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Welt

Argentiniens Autoindustrie in der Krise

Der jahrelange Boom ist vorbei - Argentiniens Automobilindustrie spürt die Auswirkungen der Krise drastisch: Die Exporte brechen ein, die Nachfrage sinkt und tausende Arbeiter fürchten um ihren Job.

Demonstration von Iveco-Arbeitern in Cordoba (Foto: Joaquín Bourdi)

Demonstration von Iveco-Arbeitern in Cordoba

"Wir akzeptieren eure Kündigungen nicht!" steht in dicken Lettern auf einem Schriftband. Hunderte Arbeiter haben sich hier im Industriegebiet von Córdoba versammelt. Die zweitgrößte Stadt Argentiniens hat sich in den vergangenen fünf Jahren zum Zentrum der Automobilindustrie entwickelt. In den letzten Monaten ist sie aber vor allem Zentrum von Protesten: Angesichts der Krise fürchten tausende Arbeiter in der Automobilindustrie um ihre Jobs und machen ihrem Frust mit Streiks, Demonstrationen und Straßenblockaden Luft.

"Wir Arbeiter von Iveco, Renault, Fiat und Volkswagen müssen heute Entlassungen und Arbeitszeitkürzungen fürchten - und zwar wegen einer Krise, die nicht wir, sondern die Unternehmen provoziert haben", sagt Hernán, Betriebsratsmitglied von Iveco. Rund 350 Zeitarbeitern hat die zu Fiat gehörende Firma Ende März die Verträge nicht verlängert - und nun sitzen sie auf der Straße.

"Das ist erst der Anfang", glaubt Hernán, der zwar einen festen Vertrag hat. Doch weil er sich den Protesten der Zeitarbeiter angeschlossen hat, habe ihm die Firma den Zugang zum Betriebsgelände bis auf Weiteres untersagt - eine Maßnahme, die vom Amtsgericht Córdoba als "illegal" verurteilt wurde. "Das Unternehmen zahlt nun aber lieber eine Strafe, statt mich wieder einzustellen", sagt Hernán, "weil sie Angst haben, dass ich innerhalb der Firma noch mehr Personal mobilisiere".

Motor der argentinischen Wachstums

Der 40-Jährige ist einer von rund 120.000 Beschäftigten, die in der argentinischen Automobilindustrie arbeiten. Der Sektor hat rund 40 Prozent des enormen Wirtschafts-Booms getragen, den das Land nach der Krise 2001/2002 erlebte. Doch seit Ende 2008 ist mit dem Boom Schluss: Im Januar und Februar verordneten fast alle Autobauer ihren Angestellten Sonderurlaub, mittlerweile gibt es Arbeitszeitkürzungen oder einen Brief mit der Empfehlung, in den Vorruhestand zu gehen.

Arbeiter von Iveco tragen ein Plakat mit der Aufschrift: 'Wir akzeptieren keine Kündigungen' durch Cordoba (Foto: Joaquín Bourdi)

Arbeiter von Iveco tragen ein Plakat mit der Aufschrift: 'Wir akzeptieren keine Kündigungen' durch Cordoba

Experten schätzen, dass die Arbeitslosigkeit in Argentinien von 7,5 Prozent im Vorjahr auf rund 12 Prozent in 2009 steigen könnte. Die Krise vergrößere die Schere zwischen Arm und Reich in Lateinamerika.

Kosten steigen, Löhne sinken

"Wir wissen ja jetzt schon kaum noch, wo wir das Geld für die ganz alltäglichen Dinge hernehmen sollen", sagt Cecilia. Sie hat mit rund 50 weiteren Frauen die "Kommission der Frauen der Automobilarbeiter" gegründet. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, sind sie gemeinsam in die Hauptstadt gezogen, um ihr Anliegen öffentlich zu machen. Sie wurden sogar im Arbeitsministerium angehört - bisher aber ohne Ergebnisse.

