ganz nah beieinander. Die Hafenstadt Hamburg zum Beispiel, im Norden Deutschlands an der Elbe gelegen, gilt als die reichste Stadt Europas, was das private Vermögen angeht. Heute erzählen wir von einer Frau und einem Mann, deren Leben so verschieden sind wie sie nur sein können, und dennoch engagieren sich beide aus ähnlichen Gründen für Projekte, die den Ärmsten der Stadt helfen sollen.

Sprecherin:

Klara Braun ist eine wohlhabende Dame, die in einer privilegierten Umgebung wohnt, in Blankenese. Dieter war vor einiger Zeit noch obdachlos und lebte auf den Straßen des armen Stadtteils St. Pauli.

Sprecher:

Klara Braun arbeitet im Hamburger Spendenparlament, das gegen Armut, Obdachlosigkeit und Einsamkeit kämpft.

Sprecherin:

Dieter organisiert den Vertrieb der Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunzt", die 1993 von Pastor Stefan Reimers, dem Leiter des Diakonischen Werkes ins Leben gerufen wurde. Dieter erinnert sich:

O-Ton Dieter:
"Kommt so 'nen hohes Tier, sag' ich mal, und fragt jetzt die Obdachlosen, ob wir helfen können. Jedenfalls haben wir dann gesagt, gut wir machen das unter einer Voraussetzung: Wenn wir den Vertrieb dieser Zeitung machen dürfen. Überzeugt hat uns erstmal gar nichts. Es war vielleicht mehr Neugierde, um überhaupt so was mitzumachen und um selber etwas um die Ohren zu haben. Nicht mehr tagtäglich auf der Straße zu liegen, sondern tatsächlich 'ne Aufgabe zu haben."

Sprecher:

Für Dieter war Landespastor Stefan Reimers damals tatsächlich ein hohes Tier, also jemand, der in der sozialen Rangordnung weit über ihm stand. Das war damals seine Empfindung, als er auf der Straße lag, das heißt im Klartext arbeitslos war und keine Wohnung hatte. In dieser Lage hatte er sich damals gewünscht, etwas um die Ohren zu haben, er hätte eben gerne etwas zu tun gehabt, also gearbeitet.

Sprecherin:

Klara Braun ist eine pensionierte Lehrerin, Mutter, Großmutter, eine Durchschnittsfrau wie sie findet. Das Spendenparlament gibt es seit dem Februar 1996. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern. Das Spendenparlament ist mit der renommierten Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet worden wegen des sozialen Engagements. Es gibt einen Hauptgrund, warum sie da mitmacht.

O-Ton Klara Braun:

"Es ist die Verantwortung für unsere Stadt und zwar aus unterschiedlichen Motiven. Es sind sicherlich viele, die vom christlichen Ansatz her kommen. Es sind andere, die vom sozialen Ansatz her kommen. Die Ansätze sind unterschiedlich, aber wir haben alle dasselbe, dieses, ich glaube, es war wohl Exupéry, der mal gesagt hat, du bist verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast."

Sprecherin:

Die Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunzt" wurde das erste Mal im November 1993 verkauft, zunächst mit einer Auflage von 30.000 Stück im Monat. Mit ihrem Titel spielt sie bewusst auf den Ausdruck etwas ist für Hinz und Kunz an. Das sind recht häufige Nachnamen in Deutschland. Hinz und Kunz meint – im übertragenen Sinne – alle. Es soll also eine Zeitung für jedermann sein und das ist sie mittlerweile auch. Der Blickwinkel mancher Hamburger gegenüber den Armen der Stadt hat sich verändert. "Hinz und Kunzt" wirbt für Verständnis, soll aber kein Sprachrohr für die Obdachlosen sein. So werden nicht nur soziale Themen behandelt wie zum Beispiel: Was machen Sozialdetektive? – Wer sind die größten Arbeitsplatzvernichter der Stadt? Oder, wie leben die Obdachlosen – auch abschätzig im Volksmund Penner genannt – in der U-Bahn? Man berichtet auch über das kulturelle Leben der Stadt, porträtiert Künstler, schreibt über Museen und Theateraufführungen. Dazu die Chefredakteurin Birgit Müller:

