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Kultur

Arabischer Frühling auf der Buchmesse?

Der politische Umbruch, nicht der Buchmarkt, bestimmt die Gespräche an den arabischen Ständen. Daher verwundert es, wie wenig dieses Thema im offiziellen Programm der Buchmesse präsent ist.

Neuerscheinungen des Merit Verlages aus Ägypten auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: DW/ Nadine Wojcik)

Neuerscheinungen des Merit Verlages aus Ägypten

An Mohamed Hashem kommt der Messebesucher in Halle 5 nicht vorbei. Der ägyptische Verleger ist ein Unikat, der mit ganzem Körpereinsatz spricht, engagiert von der politischen Situation in seinem Land erzählt und dabei auch schon einmal auf den Tisch haut.

Ein Interview mit Mohamed Hashem zu führen ist daher gar nicht so einfach. Ständig kommen Kollegen und Freunde an seinen Stand, umarmen und gratulieren dem Verleger. Mohamed Hashem bekommt in diesem Jahr die Hermann-Kersten-Medaille des P.E.N.-Zentrums Deutschland verliehen. Eine Anerkennung für seinen unerschrockenen Verlag, der bereits seit 1998 Oppositionellen in Ägypten eine Stimme gibt.

Hashems Verlag Merit liegt direkt am Tahrir-Platz, auf dem im Frühjahr die Proteste tobten. Die Verlagsräume seien immer offen für Demonstranten gewesen, erzählt sein Freund und Verleger Sherif Bakr. "Eigentlich war es der Treffpunkt schlechthin." Hier gab es Essen und Trinken, Decken und einen Telefonanschluss, wenn die Handynetze blockiert waren.

Arabische Schriftsteller als treibende Kraft

Der arabische Verleger Mohamed Hashem auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: DW/ Nadine Wojcik)

Verleger Mohamed Hashem

Wenn Mohamed Hashem über diese Zeit spricht, bekommt selbst der Zuhörer Gänsehaut. Immer wieder kommt er auf eine Demonstration 2004 zu sprechen, auf der er mit gerade einmal 50 Mitstreitern gegen das Mubarak-Regime auf die Straße ging. Dass einige Jahre später aus dieser winzigen Menschenansammlung eine Revolution werden würde, dafür findet der Ägypter nur schwer Worte.

"Die Schriftsteller waren und sind eine treibende Kraft des Umbruchs", sagt Mohamed Hasem und springt auf, um einige seiner Titel aus dem Ausstellungsregal zu holen, darunter viele politische Bücher, die sich kritisch mit dem Regime Mubaraks auseinandersetzen. Wie er sein Programm beschreiben würde? "Alle Bücher, die sonst keiner in Ägypten drucken würde", sagt Hasem nicht ohne Stolz und erzählt dabei auch von Zensur und Drohungen.

Das hat er jetzt wohl nicht mehr zu befürchten. Allerdings ist seine Arbeit als Verleger nicht einfacher geworden. Die Märkte der Golfstaaten seien quasi weggebrochen, dort könne er so gut wie gar nichts mehr verkaufen. "Die Golfstaaten fürchten weiterhin die Revolution."

Buchmesse zeigt wenig Engagement

Dass auf der Frankfurter Buchmesse die Vertreter von "mörderischen Staaten" hofiert werden anstatt ausgeladen zu werden, macht Mohamed Hasem wütend. "In Jemen und Syrien ist der Kampf doch noch längst nicht entschieden", sagt er und wünscht sich, die Buchmesse würde hier klare Zeichen setzen. "Zu den aktuellen Entwicklungen gibt es so gut wie keine Veranstaltungen."

Tatsächlich erstaunt es, wie wenig das Thema "Arabischer Frühling" in dem mehrere hundert Seiten dicken Programmheft Platz findet. Dabei sagt selbst Messechef Juergen Boos, dass die Verleger der arabischen Staaten in diesem Jahr vor allem über die Revolution sprechen wollen und nicht wie sonst über Buchgeschäfte. Ein klares Zeichen setzt da wenigstens die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal.

Der Schriftsteller Ali al-Jallawi aus Bahrain auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: DW/ Nadine Wojcik)

Der Schriftsteller Ali al-Jallawi

"Die deutsche Literaturwelt interessiert sich viel zu wenig für unsere Situation", beklagt auch Ali al-Jallawi. Der Schriftsteller aus Bahrain ist nur durch eine Verkettung glücklicher Zufälle auf der Buchmesse gelandet. Zweimal schon saß er in seinem Land im Gefängnis, das erste Mal nachdem er auf einer oppositionellen Veranstaltung ein kritisches Gedicht vorgetragen hatte – damals war er gerade einmal 16 Jahre alt. Als sich die Situation in den vergangenen Monaten in Bahrain wieder zuspitzte, nutze al-Jallawi die Einladung zu einem Literaturfestival zur Flucht. Bei der Zwischenlandung in London, fragte er gleich bei der Passkontrolle nach politischem Asyl und landete für einen Monat im Transit.

Arabische Schriftsteller brauchen Unterstützung

Dort holte ihn das deutsche P.E.N.-Zentrum heraus, indem es ihm über eine Partnerorganisation ein Schriftstellerstipendium in Weimar organisierte. Hier kann der 36-Jährige nun zumindest bis Ende des Jahres für insgesamt sechs Monate an seinen Romanen schreiben – was danach kommt, bleibt ungewiss. Das Buch, an dem er gerade schreibe, spiele aber weiterhin in Bahrain. "Wir Schriftsteller sind doch der Spiegel der Ereignisse."

Ali al-Jallawi ist einer von 28 Schriftstellern, die mit Hilfe des P.E.N.-Programms "Writers-in-Exile" eine Zuflucht auf Zeit in Deutschland gefunden haben. "Diese Schriftsteller tun den Ländern, die sie aufnehmen, einen Gefallen – nicht umgekehrt!" sagte der Präsident von P.E.N. International, John Ralston Saul, und beschrieb, wie mutig, engagiert und leidenschaftlich diese Autoren seien, die häufig unter Einsatz ihres Lebens an Gedichten und Büchern arbeiteten und damit eine Bereicherung für jede Gesellschaft seien.

Mit den Umbrüchen in den arabischen Staaten sei das Engagement von P.E.N. künftig auf keinen Fall beendet, sagte Johano Strasser, Präsident des P.E.N.-Zentrums Deutschland. "Im Gegenteil: Wir arbeiten nun umso enger mit den Ländern zusammen." Schließlich bräuchten Schriftsteller und Verleger gerade jetzt, wo sich die arabischen Gesellschaften öffnen und um eine demokratische Konsolidierung kämpfen, internationale Unterstützung. Ein solches klares Statement hätte man sich auch von der Frankfurter Buchmesse gewünscht.

Autorin. Nadine Wojcik
Redaktion: Gudrun Stegen

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