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Kultur

Archäologie ist Politik

Der deutsch-türkische Antikenstreit eskaliert. Die über 150 Jahre gewachsenen Beziehungen auf dem Gebiet der Archäologie stehen vor einer Zerreißprobe.

Archäologie hat viel mit Politik zu tun, das kann man an dem aktuellen Streit zwischen Deutschland und der Türkei bestens studieren. Der Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Archäologe Hermann Parzinger, wirft der Türkei im letzten Dezember "fast schon chauvinistisches Verhalten" vor. Ömer Celik, seit Ende Januar türkischer Kulturminister, fordert in einem Interview mit dem Politikjournal "Spiegel" eine Entschuldigung und gleichzeitig die Rückgabe von fünf antiken Objekten aus Berliner Museen. Nach seiner Auffassung  sind sie illegal aus der Türkei ausgeführt wurden. Bei drei dieser Kunstschätze, dem Torso des "Fischers von Aphrodisias", dem Sarkophag des Haci-Ibrahim-Veli-Grabmals und einer Gebetsnische aus dem 13. Jahrhundert, hat Parzinger jeden Anspruch zurückgewiesen. Die Objekte seien legal nach Deutschland gekommen.

Was ist rechtmäßig?

Aber: Was legal ist oder nicht, ist ein weites Feld. Seit 1884 ist die Ausfuhr von antiken Schätzen aus dem Osmanischen Reich per Gesetz eigentlich verboten. Gleichzeitig gab es die gängige Praxis, Grabungsfunde mit ausländischen Teams zu teilen, es gab unzählige Sondergenehmigungen zur Ausfuhr von Objekten und einen bis in die jüngste Zeit lukrativen Schwarzmarkthandel mit Antiken. Ob sich Schätze aus Kleinasien "rechtmäßig" in westeuropäischen Museen befinden, ist also häufig nicht eindeutig zu klären und manchmal eher eine "moralische" Frage.

Hermann Parzinger (Foto: BARBARA SAX/AFP/Getty Images)

Hermann Parzinger neben dem Torso des Fischers von Aphrodisias

Vor diesem Hintergrund erstaunt der Ton, in dem die Türkei in jüngster Zeit ihre Rückgabeforderungen auch an Häuser wie das British Museum oder das New Yorker Metropolitan formuliert. Dass der türkische Kulturminister verkündet, er verlange "nur das, was uns rechtmäßig zusteht", spricht ganz offensichtlich für ein neues oder, wie manche meinen, überzogenes Selbstbewusstsein der Türkei. Das bekommen auch andere Länder zu spüren. Zwei französische Grabungen wurden jüngst eingestellt.

Wer versucht, den eskalierten Streit zwischen Deutschland und der Türkei zu verstehen, betritt vermintes Gelände. Weder Parzinger noch der Chef des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul, Felix Pirson, sind derzeit zu Stellungnahmen bereit. Die über 150 Jahre gewachsenen engen Beziehungen auf dem Gebiet der Archäologie sind erneut einer Zerreißprobe ausgesetzt.

Tauziehen um die Sphinx

Bereits 2011 forderte der damalige Kulturminister Ertugrul Günay die über 3000 Jahre alte "Sphinx aus Hattuscha", die sich seit dem Ersten Weltkrieg im Berliner Museum für Vorderasiatische Kunst befand, zurück. Andernfalls drohte dem Deutschen Archäologischen Institut der Entzug der Grabungserlaubnis. Ein klassisches Ultimatum. Die Sphinx kehrte in die Türkei zurück, nicht als rechtmäßig anerkannte Restitution, sondern als Goodwill-Geste vom Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger. Der erhoffte sich im Gegenzug Leihgaben aus der Türkei für eine große Pergamonausstellung, die letztes Jahr in Berlin gezeigt wurde. Sie blieben aber aus. Das von beiden Seiten unterzeichnete Kooperationsabkommen zur Intensivierung der musealen und archäologischen Zusammenarbeit erwies sich als Makulatur. Keine einzige Zusage hätte die Türkei bislang eingehalten, ärgerte sich Museumschef Parzinger öffentlich. Stattdessen gäbe es noch mehr Rückgabeforderungen und den Vorwurf, die deutschen Archäologen würden die Ausgrabungsorte als "wüste Landschaften" hinterlassen.

