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Wirtschaft

Arbeitsmarkt: Mehr Jobs, weniger Qualität?

Berichte vom deutschen Arbeitsmarkt wirkten zuletzt oft wie Jubelmeldungen: Geringste Arbeitslosigkeit seit 24 Jahren, so viele Beschäftigte wie nie. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt: es liegt vieles im Argen.

In Deutschland waren im Oktober 2,65 Millionen Menschen offiziell arbeitslos gemeldet - weniger Arbeitslose gab es zuletzt 1991. "Das kräftige Wachstum der Beschäftigung ist ungebrochen", tönte es aus der Arbeitsagentur. Manche sehen schon die Vollbeschäftigung in greifbarer Nähe.

Die Kehrseite: Jeder fünfte Arbeitnehmer (20,6%) arbeitet für sehr wenig Geld, das sind rund acht Millionen Menschen. Dieser Wert stammt zwar aus dem Jahr 2010, neuere Zahlen liegen laut Statistischem Bundesamt noch nicht vor. Doch es ist unwahrscheinlich, dass die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro zu Jahresbeginn die Größe des Niedriglohnsektors verändert. Schon 2010 galt als Niedriglohnempfänger, wer weniger als 10,36 Euro brutto pro Stunde verdient.

Weniger Arbeitslose, mehr Niedriglöhner

Der Soziologe Christoph Köhler, der an der Universität Jena zur Struktur und Dynamik des Arbeitsmarktes forscht, sieht einen klaren Zusammenhang: "Die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat abgenommen, aber der Niedriglohnsektor hat zugenommen. Die Arbeitslosigkeit wurde also überwiegend in schlechter bezahlte Jobs umgewandelt", sagt Köhler.

Ob man das kritisiert oder begrüßt, sei letztlich eine Frage der politischen Einstellung. "Die Linken sagen, das ist keine Verbesserung", so Köhler, "und die anderen sagen, besser einen schlechten Job als keinen Job."

Mit oder ohne Tarifvertrag?

Ein weiteres Zeichen für gestiegene Unsicherheit am Arbeitsmarkt: Die Reichweite von Tarifverträgen ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. Mehr als die Hälfte (52%) der Arbeitnehmer im Osten und 40 Prozent im Westen arbeiten inzwischen ohne Tarifvertrag. Das geht aus dem neuen Bericht des Statistischen Bundesamts zur

"Qualität der Arbeit"

hervor.

Tarifverträge regeln Arbeitszeiten, Bezahlung und weitere Arbeitsbedingungen. Sie werden von Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt, entweder für eine ganze Branche (siehe Grafik) oder für einzelne Unternehmen.

Zwei Jobs zum Leben

Die Zahl derjenigen, die nur mit zwei bezahlten Jobs über die Runden kommen, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen - um 13 Prozent zwischen 2011 und 2014. Mehr als zwei Millionen Menschen, fünf Prozent aller Erwerbstätigen, üben neben ihrer Hauptbeschäftigung noch eine weitere Tätigkeit aus.

Prof. Dr. Christoph Köhler Direktor des Instituts für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Christoph Köhler, Universität Jena

"Ein wichtiger Grund dafür ist die geringfügige Beschäftigung, die sehr stark gestiegen ist", sagt Köhler. Als geringfügig beschäftigt gelten in Deutschland Menschen, die in einem sogenannten Minijob weniger als 450 Euro pro Monat verdienen. "Da man davon nicht leben kann, suchen die Menschen dann nach einem zweiten Job, also Lager einräumen im Supermarkt und solche Dinge."

Qualifikation der Flüchtlinge

Ausbildung und Qualifikation haben bei der Jobsuche in Deutschland und anderen hochindustrialisierten Volkswirtschaften eine wachsende Bedeutung. Weil einfache Routinetätigkeiten zunehmend durch Maschinen erledigt werden, ist die Zahl der Arbeitsplätze, die Menschen mit geringer Qualifikation offenstehen, seit Jahren rückläufig.

Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen wird sich die Situation in diesem Segment des Arbeitsmarkts in Zukunft eher

verschärfen.

"Wenn es nicht ganz große Bildungsanstrengungen gibt, wird ein großer Teil der Flüchtlinge erst einmal in diesen Bereich mit niedrigen Löhnen und niedriger Qualifikation gehen", glaubt Soziologe Köhler. "Ich befürchte, dass die Spaltung am Arbeitsmarkt weiter zunimmt."

Gleichberechtigung?

Auch in Sachen Gleichberechtigung gibt es keinen Grund zum Jubeln. Der Frauenanteil bei den Erwerbstätigen lag im vergangenen Jahr bei 47 Prozent, gegenüber 42 Prozent im Jahr 1994. Allerdings ist nur jede dritte Führungskraft eine Frau (29 Prozent), aber rund zwei Drittel aller Bürokräfte, kaufmännischen Angestellten und Verkäuferinnen.

Durchschnittlich verdienten Frauen im vergangenen Jahr in Deutschland 22 Prozent weniger brutto pro Stunde als Männer. Dieser Unterschied, auf englisch Gender Pay Gap, ist damit seit Beginn des Jahrtausends fast konstant. "Das Ziel der Bundesregierung, den Verdienstabstand bis zum Jahr 2010 auf 15% zu senken, wurde damit deutlich verfehlt", heißt es dazu im Bericht des Statistischen Bundesamts.

Zahlreiche Streiks bei der Bahn und der Lufthansa haben im vergangenen Jahr für große Aufregung gesorgt. So mancher Kommentator fragte sich schon, ob Deutschland inzwischen zu einer Streiknation geworden ist. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeichnen ein anderes Bild. In den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es viele Jahre, in denen deutlich mehr gestreikt wurde.

Der Bericht enthält sich eines wertenden Urteils über die Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt. Die Statistiker haben sich unterschiedlicher Datenquellen bedient. Die wichtigste Quelle ist die Arbeitskräfteerhebung im Rahmen des Mikrozensus. Rund ein Prozent der Bevölkerung gibt dabei jährlich Auskunft über die eigenen Lebens- und Arbeitsbedingungen.

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