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Transsexuelle

Arabische Transsexuelle in Angst - sogar in Berlin!

Transsexuelle gibt es auch in arabischen Ländern - doch ihre Identität können sie dort nicht offen ausleben. Selbst in Deutschland müssen sie Anfeindungen befürchten, schreibt die Journalistin Rasha Hilwi.

Vor einigen Tagen traf ich in Berlin zufällig zwei transsexuelle arabische Frauen. Den Begriff "transsexuelle Frauen" werde ich fortan benutzen, weil er diese Frauen nach ihrem eigenen Empfinden am besten beschreibt.  Interessant für mich als eine in Deutschland lebende Araberin ist dabei die leichte Begriffsverschiebung, die das Deutsche und das Arabische bei der Beschreibung des Phänomens erkennen lassen: Während der Begriff "Trans" in der deutschen Debatte einen Raum jenseits der tradierten Geschlechterauffassungen bezeichnet, impliziert das Arabische ganz direkt die Vorstellung des "sich Verwandelns" oder "sich Veränderns".

Die Berliner Nichtregierungsorganisation GLADT - sie beschreibt sich selbst als "Selbstorganisation von Schwarzen und of Color Lesben, Schwulen, Bisexueller, queerer und Trans*Personen" - kümmert sich unter anderem um die Belange transsexueller Menschen. Sie definiert "Transsexualität" als sexuelle Identität, die sich von jener unterscheidet, die eine Person durch ihre Geburt erhalten hat. Das transsexuelle Geschlecht ist also jenes, auf das eine Person ihre Identität aus freien Stücken gründen will. Das deutsche Recht schützt Schwule, Lesben und Transsexuelle und ächtet jede Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Identität.

Aggressive Landsleute in Berlin

Meine beiden Gesprächspartnerinnen leben seit ungefähr zwei Jahren in Berlin. Sie sind aus verschiedenen arabischen Städten geflohen, aus Orten, die seit Jahren zerstört sind. Unser Gespräch kreiste um die Frage persönlicher Freiheit und Sicherheit sowie die Frage, wie sie ihre transsexuelle Identität in Berlin im Vergleich zu den Möglichkeiten in ihren jeweiligen Heimatländern zum Ausdruck bringen.

arabisch Kolumnistin Rasha Hilwi (DW/Rasha Hilwi)

DW-Kolumnistin Rasha Hilwi

Zum Beginn erzählten sie mir von einem kleinen Vorfall, der ihnen zuletzt in Berlin widerfahren ist. "Wir warteten auf einen Bus. Und natürlich unterhielten wir beide uns dabei auf Arabisch. Plötzlich kam eine Gruppe Jugendlicher und fragte uns, ebenfalls auf Arabisch, was wir hier täten. Einer schrie uns auf aggressive Weise an: 'Was tut Ihr hier? Ihr seid Araber! Warum verhaltet ihr Euch wie Frauen?!'"

Die beiden transsexuellen Frauen ziehen aus solchen Erlebnissen Konsequenzen: "Wir gehen nur an Orte, in denen wir akzeptiert werden, wo man uns versteht. So vermeiden wir, dass Leute über uns tuscheln. Immer, wenn wir das Haus verlassen wollen,  warten wir auf den ersten des Monats. Dann haben wir Geld und können Taxi fahren, anstatt öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen. Dann haben wir keine Angst."

Ein Leben in Angst

Das Wort "Angst" taucht in der Unterhaltung immer wieder auf. Eine der beiden erzählt mir, das Gefühl sei zutiefst bei ihnen verwurzelt. Angst haben sie nicht nur einmal im Monat, einmal in der Woche oder auch nur einmal am Tag - Angst begleitet sie immer, in jedem Moment. Sobald sie aus dem Haus gehen und sich im öffentlichen Raum befinden, haben sie Angst. Man kommt aus seiner Haut nicht heraus.

Menschen verlassen ihre Heimat entweder gezwungenermaßen oder freiwillig, je nach den Lebensumständen. Die beiden transsexuellen Frauen, mit denen ich sprach, sind geflohen, weil sie Ruhe und Sicherheit suchten. Diese hofften sie in Berlin zu finden. Dort, nahmen sie an, könnten sie ihre Identität so ausleben wie andere Menschen auch.

"Ich hätte nicht erwartet, dass ich in Berlin mit derselben Angst leben würde wie in meiner Heimat", sagt nun eine von ihnen. "Ich hatte erwartet, dass ich in Berlin ohne weiteres in Frauenkleidern aus dem Haus gehen könnte, mit hohen Absätzen und geschminkt. Stattdessen muss ich mich beschimpfen lassen. Hier in der Nähe gibt es ein arabisches Restaurant. Aber ich besuche es nicht, denn ich habe vor den Leuten dort Angst. Deshalb mache ich immer einen großen Bogen um diesen Ort", berichtet sie.

