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Filme

Arktische Eröffnung der 65. Berlinale

Der Auftakt war eisig. Zumindest auf der Leinwand. Auf dem roten Teppich hingegen herrschte gute Laune. Festivaldirektor Dieter Kosslick hatte mit Isabel Coixet die Regisseurin des Eröffnungsfilms eingeladen.

Am Anfang stirbt ein Bär. Das war schon ein überraschender Auftakt für ein Festival, bei dem am Ende ein Goldener und eine Handvoll Silberne Bären verliehen werden. In "Nobody Wants the Night", dem Film der spanischen Regisseurin Isabel Coixet, wird direkt zu Beginn ein Eisbär erlegt, mit zwei Schüssen ins Herz. Dunkelrot zieht sich anschließend die blutige Spur durch den Schnee. Was folgt, sind zwei Stunden Kampf in Eis und Schnee, ein frostiges Überlebensdrama zweier Frauen in den unendlichen Weiten der Arktis.

Hat Berlinale-Chef Kosslick Coixets Film etwa wegen dieser Bärenszene eingeladen? Wohl eher, weil eine Frau auf dem Regiestuhl saß. Dass Frauen in der Filmbranche benachteiligt werden, darüber hatte es in jüngster Zeit einige Diskussionen gegeben. Noch im vergangenen Jahr war der weitgehende Verzicht auf Regisseurinnen beim Festival in Cannes scharf kritisiert worden. Aktuelle amerikanische und deutsche Studien hatten in jüngster Zeit ebenfalls auf das Problem hingewiesen: Frauen sitzen viel seltener auf dem Regiestuhl als ihre männlichen Kollegen, ihre Projekte werden seltener gefördert.

"Starke Frauen - extreme Situationen"

Deutschlands Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte sich ein paar Tage vor der Berlinale genau darauf berufen und gefordert: "Da muss sich etwas tun." Dass nun eines der drei großen Filmfestivals der Welt mit dem Film einer Frau eröffnet wird, ist also wohl kein Zufall. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet ist seit 1995 erst die zweite Frau, die das seit 1951 bestehende Berliner Festival eröffnet.

Über ihren erfolgreichen Weg als Filmemacherin scherzte sie: "Vielleicht habe ich einen Schwanz." Dann ernster: "Ich bin sehr stur." Sie könne auch vieles opfern und wolle wenigstens die gleichen Steine im Weg haben wie die Männer. Dieter Kosslick kann man auf jeden Fall ein Gespür für Trends und Publikumserwartungen attestieren. "Starke Frauen in extremen Situationen" seien ein Schwerpunkt der diesjährigen Festivalausgabe, hatte er im Vorfeld angekündigt.

Prominenz auf dem Roten Teppich der Berlinale 2015: Juliette Binoche

Die Stars geben sich die Ehre: Juliette Binoche auf dem roten Teppich

Auf der anderen Seite wird der Schwabe an der Spitze des größten deutschen Filmfestivals aber auch immer wieder kritisiert, weil der Wettbewerb, das Herzstück der Berlinale, nicht unbedingt mit vielen filmischen Glanzstücken prunkt. Beides, Trendgespür und magere Filmkost, konnte man nun auch in diesem Jahr wieder beobachten. Mit Coixet wurde eine alte Bekannte der Festspiele eingeladen, das Festival zu eröffnen, ist die 1960 geborene Filmemacherin doch bereits zum sechsten Mal zu Gast in Berlin.

Star bei der Eröffnungsgala, zu der sich rund 1600 Gäste im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz einfanden, war allerdings nicht die Regisseurin, sondern ihre Hauptdarstellerin, die französische Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche. Allerdings wurde "Nobody Wants the Night" sehr verhalten aufgenommen - zumindest in der ersten Aufführung vor der Weltpresse am Mittag. Kaum eine Hand regte sich zum Beifall. Am Abend bei der festlichen Galapremiere war das dann naturgemäß anders.

