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Kultur

Arapi: "Die Geschichten müssen erzählt werden"

Überleben - ohne je rückwärts zu blicken. Die Autorin Lindita Arapi spricht im DW-Interview über die Vergangenheitsbewältigung in Albanien und erklärt, warum Deutschland für sie in dieser Hinsicht ein Musterbeispiel ist.

DW: Lindita Arapi, Sie sind in Albanien aufgewachsen, leben seit mehr als 15 Jahren in Deutschland. Wenn Sie Ihren Kindern von Albanien erzählen - was kommt Ihnen da zuerst in den Sinn?

Lindita Arapi: Für meine Kinder ist Albanien das Land, in dem sehr oft die Sonne scheint. Sie kennen es durch unsere Besuche, durch die Sprache und durch ihre Großeltern, die dort leben. Sie lieben den Sommer dort - und die Wassermelonen. Wenn ich vom Albanien meiner Kindheit erzähle, dann versuche ich das ganz behutsam zu tun. Sie können diese Zeit, denke ich, gar nicht nachvollziehen. Eine Zeit, in der man nicht frei sprechen und auch nicht frei denken konnte. Die Menschen haben sich selbst kontrolliert, und das wirkt bis heute nach. Für mich ist Albanien als Erinnerung immer präsent. Ich lebe jetzt in einem anderen Land, in einer anderen Realität. Aber dahinter ist immer die Erinnerung, die schnell aktiviert wird, sei es durch einen Geruch oder durch einen grauen Tag, an dem ich an die Sonne in Albanien denke - und an meine Eltern.

Albanien stand seit 1944 jahrzehntelang unter der kommunistischen Diktatur von Enver Hoxha, das Land und die Menschen waren viele Jahre lang isoliert. Welche Rolle spielt die Vergangenheit dort heute?

Nach der Wende 1990 gab es eine Zeit, in der vor allem nach vorn geschaut wurde. Es war allen bewusst, dass es eine große Wunde gibt. Aber man wollte diese Wunde nicht zeigen. Albanien ist heute das einzige Land, das die kommunistischen Akten nicht geöffnet hat. Die Gesellschaft ist gespalten. Einige sagen: Ja, man muss die Akten öffnen. Andere sagen: Nein, wir müssen einen Schlussstrich ziehen und nach vorn schauen.

In den Zeitungen werden regelmäßig Artikel über die Zeit damals veröffentlicht, aber es sind keine kritischen Auseinandersetzungen, sondern lediglich Erinnerungen, eine Wiedergabe der Fakten, sofern es Fakten sind. Die Zeitungen benutzen das als Verkaufsköder, denn das Interesse der Menschen ist auf jeden Fall da. Sie wollen wissen, was damals passiert ist, wollen verstehen. Es gibt Intellektuelle, die sich damit auseinandersetzen und die Frage stellen, warum es dem Land 50 Jahre lang nicht möglich war, sich zu befreien. Aber es ist nicht so, dass die Medien kritisch darüber berichten.

In Ihrem Roman "Schlüsselmädchen", einer Familiengeschichte, die eng mit der Geschichte Albaniens unter Enver Hoxha verknüpft ist, lebt die Hauptfigur mit einer Art Gespenst, das ihr jede Nacht erscheint, und das ihr überallhin folgt. Bis sie schließlich beschließt ihrer Vergangenheit nachzugehen. Ist ihr Buch eine Aufforderung an die albanische Gesellschaft, sich der eigenen Geschichte zu stellen?

Ja, so kann man es verstehen. Dieser Schatten, das ist der Schmerz der Vergangenheit. Es ist ein Appell, die Wunde zu zeigen, denn die Zukunft ist keine freie Zukunft, wenn man eine solch schwere Vergangenheit mit sich trägt. Die Geschichten müssen erzählt werden. Dabei geht es nicht um Rache, sondern um das Weitergeben an die nächste Generation, um eine Brücke zu schaffen für die Zukunft. Diese Rolle hat der Geist in dem Roman. Er löst sich auf, als das Erzählen beginnt.

