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Fokus Osteuropa

Arbeiterproteste und schwache Gewerkschaften in Serbien

Die Gewerkschaften in Serbien sind schwach und zersplittert. In der Krise sehen viele Arbeitnehmer keine andere Möglichkeit mehr, als zu radikalen Methoden des Protestes zu greifen.

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Industrie lahmgelegt

Weltweit leidet die Wirtschaft unter den Folgen der Finanzkrise. Doch während es Staaten, die Jahre des Booms hinter sich haben, etwas weniger hart trifft, schlägt die Krise in Ländern, die schon vorher wirtschaftlich nicht auf die Beine kamen, mit voller Wucht zu. Beispiel Serbien, das sich schon seit 1990 in einer Dauerkrise befindet. Nur 50 bis 55 Prozent der aktiven Bevölkerung hat eine Beschäftigung. Zum Vergleich: In Slowenien, das auch zu den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien gehört, liegt der Anteil bei 75 Prozent.

Die Beschäftigten in Serbien haben wenig soziale Sicherheit. Die Gewerkschaften sind schwach und zersplittert. Sie kümmern sich kaum um die Rechte der Arbeitnehmer. Die sehen oft keine andere Möglichkeit mehr, als zu drastischen Maßnahmen zu greifen.

Proteste für Lohnzahlungen

Eine Frau weint vor den Kameras der Journalisten. Sie gehört zu einer Gruppe von 13 Angestellten der Lederfabrik „Partizan“, die zweieinhalb Wochen im Hungerstreik war. Eine Aktion, die für einige von ihnen lebensgefährlich war. Das Ziel der Proteste war es, die Nachzahlung ihrer Brutto-Gehälter seit 2006 zu erreichen. Die Arbeiter aus Kragujevac, einer Arbeiterstadt 100 Kilometer südlich von der Hauptstadt Belgrad, waren nicht die einzigen, die in letzter Zeit in Serbien protestiert haben.

Auch die Textilarbeiter aus Novi Pazar in Süd-Serbien waren im Hungerstreik. Sie verlangten die Auszahlung von Gehältern, die sie teilweise seit 1993 nicht mehr bekommen haben. Nach ein paar Tagen Hungerstreik und dem Ausbleiben einer Reaktion von offizieller Seite, drohten sie mit einer Radikalisierung der Proteste. Aber die serbische Regierung hatte wieder kein Ohr für ihre Interessen. Bis sich der Vorsitzende des Textilarbeiter-Verbandes Zoran Bulatovic für eine ungewöhnliche Aktion entschied: „Ab heute esse ich wieder. Ich brauche die Nahrung. Ab heute ist das meine Nahrung." Vor laufender Kamera nahm er seinen eigenen Finger, den er zuvor abgeschnitten hatte, und steckte ihn in den Mund. Eine spektakuläre Aktion, die Millionen im Fernsehen sahen und die nicht nur für die Regierung, sondern auch für die großen Gewerkschaften in Belgrad überraschend kam. Vielleicht deswegen, weil sie keinen Kontakt zu ihren Genossen in der Provinz haben.

Gewerkschaften verrufen

Die Gewerkschaften in Serbien haben keinen guten Ruf. Sie sind die Nachfolger der sozialistischen Gewerkschaften und die Arbeiter haben kein Vertrauen in sie. Besonders nicht in die Gewerkschaftsbosse, die nur die eigenen Interessen verfolgten, meint die Journalistin Jelica Putnikovic. Ihr zufolge gibt es in Serbien keine Gewerkschaftsführer, die sich ernsthaft für die Arbeiter einsetzen. „Stattdessen kümmern sie sich um sich selbst, denken nur daran, ihre Taschen voll und schöne Reisen zu Gewerkschaftsseminaren zu machen.“ Auch gebe es keine charismatischen Führungsfiguren, die die unzufriedenen Arbeiter zusammenbringen könnten, um sie dann zu einem richtigen Kampf für mehr Rechte der Arbeitnehmer zu führen.

Krise vor der Krise

Ein Kampf, der in Serbien ziemlich aussichtslos aussieht. Und das nicht nur wegen der schwachen Gewerkschaften. Seit 1990 taumelt das Land von Krise zu Krise. Bereits vor der derzeitigen Weltwirtschaftskrise betrug die offizielle Arbeitslosenrate fast 20 Prozent. Tatsächlich waren es aber gut 25 Prozent, vor allem in den Regionen südlich von Belgrad. Die offizielle Differenz des wirtschaftlichen Wohlstandes zwischen Provinzstädten und der Hauptstadt Belgrad liegt bei eins zu 15. Der größte Teil der Industrie im Lande ist marode und nicht in Betrieb. Dabei wurden viele von ihnen nach der Milosevic-Ära privatisiert.

Offenbar nicht ganz sauber, sagt die Präsidentin des Rates für die Bekämpfung der Korruption Verica Barac. Seit Jahren verfolgt sie die Privatisierungsprozesse in Serbien: „Ich denke, dass bei der Privatisierung viele schmutzige Geschäfte gelaufen sind, wie zum Beispiel Geldwäsche, billiger Kauf von Immobilien und Grundstücken, um sie dann später teuer zu verkaufen“. Dies habe dazu geführt, dass viele Unternehmer ihre Arbeiter Jahre lang nicht bezahlt haben.

Regierung schaltet sich ein

Die Regierung hat jetzt reagiert. Für die Arbeiter der Lederfabrik „Partizan“ hat sie einen Kompromiss zwischen Belegschaft und Firmenleitung ausgehandelt. Die Angestellten erhalten statt der Lohnnachzahlungen immerhin Abfindungen. Außerdem werden zwei Jahre Sozialabgaben für die Rentenkasse nachgezahlt. Für die Textilarbeiter in Novi Pazar ist die Zukunft leider noch nicht so klar, aber es werde ernsthaft daran gearbeitet, versichert die Regierung.

Immerhin: Die Hungerstreikenden haben Aufmerksamkeit für ihr Anliegen erreicht. Es scheint, dass in Serbien nur radikale Methoden helfen, um sich Gehör bei der Regierung zu verschaffen.

Autor: Sanja Blagojevic

Redaktion: Bernd Johann

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