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Wirtschaft

Arbeitsmarkt: Mittelmäßig reicht nicht mehr

Wer profitiert von den Früchten des Wirtschaftswachstums? Nur noch diejenigen, die ohnehin schon gut verdienen. Das geht aus dem OECD-Beschäftigungsausblick 2017 hervor. Auch Deutschland ist betroffen.

Befriedigend – diese Schulnote erhalten diejenigen, deren Leistung nicht besonders gut aber eben auch nicht schlecht ist. Durchschnitt eben, Mittelmaß. Auch damit konnte man über Jahrzehnte einen Arbeitsplatz bekommen, sich selbst und seine Familie ernähren. Doch diese Sicherheit gibt es nicht mehr. In allen 35 Industrieländern, die zur OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gehören, stagnieren die unteren und mittleren Löhne. Parallel dazu ist zwischen 1995 und 2015 die Nachfrage nach mittleren Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt deutlich zurückgegangen. "Damit nimmt die Ungleichheit zu", heißt es im OECD-Beschäftigungsausblick 2017.

Das gilt auch für Deutschland. Zwar sei der Niedriglohnsektor seit 2009 nicht mehr gewachsen, er verharre aber nach wie vor auf einem hohen Niveau, sagt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Zudem würden die Reallöhne, also die an der wirklichen Kaufkraft gemessenen Löhne, immer deutlicher auseinanderklaffen. "Die unteren 40 Prozent der Einkommen haben seit 1995 keine und die oberen 60 Prozent deutliche  Steigerungen erfahren." Das sei problematisch und damit könne man nicht zufrieden sein, so Nahles im Beisein von OECD-Generalsekretär Jose Angel Gurria in Berlin.

Maschinen nehmen die Arbeit weg

Gurria warnt davor, die Globalisierung für die wachsende Polarisierung auf den Arbeitsmärkten verantwortlich zu machen. "Sie hängen einen Unschuldigen", bemerkt er. Der technologische Wandel habe einen weitaus größeren Einfluss auf stagnierende und sinkende Löhne als offene Märkte und enge wirtschaftliche Verflechtungen. Die OECD hat herausgefunden, dass ein Drittel der Lohnentwicklung darauf zurückgeht, dass Fachkräfte aus der Industrie nach einem Jobverlust oft nur schlechter bezahlte Beschäftigung im Dienstleistungssektor finden.

Berlin Vorstellung des OECD-Beschäftigungsausblick 2017 (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Arbeitsministerin Nahles und OECD-Generalsekretär Gurria

Zwei Drittel der Polarisierung gehen darauf zurück, dass in Branchen mit Jobverlagerung statt mittlerer Qualifikationen entweder niedrige oder hohe Qualifikationen nachgefragt werden. In Deutschland sank der Anteil der durchschnittlich qualifizierten Jobs zwischen 1995 und 2015 um rund 8,2 Prozent - der der hochqualifizierten Arbeitsplätze stieg um 4,7, der der niedrig qualifizierten um 3,4 Prozent.

Lebenslanges Lernen

Mit anderen Worten: Wer sich nicht weiterbildet, muss einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz annehmen. Die OECD stellt fest, dass unzureichende Qualifikation einer der Hauptgründe für ein niedriges Einkommen oder Arbeitslosigkeit ist. 2012 wurden für eine Studie die mathematischen Fähigkeiten von Erwachsenen verglichen. Im Ergebnis schnitten die Industrieländer am schlechtesten ab, in denen es eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. Für OECD-Generalsekretär Gurria kann das nur eins heißen: "Bildung, Bildung, Bildung!" Es müsse viel mehr Energie in Weiterbildung und Umschulung gesteckt werden.

Doch auch hier zeigt sich eine gewaltige Lücke zwischen gut und schlecht Verdienenden. Im OECD-Raum haben hochqualifizierte Beschäftigte derzeit zwei bis drei Mal mehr Chancen auf betriebliche Weiterbildung als Niedrigqualifizierte. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles würde daher gerne ein "Recht auf Weiterbildung" durchsetzen. "Weiterbildung muss selbstverständlich werden." Nahles schlägt zudem die Einrichtung eines "Erwerbstätigenkontos" vor. "Die Idee ist, dass jeder ab 18 Jahren, der eine Arbeit aufnimmt, ein Startguthaben von 20.000 Euro bekommt und dieses Geld für Qualifizierungen, Gründungen oder ehrenamtliches Engagement nutzen kann." Durch entsprechende Tarifverträge könnten die Konten noch weiter aufgestockt werden.

Löhne steigen zu langsam

OECD-Generalsekretär Gurria hält das Erwerbstätigenkonto für eine gute Idee. Grundsätzlich müsse mehr dafür getan werden, um die Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt zu beseitigen. Die OECD ist auch der Meinung, dass die Löhne in Deutschland angesichts der guten Konjunktur, der niedrigen Arbeitslosigkeit und der vielen freien Stellen viel zu langsam steigen. Einstiegslöhne für Zuwanderer seien niedrig, viele ältere Arbeitnehmer und Zweitverdiener hätten gering entlohnte Stellen angenommen.

Deutschland Kundgebung zum Equal Pay Day Recht auf mehr! (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

Kundgebung zum "Equal Pay Day" in Berlin

Für verbesserungswürdig hält die OECD noch andere Dinge. "Zwei Schwächen der Entwicklung in Deutschland sind der höhere Anteil von Arbeitsplätzen mit starkem arbeitsbedingtem Stress und eine große Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern", heißt es im Beschäftigungsausblick. "Letztere rührt vor allem daher, dass Frauen weniger Arbeitsstunden aufweisen als Männer." Um das zu ändern, rät die Organisation zu einer niedrigeren Besteuerung von Zweitverdienern. Dadurch könnten der Anteil von Frauen in Vollzeitarbeit erhöht und ihre Karrierechancen verbessert werden.

Deutscher Arbeitsmarkt boomt weiter

Grundsätzlich gehört Deutschland für OECD-Generalsekretär Gurria aber zu den Musterschülern innerhalb der Industrieländer. Bei nahezu allen Indikatoren, mit denen der Arbeitsmarkt beurteilt wird, schneidet Deutschland besser ab, als der OECD-Durchschnitt. Die Organisation geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland noch weiter sinken wird, auf 3,7 Prozent bis Ende 2018. Das wäre weniger als die Hälfte des Niveaus von 2007, als die weltweite Finanzkrise ihren Lauf nahm. Der Schnitt innerhalb der OECD liegt derzeit bei 6,2 Prozent.

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