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Kultur

Architektonischer Rundgang durch Casablanca

Casablanca wurde immer wieder neu erfunden, mal als Kulisse für Hollywood, mal von den Franzosen als moderne Großstadt mit orientalischem Flair. Eine architektonische und historische Erkundungsreise.

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König-Hassan-Moschee in Casablanca

Casablanca, so suggeriert der legendäre Film von Michael Curtiz, liege zwischen Meer und Wüste. Ein Klischee, denn die Küstenebene ist fruchtbar und die Stadt seit langem Getreideausfuhrhafen gewesen. Der Realität näher kommt da schon der berühmte Autor Driss Chraibi bei der Beschreibung des Hauses seines Krimihelden Inspektor Ali: "Durch das weit zum Garten hin geöffnete Schlafzimmerfenster drangen duftende Schwaden von Jasmin und Glyzinie herein. Der Ozean, nah und fern zugleich, räusperte sich wie ein ratloser Greis angesichts der Unendlichkeit des Lebens."

Casablanca: Schau mir in die Augen Kleines, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman

Klassiker: Bergman und Bogart in "Casablanca"

In einem Punkt behält der zwischen nachgebauten Kulissen im amerikanischen Studio gedrehte Film jedoch recht: Nebel gehört zu dieser Stadt, wie seine kosmopolitischen Einwohner und das Meer. Casablanca, die nach Kairo und Alexandria heute drittgrößte Stadt Nordafrikas mit ihrem Ballungsraum von fast sechs Millionen Einwohnern, ist rasch der größte Hafen des Landes geworden. Das moderne Wirtschafts-, Verkehrs- und Industriezentrum des Königreichs erwirtschaftet heute fast die Hälfte des marokkanischen Bruttoinlandsprodukts.

Traditioneller Treffpunkt der Kulturen

In Marokkos Hafenstädten trafen seit jeher verschiedene Kulturen aufeinander. Noch heute gibt es in Casablanca, neben den etwa 3.000 offiziellen Moscheen und ungezählten improvisierten Betsälen, einige Kirchen - sechs katholische, eine evangelische und eine anglikanische - und drei aktive Synagogen. Die jüdische Bevölkerung war hier traditionell stark vertreten, aktuell leben in der Metropole rund 3.000 der heute noch knapp 5.000 marokkanischen Juden. Die europäische Durchdringung des städtischen Organismus begann im 19. Jahrhundert. Französische Kaufleute exportierten seit Mitte des 19. Jahrhunderts preiswerte Wolle und Getreide aus Casablanca nach Europa.

Damals lebten etwa 1.000 Franzosen in der Stadt. Zwei Jahre später hatte sich ihre Anzahl schon mehr als verfünffacht, und 1912, als Frankreich in Marokko Protektoratsmacht wurde, waren es bereits rund 20.000. Durch diesen Einfluss entstanden zwischen 1910 und 1914 beeindruckende Gebäude im Kolonialstil, und die Grundstückspreise schnellten in atemberaubende Höhe. In der Altstadt, der "Ancienne Médina", befanden sich 1912 ein englisches, ein spanisches, ein französisches, ein deutsches und ein belgisches Konsulat.

Spanier weihten 1891 die Buenaventura-Kirche in der Medina ein, das älteste christliche Gotteshaus der Stadt. Noch im selben Jahr eröffnete das Gotteshaus der anglikanischen Konkurrenz. Am Südrand der Altstadtmauer erhebt sich seit 1992 wieder eine Rekonstruktion des 1940 zerstörten Uhrenturms. Ein Bauwerk als Zeugnis eines modernen Zeitbegriffs! Seit 1930 steht ein ähnlicher Turm auch am von Antoine de Saint-Exupéry so geschätzten Place de France (heute Place Mohammed V), dem Verwaltungskern der Stadt, mit Hauptpost, Präfektur und Zentralbank.

Geplante Moderne unter französischem Protektorat

Casa, wie die Stadt unter Einheimischen genannt wird, beerbte im 20. Jahrhundert das traditionelle Handelszentrum Fes, die alte intellektuelle und religiöse Hauptstadt des Landes. "In Fes fragt dich jeder nach deiner Herkunft und deiner Familie, in Casablanca hingegen bist du einfach, wer du bist", heißt es. Seit der Zeit des französischen Protektorats (1912-56) versuchten Städteplaner, der wachsenden Metropole das Antlitz einer modernen Stadt mit traditionellen Reminiszenzen zu verpassen: Der Plan des Architekten Léon-Henri Prost von 1914 schuf die sternförmig aufs Zentrum zulaufenden Boulevards und installierte die Industriezonen im Osten der Stadt.

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