"Dieser Konflikt geht nicht nur unsere Männer an, sondern betrifft uns alle", sagt Cecilia. Argentinien erlebt seit Jahren eine galoppierende Inflation: die Kosten für Lebensmittel, die Tarife für Gas, Strom und Wasser sind allein im vergangenem Jahr um rund 30 Prozent angestiegen, die Löhne der Arbeiter dagegen wurden nicht angeglichen: "Als es noch Vollbeschäftigung gab, mussten wir trotzdem Überstunden machen, um auf die 3500 Pesos (etwa 700 Euro) zu kommen, die man zum Unterhalt einer vierköpfigen Familie braucht. Und jetzt? Wie soll es weitergehen?", fragt Hernán.

Produktion drastisch zurückgefahren

Produktionsstätte von Mercedes Benz in einem Vorort von Buenos Aires Totale (Foto: Mercedes Benz Argentina)

Produktionsstätte von Mercedes Benz bei Buenos Aires

Seit Wochen laufen Gespräche zwischen Gewerkschaften, Regierung und Herstellern, um Massenentlassungen zu verhindern. Denn an den Fakten lässt sich nicht rütteln: Der Export ist im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent eingebrochen - gravierend für einen Sektor, der sich zu 60 Prozent über den Verkauf ins benachbarte Brasilien, nach Chile oder Mexiko finanziert. Dazu schwindet die Kaufkraft im Lande - "die Produktion musste drastisch zurückgefahren werden", sagt Fernando Rodriguez Canedo vom Verband der Automobilhersteller ADEFA.

"Günstige Kredite auf alle Neuwagen" steht deswegen in dicken Lettern auf dem Schaufenster des Autohauses Dietrich in Buenos Aires. Drinnen plätschert leise Entspannungsmusik, doch der Händler Hernán Dietrich ist alles andere als ruhig. Die Kunden bleiben weg, aber sein Lager ist voll. Die Herstellerfirmen würden ihren Überschuss auf die Autohäuser abladen und gleichzeitig die Einkaufspreise erhöhen: "Wir müssen aber, um überhaupt zu verkaufen, gleichzeitig Angebote machen und so ist die Gewinnmarge um fast 20 Prozent gesunken."

Sonderkredite für Autos werden kaum angenommen

Der Autohändler setzt deswegen große Hoffnung auf den Plan "Null Kilometer" der Regierung Kirchner, der Anfang des Jahres angelaufen ist. Er verspricht eine Art Sonderkredit: Käufer von Neuwagen müssen so nur 20 Prozent des Preises gleich zahlen, den Rest in unverzinsten Raten auf vier Jahre.

Hinter einem Schaufenster eines Autohauses in Buenos Aires stehen Neuwagen (Foto: DW/Leonhoff)

Autohändler setzten große Hoffnung auf den Regierungs-Plan 'Null Kilometer'

Ähnliches gibt es auch in Brasilien, dem wichtigsten Importeur argentinischer Autos: Der Staat gibt dort Steuervergünstigungen auf Neuwagen. Rodriguez Canedo von Verband ADEFA gibt sich optimistisch: "Bald werde, im Inland und der Region, der Markt wieder in Schwung kommen." Argentinien habe schließlich schon viele Krisen erlebt, sich aber immer wieder relativ schnell aufrappeln können.

"Leider trauen die Kunden dem Plan bisher noch nicht so richtig", sagt Hernán Dietrich. Er hat bisher nur sieben Neuwagen über den Plan "Null Kilometer" verkaufen können. "Wer nimmt denn heute irgendeinen Kredit auf?", fragt auch der Fabrikarbeiter Hernán, "wenn der Job unsicher ist, denkt man doch nicht daran, sich ein neues Auto zu kaufen".

Hernán und seine Kollegen fühlen sich von den großen Gewerkschaften und der Regierung im Stich gelassen: "Sie verhandeln nur mit den Herstellern". Doch um die Kaufkraft wieder anzukurbeln, brauchen die Menschen hier vor allem eines, sagt er: Die Sicherheit, nicht alle fünf Jahre wieder auf der Straße zu sitzen.

Autorin: Anne Herrberg, Buenos Aires

Redaktion: Christina Hebel

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