O-Ton Dieter:

"Dieses Blatt soll kein Jammerblatt sein. Es sollten soziale Themen locker geschrieben werden, so dass es jemand, der auch müde von der Arbeit kommt, in der S-Bahn lesen kann und es sollte nicht so runterziehen, das heißt also, man sollte nicht – wie in anderen Medien – so einen Skandal nach dem anderen haben, wo man hinterher hilflos zurückbleibt nach dem Motto 'Ja, wir haben es ja immer gewusst', 'kein Vertrauen zu niemand' und irgendwie diese Politikverdrossenheit fördern, sondern wir wollten, dass, wenn wir über soziale Themen schreiben, wir auch Möglichkeiten aufzeigen, was man dagegen tun könnte. Wir haben es eher als nötig erachtet, dass Obdachlose, Wohnungslose und Arme in unserer Gesellschaft, Ausgegrenzte in unserer Gesellschaft, eine Lobby haben. Jede Firma, jede popelige Firma in jeder Branche hat heutzutage ihre Lobby. Nur unsere Leute hatten keine."

Sprecher:

"Hinz und Kunzt" soll kein Jammerblatt sein und nicht runterziehen. Im Umkehrschluss heißt das wohl, die Zeitung soll Mut machen und motivieren. Wer jammert, der bedauert sich selbst, ist wehleidig und passiv. Er ändert an seiner schlechten Lage nichts. Er lässt sich runterziehen, er gerät also in eine schlechte Stimmung und macht sich selber klein und ängstlich. Das soll die Zeitung natürlich nicht bewirken. Ihr Stil ist locker. Die Artikel sind also mit einer gewissen Leichtigkeit geschrieben, lässig und unkonventionell. "Hinz und Kunzt" will die Interessen der Ausgegrenzten in der Gesellschaft formulieren. Normalerweise ist die Grenze Teil eines fest umschlossenen Gebietes, das an ein anderes grenzt. Grenzt man jemanden aus, so verstößt man ihn aus seinem Leben. In Hamburg hat man zum Beispiel versucht, Bettler auszugrenzen, das heißt aus der Innenstadt zu vertreiben, aber sie hatten vor allem in den Kirchen eine Lobby. Lobby ist die Wandelhalle beim britischen oder US-amerikanischen Parlament. Im übertragenen Sinn ist die Lobby eine Interessengruppe, die versucht, politische und soziale Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen und popelig ist manche Firma dann, wenn sie klein und schäbig ist.

Sprecherin:
Im Hamburger Spendenparlament hat mit 20 Leuten hat alles angefangen. Einmal im Monat treten Menschen vor das Parlament, die von ihrer Arbeit erzählen. Ob das nun offene Drogenarbeit ist, oder zum Beispiel das Café Sperrgebiet, in dem man sich um jugendliche Prostituierte kümmert. Wer will, kann sich die Projekte auch vor Ort anschauen. Dann wird darüber abgestimmt, wohin das Geld fließen soll. Die Mitglieder des Spendenparlaments wissen, wohin ihr Geld geht.

O-Ton Klara Braun:

"Wir haben die Finanzkommission, die eingehende Anträge sehr gründlich prüft vor Ort, diese Projekte, Initiativen besucht, alles abklopft nach Seriosität, ob das Geld nicht da in ein Loch fällt, ob es, wie es verwendet wird, und die Finanzkommission arbeitet Vorschläge aus, um mit der Einladung, also drei Wochen vor Parlamentssitzung hat jeder Parlamentarier alle Anträge, über die er abstimmen kann, in einer Kurzbeschreibung vorliegen.

