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Amerika

Argentinien ruft den Gesundheits-Notstand aus

In Argentinien sind inzwischen mehr Menschen am A/H1N1-Virus gestorben als in Mexiko, wo die Grippe im April erstmals festgestellt wurde. Doch die Regierung Kirchner versucht, das Problem unter den Tisch zu kehren.

Cristina Fernández de Kirchner besucht ein Krankenhaus (Foto: AP)

"Ich halte nichts von Rankings" - Cristina Fernández de Kirchner besucht ein Krankenhaus

Vor genau einem Jahr, am 17. Juli, stoppte Vizepräsident Julio Cobos das umstrittene Agrargesetz, das zum Konflikt der Regierung mit der Landwirtschaft geführt hatte. Seitdem scheint die Regierung keinen Fuß mehr auf den Boden zu bekommen. Nun häufen sich die Vorwürfe, die Regierung hätte das Ausmaß der um sich greifenden "Grippe A", wie die Schweinegrippe genannt wird, vertuscht. Nachdem das Grippevirus nun auch in einer Schweinezucht der Provinz Buenos Aires festgestellt wurde, erklärte die Regierung am Freitag (17.07.2009) schließlich den Gesundheits-Notstand - Virologen, Ärzteverbände und Opposition fordern diese Maßnahme seit Wochen.

"Der Regierung scheint es egal zu sein, dass in Argentinien die Leute sterben!" sagt Mariana Llanos. Die Argentinierin arbeitet am Lateinamerika-Institut des German Institute for Global and Area Studies in Hamburg. Sie beobachtet ganz genau, wie sich das Virus A/H1N1 in ihrem Heimatland immer weiter ausbreitet. Dort gab es bis Freitag (17.07.2009) 137 Todesfälle durch das A/H1N1-Virus. Damit gibt es in Argentinien nach den USA weltweit am meisten Todesfälle - mehr als in Mexiko, wo die Influenza im April zum ersten Mal festgestellt wurde.

Nur ein einziges Testlabor

Cristina Fernández de Kirchner und Gesundheitsminister Juan Manzur (Foto: dpa)

Die Präsidentin und Gesundheitsminister Juan Manzur

Sie halte nichts von Rankings, ließ Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner dazu verlauten. Mitte der Woche hatte sie, nach einem Informations-Besuch in einem Krankenhaus, noch erklärt, die Zahl der Neuinfektionen sei um die Hälfte zurückgegangen. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. In Argentinien gibt es derzeit nur ein Labor, in dem das Influenza-Virus nachgewiesen werden kann, bis zu vier Wochen kann der Nachweis dauern. Außerdem werden nur Risikogruppen auf das A/H1N1-Virus getestet. Selbst der Gesundheitsminister Juan Manzur will sich nicht auf genaue Zahlen festlegen.

Im feuchtkalten Winter auf der Südhalbkugel greift das Virus derzeit besonders schnell um sich. Zudem trete es in einer anderen, neuen Form auf als noch bei den ersten Fällen in Mexiko, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Die Regierung Kirchner warnte vor Journalisten allerdings vor Panikmache: Das sei das Letzte, was das Volk jetzt brauche.

Krankenhäuser überfüllt

Das öffentliche Leben in Argentinein steht vergleichsweise still: geschlossene Schulen, Diskos, Restaurants, abgesagte Fußballspiele, sogar der Trauerakt zum Gedenken an das schwere Attentat auf das jüdische Zentrum AMIA wird am 15. Jahrestag nicht stattfinden. Gespenstisch wirke die Stadt, beschrieb ein Student die Situation, der wie Tausende vorzeitig in die Winterferien geschickt wurde.

Frau mit Mundschutz (Foto: AP)

Reichen die Medikamente?

In den Krankenhäusern wird seit Tagen auf Notbetrieb gearbeitet, Routineoperationen werden auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Die Zimmer seinen überfüllt, das Personal überlastet und die Medikamente knapp, sagte Jorge Yabkowski, Präsident der Gewerkschaft der Beschäftigten im Gesundheitswesen gegenüber der Nachrichtenagentur Efe. In den Krankenhäusern häuften sich die Ansteckungen beim Personal: "Wir haben Angst, aber was sollen wir tun, die Patienten müssen behandelt werden", sagte ein Arzt gegenüber dem ARD-Hörfunk. Mehr als 3000 Infizierte gibt es nach offiziellen Zahlen. "Wir haben solch hohe Zahlen, weil wir geflissentlich alle Daten veröffentlichen", sagte Präsidentin Kirchner und erntete Spott. Gerade ihre Regierung ist nicht unbedingt für den sauberen Umgang mit Statistiken bekannt.

Kritik an der Regierung

All das konnte passieren, weil die Regierung keinen Gesundheitsplan habe, so Yabkowski. "Typisch für argentinische Regierungen", meint Mariana Llanos, nun werde wieder untereinander gestritten, statt endlich zu handeln. Die Opposition wirft der Regierung vor, die Grippe bis nach der Parlamentswahl Ende Juni vertuscht zu haben. Und Federico Paulino, Vorsitzender des argentinsihen Ärzteverbandes, spricht von "politischem Scharmützel auf Kosten von Menschenleben.

Mann mit Mundschutz auf U-Bahnsteig (Foto: AP)

Normalerweise drängen sich hier Menschenmassen

Am Donnerstag (16.07.2009) haben sich allerdings die Gesundheitsminister der Nachbarländer des Cono Sur in Buenos Aires getroffen, um über ein gemeinsames Vorgehen gegen die Grippe zu beraten. "Wir arbeiten gemeinsam mit der Panamerikansichen Gesundheitsorganisation daran, dass genug Medikamente zur Verfügung stehen", so Manzur. Neben Argentinien und Chile gibt es inzwischen auch in Brasilien, Bolivien und Uruguay Todesfälle.

Nirgends jedoch so viele wie in Argentinien - das liege auch daran, dass Argentinien immer schon stark von Grippewellen betroffen sei, wird Gesundheitsminister Manzur im ARD-Hörfunk zitiert: "Sie müssen wissen, es gab in diesem Land in den letzten sechs Jahren 18.000 Todesfälle wegen schlimmer Atemwegserkrankungen und zwar aufgrund von anderen Viren". Beruhigen wird das wohl niemanden.

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Anne Allmeling