Die Sphinx von Hattuscha im Pergamonmuseum (Foto: imago/Christian Schroth)

Die Sphinx von Hattuscha im Pergamonmuseum

Völlig haltlos sei  dieser Vorwurf, sagt Ernst Pernicka, langjähriger Grabungschef in Troja. Er sieht die Archäologen von der Türkei in Geiselhaft genommen für ihre Rückgabeforderungen. Letztes Jahr seien er und andere Grabungsleiter aufgefordert worden, bei deutschen Museen vorstellig zu werden, um sich für die Herausgabe diverser antiker Objekte einzusetzen. Eine Behauptung, die von türkischer Seite offiziell zurückgewiesen wird. Zudem, ergänzt der deutsche Archäologe, sei die wissenschaftliche Arbeit erschwert worden, da es der Türkei immer mehr um Konservierung und touristische Nutzung der historischen Anlagen gehe. Sie wolle "Archäologie in action". Das vertrage sich jedoch meist nicht mit der Forschung vor Ort, klagt Pernicka.

Antike Orte unter Wasser

Dass ausländische Grabungsleiter auch für eine fremdenverkehrsgerechte Präsentation der Stätten sorgen müssen, ärgert nicht nur den Tübinger Archäologen, sondern beispielsweise auch den türkischen Historiker Edhem Eldem. Der sieht einen "wachsenden Nationalismus" und wirtschaftliche Interessen als Ursachen dafür, dass ausländische Grabungen erschwert oder für einen lukrativen Antikentourismus genutzt werden. "Die Tatsache, dass die Archäologie dem Ministerium für Kultur und Tourismus unterstellt ist, zeigt den ambivalenten Zustand", sagt er. Gleichzeitig beklagt Eldem die Doppelmoral der Regierung. Wenn es den wirtschaftlichen Interessen diene, dann würden bedeutende Ausgrabungsstätten wie Allianoi oder Hasankeyf, beide ähnlich wichtig wie Pompeji, kurzerhand einem Staudammprojekt geopfert.

Allianoi, ein antiker Ort in der Nähe von Pergamon, wurde bereits geflutet, Hasankeyf scheint trotz internationaler Proteste das gleiche Schicksal bevorzustehen.

Der Staudamm von Hasankeyf (Foto: STR/AFP/Getty Images)

Das antike Hasankeyf - vom Staudamm bedroht

"Archäologische Auslandstätigkeit kann nur im Rahmen gegenseitigen Respekts gedeihen", meint Felix Pirson. Der Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul hält nichts von dem scharfen Ton, der die deutsch-türkischen Debatten in jüngster Zeit bestimmt. Die Ausgrabungen in Kleinasien, wo "wesentliche Entwicklungen der Menschheitsgeschichte weitergetragen, bereichert und beschleunigt wurden", seien eine internationale Aufgabe.

Archäologie ist keine Einbahnstraße

Schon jetzt arbeiten viele Teams zwar unter deutscher Leitung, sind aber letztlich international. Dass der Umgang mit den zentralen Stätten des Weltkulturerbes als gemeinsame übernationale Aufgabe begriffen werden sollte, ist nicht nur unter deutschen Archäologen Konsens. Ebenso, dass die antiken Schätze, die aus dem Land ausgeführt wurden, durchaus auf ihre Herkunft befragt werden dürfen. Genauso klar ist aber auch, dass mit kulturpolitischer Konfrontation und rigiden Forderungen keinem gedient ist, auch nicht der Türkei. Denn die Frage nach der Rückgabe von archäologischen Fundstücken geht nicht nur in eine Richtung. Sie könnte demnächst auch Istanbul erreichen. Dann nämlich, wenn der Libanon auf die Idee käme, den berühmten "Alexander-Sarkophag" zurückzufordern. Der kam 1887, zur Zeit des Osmanischen Reiches, ins Archäologische Museum von Istanbul.

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