Sprecher:

"Wenn ein Arzt jemanden abklopft, will er hören, ob die Lunge et cetera in Ordnung sind. Wenn hier ein Projekt abgeklopft wird, ist das natürlich nur bildlich gemeint. Man untersucht es auf seine Ernsthaftigkeit und ob es sinnvoll ist. Warum man das tut? Damit das Geld nicht in ein Loch fällt, das heißt damit das Geld nicht falsch verwendet oder gar verschwendet wird.

Sprecherin:

Einmal im Monat gibt es bei "Hinz und Kunzt" Redaktionskonferenz. Professionelle Journalisten schreiben die meisten Artikel. Die Obdachlosen verkaufen die Zeitung und können den größten Teil des Erlöses für sich behalten. Sie können allerdings auch – wenn sie wollen – eigene Reportagen machen oder Fotos in die Zeitung bringen. Dieter hat in seinem Leben alles durchgemacht, was so häufig die Biografie eines Obdachlosen ausmacht. Scheidung, Alkohol, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und schwindendes Selbstwertgefühl. Heute kann er darüber mit leichter Selbstironie sprechen.

O-Ton Dieter:

"Ich hab' auf St. Pauli Platte gemacht, hatte ja natürlich auch wieder 'nen bisschen Glück dabei. Ich hab' 'ne Baustelle gehabt, die hat' ich von unten an bis nach oben mit hochgezogen, war hinterher schon so 'nen halber Hausmeister da, nur 'ne Wohnung konnt' ich da drin nicht kriegen, also, die waren alle schon vergeben. Platte machen ist gefährlich, oder kann gefährlich sein, man lebt in Angst. Der Bau, der stand schon fast und ich hatte schon mein eigenes Zimmer da, schön ausgelegt mit dicken Styropor-Platten, und eines Nachts lag ich da auch, muss betonen, nur in Unterhose. Auf einmal hallten Schüsse durch den Bau und es standen dann drei Polizisten vor mir mit vorgehaltener Pistole und ich musste mich dann an die Wand stellen, die Hände an die Wand und man hat mich nach Waffen abgekloppt. Ne Stunde hab' ich herzlich gelacht darüber, eben kloppen Se mal einen ab, der nur 'ne Unterhose hat, nach Waffen."

Sprecher:

Platte machen ist ein Ausdruck der Obdachlosen für im Freien schlafen. Der kommt aus der Gaunersprache und heißt vollständig Platte Penne machen. Natürlich hat Dieter den Bau nicht wirklich mit hochgezogen, aber in ihm gelebt. Und so sein Wachsen miterlebt. Er fühlte sich deshalb als Hausmeister, als halber allerdings. Halb hat manchmal im Deutschen die Bedeutung von fast, beinahe oder so gut wie, aber eben nicht richtig.

Sprecherin:

Klara Braun lebt in einer der schönsten Wohngegenden Hamburgs und einer der berühmtesten dazu, in Blankenese. Da, wo sich früher einmal die pensionierten Kapitäne niedergelassen haben. Auf den Hügeln des Stadtteils stehen Villen in parkähnlichen Gärten und große Häuser mit wunderschönem Blick über die Elbe. Eine idyllische Umgebung, in der es keine materielle Not gibt.

O-Ton Klara Braun:

"Ich sehe meine Umgebung auch als Verpflichtung. Es ist für mich eine, eine Möglichkeit der Dankbarkeit für mein Schicksal, auch wenn es bei mir und meinem Mann so ist, dass wir es uns erarbeitet haben, mehr oder weniger hart. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass es Millionen Menschen gibt, die genauso hart wie ich gearbeitet haben, aber nicht in jetzt solche Situation haben."

Sprecherin:

Das Spendenparlament hat etliche Projekte für Obdachlose mit Geld unterstützt, unter anderem auch den sogenannten Mitternachtsbus. In den kalten und langen Winternächten fahren ihn ehrenamtliche Mitarbeiter durch Hamburg und suchen Obdachlose auf, die dann noch im Freien schlafen. Sie verteilen Decken, warme Getränke, Essen und wer sich besonders einsam fühlt und ein Gespräch braucht, bekommt auch dieses.