Nadie quiere la noche Nobody Wants the Night - Filmstill mit Rinko Kiuchi (Foto: Berlinale/Leandro Betancor)

Gedreht wurden die Schneeszenen von "Nobody Wants the Night" nicht in Grönland, sondern in Norwegen

Der Film erzählt eine Episode aus dem Leben der Josephine Peary, der Ehefrau des berühmten Arktisforsches Robert Peary. Der hatte nach einer seiner Arktis-Reisen behauptet, er habe den Nordpol entdeckt; eine bis heute bei Experten höchst umstrittene Aussage. Fakt ist jedoch, dass Josephine Peary ihren Mann auf einigen Expeditionen begleitete. Doch Coixets Film blickt nun gerade nicht auf eine dieser gemeinsamen Expeditionen. Robert Peary spielt in "Nobody Wants the Night" keine Rolle.

Coixet erzählt vielmehr von einer Reise Josephines - im Film gespielt von Juliette Binoche -, die loszieht, um ihren Mann zu suchen. Anfangs reist sie nur in Begleitung eines bärbeißigen Expeditionsleiters (Gabriel Byrne), der allerdings nach einem Eisunfall stirbt. Josephine ist nun in der unwirtlichen Eiswüste Nordgrönlands auf sich allein gestellt. Einzig die schwangere Inuit-Frau Allaka (Rinko Kikuchi) harrt mit ihr in der weißen Einsamkeit aus.

Die Geschichte zweier Frauen

Die so unterschiedlichen Frauen nähern sich im Laufe der Filmhandlung an. Das Drehbuch kreist um die Beziehung der beiden Frauen, ihr Verhältnis ist dramaturgisches Gerüst wie emotionales Zentrum des Films.

Nadie quiere la noche Nobody Wants the Night (Foto: Berlinale/Nadie quiere la noche Nobody Wants the Night - Filmstill mit Rinku Juliette Binoche (Foto: Berlinale/Leandro Betancor)

Zwei Frauen in der arktischen Einsamkeit: Rinko Kiuchi und Juliette Binoche

Josephine, anfangs eine stolz und borniert auftretende moderne Großstadtamerikanerin, muss erkennen, dass das Leben in der arktischen Einsamkeit so ganz anders ist als in ihrer Heimat in New York. Ganz langsam begreift sie, dass sie sich eher auf den Rat der hier heimischen Allaka einlassen sollte, um zu überleben.

Regisseurin Isabel Coixet wollte sich im Anschluss an die erste Vorführung ihres Films vor der Presse nur höchst ungern auf eine Gender-Diskussion einlassen: "Müssen wir über die Geschlechterfrage sprechen?" Das sei doch langweilig, meinte sie lapidar: "Wir vergessen, dass es viel wichtigere Dinge gibt, als immer nur über die Geschlechterrolle zu diskutieren." Gleichwohl fügte Coixet dann ein entschiedenes "Wir sollten mehr tun" nach, also: nicht immer nur reden! Und gleiches Geld für Frauen für gleiche Arbeit sollte es doch auch geben.

Kein Preisfavorit

PK nach dem Film mit Isabel Coixet, Gabriel Byrne, Juliette Binoche (Foto: DW/E. Usi)

Stellten sich den Fragen der weltpresse: Isabel Coixet, Gabriel Byrne, Juliette Binoche (v.l.)

Mit ihrem Film über die wagemutige, wenn auch im Film nicht sonderlich sympathisch anmutende Josephine Peary, hat die Regisseurin zumindest ein Zeichen gesetzt. Sie hat dem Festival einen "weiblichen" Auftakt verliehen. Gut ein Viertel der 441 Premieren der 65. Berlinale seien Filme von Frauen, so Festivalchef Dieter Kosslick. Bleibt abzuwarten, ob die folgenden Filme die Zuschauer mehr mitreißen als "Nobody Wants the Night". Dass der Film, der mit dem Tod eines Bären auf der Leinwand einsetzt, am Ende des Festivals einen Bären abräumt, scheint zumindest zweifelhaft.

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