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Argentinien

Argentinien: Wo ist Santiago Maldonado?

Der Fall des verschwundenen Demonstranten entwickelt sich in Argentinien zur Staatsaffäre und reißt dabei alte Wunden wieder auf. Aus Buenos Aires berichtet Tobias Käufer.

Dort wo das politische Herz Argentiniens schlägt, ist Santiago Maldonado allgegenwärtig. Aktivisten haben Plakate und Fotos des Demonstranten rund um die "Plaza de Mayo" platziert. Am Gitter vor der Kathedrale von Buenos Aires, einst Heimat des heutigen Papstes Franziskus, ebenso wie vor dem Präsidentenpalast und dem Ministerium für Menschenrechte.

Seit dem 1. August ist der junge Mann mit dem charismatischen Bart und den dunklen Haaren verschwunden. Und seitdem kennt nicht nur jeder Argentinier den Namen des bis dato unbekannten Demonstranten, es ist um die Wahrheit rund um dessen Verschwinden auch ein erbitterter Kampf in Argentinien entbrannt. 

Seit einer Demo verschwunden

Bekannt ist: Maldonado nahm an einer Demonstration für die Rechte der Mapuche teil. Die Ureinwohner kämpfen für die Anerkennung ihrer territorialen Rechte und für die Rückgabe von Land. Unter anderem kritisieren sie den Besitz riesiger Ländereien von Erben des Mode-Imperiums Benetton, die bereits vor zehn Jahren rund 900.000 Hektar Land erwarben, um dort Schafzucht zu betreiben.

Die Demonstration eskalierte, die Polizei ging gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Danach verliert sich die Spur von Maldonado. Der Fall ist längst politisiert und emotionalisiert.

Argentinien Cristina Fernandez de Kirchner (Getty Images/AFP/E. Abramovich)

Argentiniens Ex-Präsidentin Cristina Kirchner will zurück in die Politik und will Kapital aus dem Fall Maldonado schlagen

Politisch instrumentalisiert?

Die linksgerichtete Ex-Präsidentin Cristina Kirchner, selbst Besitzerin riesiger Ländereien in Patagonien, wirft der Polizei vor, Maldonado getötet zu haben. Das Lager um den bürgerlichen Präsidenten Mauricio Macri wirft Kirchner vor, den Fall für Wahlkampfzwecke zu missbrauchen. Im Oktober strebt Kirchner bei den Parlamentswahlen eine Rückkehr auf die politische Bühne an.

Die Sicherheitskräfte bestreiten allerdings Verantwortung. Zudem gibt es eine Theorie, dass sich Maldonado nach Chile abgesetzt haben könnte und die Mapuche den Fall politisch instrumentalisieren wollen. Viel weiter auseinander können die Positionen nicht liegen.

"Es ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich eine seriöse Aussage über das zu treffen, was passiert ist. Wir wissen es nämlich nicht. Jeder Kommentar wäre reine Spekulation", sagt Olaf Jacob von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Buenos Aires im Gespräch mit der DW.

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Maldonados Familie macht dagegen den Sicherheitskräften schwere Vorwürfe. Die Polizei sorgt zudem mit widersprüchliche Angaben rund um das Geschehen für weiteres Misstrauen, angeblich soll es keine Videoaufzeichnung der Demonstration gegeben haben, dann tauchten doch Clips auf.

Madres de la Plaza de Mayo Argentinien (picture-alliance/dpa)

Die "Madres de Plaza de Mayo" gedenken den Opfern der Militärdiktatur

Ein Teil der Argentinier fühlt sich an die Zeit der Militärdiktatur erinnert, als die Helfer der Armeeführung linke Oppositionelle verschwinden ließen, brutal folterten und ermordeten.

Diese Zeit hat sich tief ins Gedächtnis der Argentinier eingebrannt und der Fall Maldonado bringt diese hässliche Zeit zurück. Auch an der Gedenkstätte für die Opfer der Militärdiktatur hängt inzwischen sein Bild. Freilich gibt es bislang nur Indizien, aber keine Beweise, nicht einmal eine Leiche, die diese These bestätigen. Ebenso wenig gibt es Beweise, dass Maldonado noch am Leben ist.

Auch Maradona mischt sich ein

Argentiniens Fußball-Legende Diego Maradona schaltete sich in den Fall ein und forderte Aufklärung, auch die argentinische Fußball-Nationalmannschaft setzte jüngst bei einem Länderspiel ein Zeichen und forderte eine Aufklärung des Falles.

"Wir wollen, dass sie ihn finden, am besten lebend", hieß es zuletzt in einer Stellungnahme der argentinischen Bischofskonferenz.

Argentienien Proteste nach Verschwinden eines Indio-Aktivisten (picture alliance/dpa/V. Carreira)

Am Rande einer Demonstration zum Verschwinden von Maldonado in Buenos Aires kam es Ausschreitungen

Präsident Macri hatte den Fall und seine emotionale Wirkung auf das Land lange maßlos unterschätzt. Er wird nun vor allem von Menschenrechtsorganisationen attackiert. Die mobilisierten jüngst Zehntausende zu einer Großdemonstration in Buenos Aires, am 1. Oktober sollen erneut Zehntausende auf die Straße gehen.

Die argentinischen Medien sezieren die Aussagen von Polizisten und Augenzeugen, sogar die Gesten und Handbewegungen von Zeugenaussagen in Videos werden analysiert. Wer welcher Version Glauben schenkt, hängt vor allem vom politischen Standpunkt ab. Bislang scheint nur eines sicher: Der Fall Maldonado hat die tiefen ideologischen Gräben zwischen der Linken und Rechten in Argentinien weiter vertieft.

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