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Musik

Argentinische Leidenschaft erobert Deutschland

Die Deutschen sind ihm längst verfallen. 2009 erklärte ihn die UNESCO zum Weltkulturerbe, in diesem Jahr kürte der "Dachverband deutscher Tanzschulen" ihn zum "Tanz des Jahres 2010": den Tango Argentino.

Tango tanzendes Paar (Foto: Eric Pawlitzky)

Tangomanie

Während draußen vor dem Fenster die Sonne über der Stadt versinkt, füllt sich drinnen der Saal mit Tanzwilligen. Aus den Lautsprechern ertönt klagend die Musik. Besitzergreifend hat ein Mann den Arm um die Taille seiner zierlichen Partnerin gelegt, eng presst sie sich an ihn. Von der Hüfte aufwärts zwei miteinander verschmolzene starre Körper, von der Hüfte abwärts ein Gewirr kunstvoll ineinander greifender Beine. Zum seufzenden Klagen des Bandoneon bewegt sich das Paar über das Parkett. Es ist die Stunde des Tangos, es ist die Stunde der Leidenschaft.

Der Tanzlehrer gibt einem Paar Tipps - Tangokurs in Köln (Foto: DW / Suzanne Cords)

Der Tanzlehrer gibt Tipps

Die Deutschen im Tangorausch

Das Tango-Fieber hat die Deutschen erfasst, von München bis Hamburg können die Infizierten jeden Abend bei einer anderen Milonga, so nennen Insider den klassischen Tangoabend, ihrer Leidenschaft frönen. "Am Anfang war ich nur neugierig, jetzt ist es wie eine Droge, ich muss immer mehr und mehr tanzen", erklärt Johanna. Seit zwei Jahren geht die 34-jährige regelmäßig drei- bis viermal pro Woche zum Unterricht.

Die Tango-Szene ist bundesweit bestens organisiert: Auf Homepages werden Tango-Festivals und Tanzabende angekündigt, Tango-Kontaktbörsen vermitteln Tanzpartner und Reisebüros bieten spezielle Reisen für Tango-Fans an. Doch bis die Paare gekonnt übers Parkett gleiten, sei es ein langer Weg, betont die argentinische Tanzlehrerin Norma Raimondi: "Der Tango ist einer der schwierigsten Tänze der Welt. Natürlich hängt es vom Talent jedes einzelnen ab, aber drei Jahre muss man schon rechnen, um ganz spontan zur Musik tanzen zu können, ohne sich vorher jeden Schritt überlegen zu müssen." Der 68-jährige Hartmut kann das nur bestätigen. Sieben Jahre hat er gebraucht, bis er sich von dem Muster aus dem Anfängerkurs löste und selbst Schrittfolgen improvisierte. "Das hat sich auf alle Fälle gelohnt", strahlt er und dreht seine Partnerin fast wie ein Profi einmal um die eigene Achse.

Tangokurs in Köln (Foto: DW / Suzanne Cords)

Wohin mit den Beinen?

Ein trauriger Gedanke

"Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann", hat einer der ganz Großen dieser Kunst, Enrique Santos Discépolo, einmal gesagt. Das liegt sicherlich am Geburtsort des Tangos: dem alte Hafenviertel La Boca. Dieses Viertel war Ende des 19. Jahrhunderts Auffangbecken für Scharen von Einwanderern, die in der Stadt am Rio de la Plata ihr Glück suchten. Der Tango war ein Geschenk dieser Immigranten an ihre neue Heimat Argentinien. Sie vermischten die Folklore ihrer Heimat und ihre Instrumente zu einem neuen Klang.

