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Deutschland

Arm, ärmer, Integrationslehrer

In Berlin und Düsseldorf demonstrierten freiberufliche Dozenten für höhere Honorare. Derzeit erhalten die Lehrer, die Flüchtlingen unter anderem Deutsch beibringen sollen, eine Vergütung, von der sie kaum leben können.

Deutschland stemmt derzeit eine Mammutaufgabe. Über eine Million Menschen sind im Jahr 2015 in die Bundesrepublik geflohen, der allergrößte Teil von ihnen dürfte bleiben. Die Neuankömmlinge mit Geschichte, Kultur, Institutionen und vor allem der Sprache des Landes bekannt zu machen, diese Aufgabe übernehmen die Lehrkräfte der Integrationskurse. Ihre Zahl ist hoch: Mehr als 20.000 Dozenten unterrichten derzeit im Auftrag des Innenministeriums bundesweit an knapp 1500 Bildungsträgern - etwa an Volkshochschulen, in Vereinen, Wohlfahrtsträgern und weiteren Einrichtungen.

Für das Bundesinnenministerium stehen die Integrationskurse im Zentrum der Integrationsanstrengung. Doch die dort arbeitenden freiberuflichen Dozenten sind mit ihrer Arbeit seit langem unzufrieden. Darum sind sie in Düsseldorf und Berlin auf die Straße gegangen. "Unsere vom Innenministerium vorgegebenen Arbeitsbedingungen sind schlecht und werden noch schlechter", heißt es in einem im Internet kursierenden Aufruf. Darum fordern sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das dem Innenministerium unterstellt ist, nun eine höhere Vergütung.

Prekäre Lage

Tatsächlich sei die Lage vieler Dozenten "sehr prekär", sagt Corinna Becker, die bei einem Freien Träger als Dozentin für Integrationsurse arbeitet. Den meisten freien Dozenten sei ihr Beruf eine Herzensangelegenheit. "Aber viele Lehrkräfte sind gezwungen aufzustocken. "Dies gelte zumindest für die Ferienzeiten, während derer die Dozenten nicht unterrichteten und darum einen Verdienstausfall hätten. "Entsprechend leben viele auf einem niedrigen finanziellen Niveau", erklärt sie im Gespräch mit der DW.

Migranten im Deutschkurs (Foto: picture-alliance/dpa/W. Grubitzsch)

Integrationskurse sind gelegentlich auch Alphabetisierungskurse

Auf welchem finanziellen Niveau die meisten Dozenten arbeiten, hat der "Bonner Offene Kreis" (BOK), der mit zu den Demonstrationen aufruft, in einer Modellrechnung demonstriert. Die freiberuflichen Lehrkräfte seien zu 100 Prozent renten-, kranken- und pflegeversicherungspflichtig. Sie hätten keinen Anspruch auf Honorarfortzahlung im Krankheitsfall, ebenso wenig auf Urlaubsgeld und auf Honorare an Feiertagen, die auf einen Werktag fallen. Auch könnten sie keine Ansprüche stellen, wenn Kurse nicht zustande kommen.

Derzeit erhalten freiberufliche Dozenten 20 Euro pro Unterrichtsstunde. Damit, hat der BOK errechnet, erzielten freiberufliche Dozenten ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von rund 23.500 Euro. Nach Abzug von Steuern und Versicherungsbeiträgen bleibe ein Nettoeinkommen von rund 14.145 Euro pro Jahr – das macht im Monat 1178 Euro.

Honorarniveau von 2005

Ab März werden die Honorare zwar erhöht,, allerdings nur um 16 Cent je Unterrichtsstunde und Teilnehmer. "Lehrkräfte dürfen sich dann über einen satten Jahresverdienst von circa 12.000 Euro freuen und befinden sich damit endlich wieder auf dem Honorarniveau von 2005", spottet der BOK in einer Stellungnahme.

Angesichts dieser Summe sparen Dozenten, wo sie nur können. Einige zahlen trotz Versicherungspflicht keine oder zu geringe Beiträge in die Rentenkassen ein. "Letztendlich haben wir es hier mit pädagogischen Tagelöhnern zu tun", schreibt der an der Hochschule Koblenz lehrende Volkswirtschaftler Stefan Sell.

Asylbewerber in einem Integrationsurs, 04.02.2016 (Foto: dpa)

Entscheidender Schritt zum erfolgreichen Leben in Deutschland: Integrationskurse

Zudem, so Sell, erschwere auch die Vielzahl der Träger für Integrationskurse - rund 1800 gibt es in Deutschland - die Arbeitsbedingungen. "Das bedeutet, wir sind mit einer unglaublichen Kleinteiligkeit der Trägerlandschaft als Regelform konfrontiert und eine kleine Volkshochschule wird eine Festanstellung zu vermeiden versuchen wie der Teufel das Weihwasser angesichts der Arbeitgeberrisiken, die man damit übernehmen muss." Die hohe Zahl der Träger, so Sell weiter, trage zudem zur Isolation der Lehrkräfte bei. Als "auf sich selbst gestellte 'Arbeitskraftunternehmer'" müssten sie sich größtenteils alleine durchschlagen.

Für bessere Arbeitsbedingungen

Die Lehrkräfte gehen aber auch für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße. Die hätten sich in den vergangenen Monaten insofern verschlechtert, als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Qualifizierungsmaßnahmen gestrichen habe, berichtet Corinna Becker. Sie selbst unterrichte etwa in Alphabetisierungskursen. Denn viele Zuwanderer hätten entweder keine Schule besucht oder müssten nun eine Zweitschrift – in diesem Fall die lateinischen Schriftzeichen – lernen. "Da bräuchten wir eigentlich unbedingt eine Qualifizierungsmaßnahme, weil es weit über das hinausgeht, was der normale Deutschunterricht fordert."

Ebenso wenden sich die Dozenten gegen die Erhöhung der Teilnehmerzahl der Kurse. Am Unterricht nähmen statt bisher 20 fortan 25 Personen Teil. "Das klingt zunächst nicht allzu dramatisch", sagt Corinna Becker. "Aber für uns macht es einen großen Unterschied. Denn die Gruppen sind ohnehin sehr heterogen. Das spiegelt sich etwa in einem sehr unterschiedlichen Lerntempo der einzelnen Teilnehmer."

Die freien Dozenten sind entscheidende Bindeglieder zwischen den Migranten und der neuen Heimat. In ihrem Honorar, finden sie, spiegelt sich das noch nicht.

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