1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Arbeitssklaven als Preis der Globalisierung?

In allen Staaten ist Sklaverei formal abgeschafft. Trotzdem gibt es bis heute sklavereiähnliche Verhältnisse - auch in Europa. Ursache soll auch die Globalisierung sein, meint die International Labour Organization ILO.

Sklavenarbeiter in einer Backsteinfabrik in Indien (Foto: dpa/2005

Sklavenarbeiter in einer Backsteinfabrik in Indien

Die Sklaverei ist abgeschafft und das gehört zu den bislang wichtigsten und erfolgreichsten Entwicklungen in der Geschichte der Menschenrechte. Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sagt, jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit und angemessene Arbeitsbedingungen. Doch für über zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder weltweit, die gegenwärtig unter Zwang oder sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen, ist dies nach wie vor ein uneingelöstes Versprechen. Denn es gibt bis heute ganz vielfältige Formen sklavereiähnlicher Verhältnisse, in denen Menschen faktisch so behandelt werden, als ob sie mit ihrer Arbeitsleistung das Eigentum anderer Menschen seien, sagt Petra Vollmar-Otto, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin.

Sklavenähnliche Haushaltshilfen in Deutschland?

Eine Indonesierin putzt in einem Hochhaus Fenster: Nicht alle Haushaltshilfen aus dem Ausland finden einen Arbeitgeber, der sich an das Gesetz hält (Foto: AP)

Nicht alle Haushaltshilfen aus dem Ausland finden einen Arbeitgeber, der sich an das Gesetz hält

Neben den traditionellen Formen wie etwa die der "Bonne", dem Hausmädchen in Nordafrika, sind es aktuell vor allem die modernen Formen der sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnisse, die die Menschenrechtler beschäftigen. Und die gäbe es nicht nur nach wie vor, sondern mit wachsender Tendenz. Auch in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland. Hier betrifft es die Bauindustrie, Sexindustrie, Gastronomie, bestimmte industrielle Fertigungen und die Landwirtschaft, weiß Vollmar-Otto. "Ein weiterer Bereich ist der der Haushaltshilfen und der häuslichen Pflege, auch da kennt man Fälle." Das Ausmaß ist unbekannt, genaue Zahlen gibt es nicht, Einzelfallschilderungen haben das Phänomen zunehmend bekannt gemacht.

Migranten geraten in die Fänge von Menschenhändlern

Afrikanische Immigranten stehen in der spanischen Enklave Melilla in Nordafrika für Essen an (Foto: AP/2005)

Afrikanische Immigranten stehen in der spanischen Enklave Melilla in Nordafrika für Essen an

Die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in vielen Teilen der Welt lässt Menschen in den Industrieländern, aber auch im Nahen Osten oder in Lateinamerika nach Alternativen suchen. Sie entscheiden sich für die Migration und geraten dann zunehmend in die Hände skrupelloser Menschenhändler. Meist haben sie keinen sicheren Aufenthaltsstatus. Werden ihnen Schulden für das Einschleusen oder die Beschaffung des Arbeitsplatzes vorgehalten, können sie sich nicht wehren.

Schließlich wird mit Gewalt gedroht, gegenüber den Arbeitssuchenden oder den Familienmitgliedern in der Heimat. Dann schuften sie an vielen Stunden des Tages unter schlechtesten Bedingungen für kleinste Löhne oder sogar nur für das Essen und einen Schlafplatz. Da drängt sich eine Frage auf: Hat die eng verknüpfte Weltwirtschaft ausbeuterische Arbeitsbedingungen wie diese sogar noch befördert? "Ganz klar hat es Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse, denn es ist immer so, dass ein Arbeitgeber über die gezielte Senkung der Lohnkosten höhere Profite erzielen kann", sagt Beate Andrees. Vor allem in Bereichen, wo es um niedrig qualifizierte Arbeit gehe oder sehr arbeitsintensive Wirtschaftsbereiche, weiß die Mitarbeiterin vom Aktionsprogramm der Zwangsarbeit in der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organizaton - ILO).

Landwirtschaftliche Sklaven in Polen?