"Der Tango spiegelt alle Facetten des Lebens wider. Er erzählt vom Verrat des Mannes an der Frau und dem der Frau am Mann. Der Tango kennt das Pferderennen, das Glücksspiel, eben einfach alle Dinge im Leben. Daher ist der Tango viel mehr als nur ein Tanz", so Luis Stazo. Der 80-jährige Bandoneonspieler ist ein Meister seines Fachs und trug den Tango Jahrzehnte lang mit dem legendären Sexteto Mayor rund um den Globus. Zunächst habe man Tango nur mit Flöte und Gitarre gespielt, erst später sei das Bandoneon hinzugekommen, erklärt er. "Wir Bandoneonspieler müssen Deutschland sehr dankbar sein, denn dort wurde dieses Instrument erfunden, das so typisch für den Tango ist und seine Seele ausmacht."

Kopf eines Tänzers mit Hut im Nebel (Foto AP)

Tango aus der Unterwelt

Aus den Gossen der Stadt

Tango ist weit mehr als nur ein Tanz: Er ist das Spiegelbild des Lebens. Corazón, amor y sangre, Herz, Liebe und Blut – das war der Dreiklang der Einwandererseele, die nach einem Halt in der fremden neuen Welt suchte. Der Tango besingt die ewige Niederlage des Menschen, den Verrat des Herzens, die Einsamkeit und die Todessehnsucht. In seiner Anfangszeit schämte sich die argentinische Elite für den "ach so obszönen" Tango aus den Gossen der Stadt.

Denn dort, wo die Einwanderer um ihre Träume von Reichtum betrogen wurden, flüchteten viele ins kriminelle Milieu, gaben sich dem Suff hin, dem Glücksspiel und der Prostitution. 1904 warnte die Polizei vor einem Tanz, der "mit seinen unanständigen Gesten einen Wettstreit von Elementen fördert, die am Ende immer zum Messer greifen". Lange hat es gedauert, bis der Tango gesellschaftsfähig wurde. Der Papst setzte ihn auf den Index, und noch 1913 verkündete der argentinische Botschafter in Paris: "Der Tango in Buenos Aires ist ein Tanz, der allein schlecht beleumdeten Häusern und Kneipen der übelsten Sorte vorbehalten ist. Er wird nie in den Salons der guten Gesellschaft getanzt. Für argentinische Ohren ist der Tango mit unangenehmen Vorstellungen verbunden."

Tangotänzerin auf der Bühne (Foto: unkenntlich)

Auch ein populärer Musicalstoff

Berührung der Seelen

Die Warnung kam zu spät. Im gleichen Jahr hielt die Tangomanie Einzug in die Pariser Gesellschaft. In den Goldenen Zwanziger Jahren eroberte er von dort aus die Welt und im 21. Jahrhundert erlebt er ein Revival. Wer einmal den Tango für sich entdeckt hat, der möchte ihn nie mehr missen. "Ich glaube, dass viele Menschen im Tango die Nähe zum anderen suchen, denn in der heutigen Gesellschaft kommt das oft zu kurz", meint der argentinische Tanzlehrer Daniel Perusin. Sich umarmt zu fühlen, selbst umarmen zu können und dabei in der Musik zu schwelgen: genau das mache die Faszination des Tangos aus.

Doch bis die Umarmung richtig genossen werden kann, ist der Tango zunächst mal eine Herausforderung: "Dass der Mann immer führt, war erstmal gewöhnungsbedürftig", lacht Johanna. "Da gibt es bei mir als emanzipierter europäischer Frau doch oft die Tendenz, das Zepter in die Hand nehmen zu wollen." Aller Anfang ist schwer, doch irgendwann werden auch aus Anfängern gute Tangotänzer und das, so Tangoschüler Gianni, sei dann ein unvergleichliches Gefühl. "Es gibt nichts Schöneres als wenn du mit einer Frau tanzt, und sie ist so leicht, dass du nicht das Gefühl hast, jemanden durch die Gegend zu schieben. Dann ist es so, als ob sich zwei Seelen auf der Tanzfläche berühren."

Autorin: Suzanne Cords

Redaktion: Jochen Kürten

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