O-Ton Klara Braun:
"Ganz sicher stimmt es nicht, was so leicht gerade bei den sozial Schwachen doch so leicht hochkommt, diese Schublade 'reich und hartherzig und schlecht' und 'arm und gut'. Das hab' ich auch gerade durch Arbeit im Spendenparlament erkannt, dass es hier wirklich ganz Reiche gibt, die den Blick für, für die Armut nicht verloren haben und die vor allen Dingen ein ganz hohes Verantwortungsbewusstsein haben."

Sprecher:

Wenn den Menschen etwas hochkommt, dann stößt es ihnen so auf wie das Essen aus dem Magen. Der Mensch erinnert sich also an eine Sache in höchst negativem Sinne. Und Schublade ist ein Behälter oder Kasten, den man hinein und hinaus schiebt und darin Dinge ordnet. Wenn nun ein Mensch einen anderen in eine Schublade steckt – und das hat Klara Braun hier gemeint – dann ordnet er diesen ein, hat seine ganz feste Meinung über ihn oder sogar ein richtiges Vorurteil.

Sprecherin:

Wer bei "Hinz und Kunzt" als Verkäufer arbeitet, muss wohnungslos oder obdachlos sein und das belegen können. Es gibt einen Ausweis und als Starthilfe zehn Zeitungen. Während des Verkaufs darf man weder Alkohol noch Drogen nehmen, nicht betteln und nur an den Stellen stehen, die dem Verkäufer zugewiesen worden sind. Dieter lebt seit einiger Zeit wieder mit einer Frau zusammen – in einer relativ normalen Umgebung. Am Anfang war das für ihn eine ganz schöne Umstellung.

O-Ton Dieter:

"Ich vergleich' das immer, wenn man mal drei oder vier Jahre im Krankenhaus gelegen hat, man muss wieder laufen lernen. Es (gibt) Leute, die haben fünfzehn oder zwanzig Jahre auf der Straße gelebt, die müssen wieder wohnen lernen."

Sprecherin:

Dieter hat, als er noch obdachlos war, bereits für "Hinz und Kunzt" gearbeitet. Diese Arbeit hat ihm geholfen, sich selber wieder zu mögen, Selbstwertgefühl zu entwickeln und zurück in ein normales Leben zu finden. Bei den vielen obdachlosen Verkäufern, die sich bei ihm Zeitungen abholen, sieht er ähnliche Prozesse in Gang kommen.

Sprecherin:

Klara Braun hat von der ehrenamtlichen Arbeit im Spendenparlament profitiert. So manche festgefügte Meinung – im Laufe ihres Lebens entstanden – hat sie noch einmal verändern können durch den Kontakt mit den sozial Schwachen in ihrer Stadt. Und dadurch hat sie erst so manches wirklich begriffen.

O-Ton Klara Braun:
"Unser erster Paragraf ist das Grundgesetz: Die Würde des Menschen. Das ist mir sehr bewusst geworden, dass also auch der Penner am Hauptbahnhof so wie er da mit seinem Schicksal lebt, so wie er sich gibt, dass auch er noch eine Würde hat."

Fragen zum Text

Ein hohes Tier ist…

1. ein Tier, das besonders groß ist.

2. jemand, der eine wichtige Position hat.

3. etwas, das unerreichbar ist.

Exupéry ist der Name…
1. eines französischen Philosophen.

2. eines französischen Schriftstellers.

3. eines deutschen Pfarrers mit französischen Vorfahren.

Durch Hamburg fließt…

1. die Donau.

2. der Rhein.

3. die Elbe.



Arbeitsauftrag

Schreiben Sie eine Reportage über die Ärmsten der Armen in Ihrer Stadt. Recherchieren Sie hierzu, welche Initiativen es gibt, um diesen zu helfen. Was würden Sie selbst unternehmen, um etwas zu verändern?

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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