Haben Sie Reaktionen auf das Buch in Albanien bekommen?

Das Buch ist dort zum Buch des Jahres gewählt worden. Das war für mich eine sehr positive Überraschung. Aber es gab auch andere Stimmen, die sagten: "Warum soll man sich noch mit dieser Zeit beschäftigen? Warum schreibt ihr Autoren nicht über das, was jetzt geschieht?" Natürlich kann man darüber auch schreiben. Aber ich denke die albanische Gesellschaft hat noch immer ein Problem mit der Vergangenheit. Sie hat noch nicht damit abgeschlossen. Darum schlägt man den Bogen immer wieder zurück.

War das Schreiben des Buches auch für Sie selbst Teil einer Aufarbeitung?

Ja, im Grunde schon. Ich habe mehrere Jahre an dem Roman gearbeitet. Es war für mich eine Zeit, um eine Phase abzuschließen. Für mich war dieses Thema der Demütigung des Individuums sehr wichtig. Und ich habe gemerkt, dass es mir gut tat zu schreiben. Plötzlich schafft man eine Realität, die nicht mehr da ist, und dadurch versteht man viele Dinge besser. So ging es mir zumindest.

Auch in Deutschland spielt das Thema Vergangenheitsbewältigung eine große Rolle, im Osten wie im Westen. Hat die Tatsache, dass Sie hier in Deutschland leben, eine Rolle gespielt beim Schreiben des Romans?

Klar. Ich war positiv beeindruckt und sehr enttäuscht, dass man in Albanien die Vergangenheit vertuscht und nicht bereit ist, sich ihr zu stellen, um zu verstehen. Deutschland hat das getan. Ostdeutschland hatte das Glück, dass Westdeutschland Erfahrung hatte im Umgang mit einer sehr schwierigen Vergangenheit. Albanien hatte das nicht. Mir selbst hat es geholfen zu sehen, bis zu welchen Schichten man vordringen kann, wie man in der Wunde wühlen kann, obwohl es schmerzt. Und dann bereit ist, seine eigene Schuld zu akzeptieren und trotzdem in die Zukunft zu schauen. Das ist großartig. Wir haben das in Albanien nicht so gemacht, es ging nicht. Albanien ist eine ganz junge Demokratie. Diese Erfahrung, wie Deutschland sie hat, konnte Albanien nur mit Hilfe von außen machen.

In ihrem Roman thematisieren Sie auch die in manchen Gebieten noch praktizierte Blutrache. Welche Rolle spielen die alten Strukturen im heutigen Albanien?

Albanien ist eine Gesellschaft der Extreme. Man findet europäische Lebensart in Städten wie Tirana, die einen europäischen Lebensimpuls haben. Aber es gibt auch noch Orte, an denen die Blutrache praktiziert wird. Aber das ist keine generelle Realität des albanischen Lebens. Wenn man in westlichen Zeitungen darüber liest, bekommt man manchmal den Eindruck, als wäre das albanische Leben nur dadurch geprägt. Albanien ist ein "Melting Pot" von Neuem und Altem. Auf der Autobahn kann es vorkommen, dass eine Kuh einer Mercedes-Limousine den Weg versperrt. Es gibt viel Armut, aber auch viele Neureiche. Die Cafés in der Stadt sind voll von Menschen, während auf der Straße Kinder Zigaretten verkaufen. Albanien ist ein junges Volk und alles ist in Bewegung. Genau das ist auch seine Chance.

Lindita Arapi (Jahrgang 1972) wurde in Albanien geboren. Sie studierte Literaturwissenschaft in Tirana und Köln sowie Publizistik mit anschließender Promotion an der Universität Wien. 1996 erhielt sie ein Autorenstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ist Schriftstellerin, Übersetzerin und arbeitet als freie Redakteurin für die albanische Redaktion der Deutschen Welle. Für ihren Roman "Schlüsselmädchen" (Dittrich-Verlag), der jetzt auch in Deutschland erschienen ist, wurde sie in Albanien 2011 zur Schriftstellerin des Jahres ernannt. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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