Der 36-jährige Jose Fivea Da Costa produziert Hungerlohn Kohle in Brasilien (Foto: AP/1996)

Der 36-jährige Jose Fivea Da Costa produziert für einen Hungerlohn Kohle in Brasilien

44 Milliarden US-Dollar, so hatte die ILO 2005 ermittelt, werden weltweit jährlich aus Zwangsarbeit erwirtschaftet. Auch wenn das Problem in Asien, Afrika und Lateinamerika am größten ist, die Dynamik in Europa nimmt ebenfalls zu. Aus Herkunftsländern werden Zielländer, wie Rumänien etwa, dessen Bürger noch bis vor kurzem ihren Arbeitsplatz im Ausland suchten.

Es gibt jetzt auch Fälle von chinesischen Firmen, die in Rumänien produzieren, in denen die Arbeitsbedingungen so an die Grenze stoßen, dass man von Zwangsarbeit sprechen könnte, meint Andrees von der ILO. "Auch Polen war lange ein Herkunftsland. Wir haben aber jetzt eine Studie gemacht und sind auf viele Fälle gestoßen, die jetzt in Polen stattfinden: Ukrainer, die nach Polen kommen und in der Landwirtschaft arbeiten."

Preisdruck in den Geschäften wird an Produzenten weitergegeben

Bereits in britischen Studien war deutlich geworden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Preisdruck der Supermärkte und den Arbeitsbedingungen bei den Produzenten, also den Bauern und der lebensmittelverarbeitenden Industrie gibt.

Ein Mädchen arbeitet in der chinesischen Shanxi Provinz in der Backsteinproduktion (Foto: AP/2007)

Ein Mädchen arbeitet in der chinesischen Shanxi Provinz in der Backsteinproduktion

Mit einem Konzept für menschenwürdige Arbeit setzt sich die ILO für die Verbesserungen von Arbeitsbedingungen ein, für die Abschaffung von Zwangsarbeit, von Kinderarbeit, aber auch für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz, für angemessene Löhne und vieles mehr. Doch - obwohl dieses Konzept selbst in den Entwicklungszielen der Vereinten Nationen fest verankert ist - mangelt es, wie so oft, an der Umsetzung.

Bürger sollen ihre Regierungen in die Pflicht nehmen

Eine deutsche Fernsehjournalistin hatte jüngst aufgedeckt, dass es vor allem die Kinder seien, die zum Beispiel in Indien die Steine für die Pflasterung der Marktplätze in Europa in Form bringen. Öffentliche Ausschreibungen lassen Lieferanten mit schlimmster Kinderarbeit schnell zu den Gewinnern werden, weil sie am billigsten sind. Auch in der deutschen Stadt Köln wurde ein Platz mit Steinen aus indischen Kinderhänden gepflastert. Hier sind die Bürger und die Regierungen gefordert, sagt Aidan McQuade, von der Organisation "Anti Slavery International London", einer der ältesten Nicht-Regierungsorganisationen, die sich mit dem Kampf gegen Sklaverei beschäftigen.

"Die von uns gewählten Regierungen sollten wir auffordern, die Lösung dieser Frage zu einem zentralen Bestandteil ihrer Handelspolitik und der Entwicklungszusammenarbeit zu machen. Die Regierungen sollten dafür haftbar gemacht werden, ob sie ihren gesetzlichen Pflichten nachkommen und dem Wortlaut ihrer eigenen Verfassungen treu sind", meint der Menschenrechtsaktivist.

Industriestaaten sollen handeln

Auch für Petra Vollmar-Otto stehen die Staaten in der Pflicht. Sie seien auch verpflichtet, Menschen durch Dritte zu schützen und eine Infrastruktur zu gewährleisten, die es den Menschen möglich mache, ihre Menschenrechte wahrzunehmen. "Hier denke ich, sind die Industriestaaten, nicht nur in ihrem jeweiligen nationalen Recht gefordert, sondern auch in ihrem Agieren in internationalen Handelsorganisationen", sagt die Wissenschaftlerin.

Die Redaktion empfiehlt