Türkei LGBT Mitglieder Protest Tötung Transsexueller (Getty Images/AFP/O. Kose)

Weltweite Demonstration für die Rechte Homo- und Transsexueller. Hier ein Protestzug in Istanbul, 2016

Männliche Bevormundung? Nein danke!

Ich selbst habe in letzter Zeit viel über persönliche Freiheitsrechte und den öffentlichen Raum geschrieben. Ich fühle mich für diese Themen verantwortlich. Ich finde es wichtig, dass jeder Mensch frei ist, seinen eigenen Lebensstil zu wählen, zu tun und zu lassen, was er will. All dies ist Ausdruck menschlicher Freiheit. Zugleich weiß ich, dass Freiheit auch auf juristischen und sozialen Schutz angewiesen ist. Das gilt vor allem für die arabischen Gesellschaften. 

Umso schlimmer ist es, wenn einige Araber sich durch diese Freiheiten anscheinend in ihrer Existenz und in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen und darum meinen, sie hätten das Recht, das Leben anderer Menschen ungefragt zu kommentieren. So sind sie etwa überzeugt, sie hätten das Recht, sich etwa bei Kleidungsfragen in das Leben der Frauen einzumischen, ihnen vorzuschreiben, was sie tragen sollen und was nicht.

Solche Männer meinen, transsexuelle Frauen verletzten allein durch ihren Auftritt und ihre Präsenz die arabischen Sitten und Traditionen - in dem Sinn, wie diese Männer sie verstehen. Als würden sie ernsthaft daran glauben, dass die nicht endenden Tragödien, die wir Araber durchleben, von einer Handvoll Personen verursacht wurden, die so leben, wie sie leben wollen, durch Personen, die es wagen, ihre Identität auszuleben.

Kein sicherer Ort für Transsexuelle

"Es gibt in der gesamten Welt keinen sicheren Ort für Transsexuelle", sagt eine ebenfalls in Berlin lebende Freundin, die Homosexuelle und Transsexuelle sozial und politisch gegen Diskriminierung unterstützt. "Für mich selbst gibt es zwar keine andere Stadt, die mir ein derartiges Sicherheitsgefühl wie Berlin vermittelt. Und in einer wirtschaftlich und politisch stabilen Umgebung fällt Diskriminierung auch nicht ganz so stark aus wie anderswo. Aber ganz verschwindet die Diskriminierung nie."

Transsexuelle leben nicht isoliert, sondern in gesellschaftlichen Zusammenhängen, vor allem zunächst einmal in ihren Familien. Dort, in der Familie, erfahren sie oft zum ersten Mal, dass  ihre sexuelle Identität abgelehnt wird. So erfahren sie sehr früh, was es heißt, transsexuell zu sein. Ganz besonders gilt das für arabische Transsexuelle. Sie kommen aus einer Region, deren öffentliche und private Räume von einer aggressiven Männlichkeit beherrscht wird, die die Straßen ebenso wie die Gesetze beherrscht. Selbst wenn sie von zu Hause fliehen, nützt ihnen das oft nichts.

Auf der Suche nach Sicherheit

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Miss Trans Israel: Befreit aus dem "falschen" Körper

Darum suchen gerade transsexuelle Frauen aus dem arabischen Raum Schutz an Orten, an denen sie sich sicher fühlen und ihre persönliche Identität ausleben können. Viele entscheiden sich für weit entfernte Städte oder Länder wie Deutschland. Die Verfassungen solcher Länder stellen alle Menschen unter Schutz, die aufgrund von Homo- oder Transsexualität in ihrer Heimat politisch verfolgt oder bedroht werden.

"Ich gehe dorthin, wo ich mich sicher fühle", sagt eine der beiden arabischen Transsexuellen. "Sicherheit und andauernde Wanderschaft hängen in meinem Leben auf das engste zusammen." Es tut weh, sich vorzustellen, was insbesondere arabischen Transsexuellen widerfahren kann. Es schmerzt, von Menschen zu hören, die unterdrückt werden, weil sie ihre individuelle Freiheit ausleben und ihren persönlichen Entscheidungen folgen. Genau darum finde ich, die Freiheit homo- oder transsexueller Menschen ist eine grundlegende Säule der Würde, Freiheit und Menschenrechte.

Es gibt Gesellschaften, die in Richtung dieses Ideals aufgebrochen sind, und es gibt die Hoffnung, dass auch die arabische Gesellschaften eines Tages die persönlichen Freiheiten anerkennen und schützen werden, wo auch immer. Die transsexuellen arabischen Frauen, die ich hier in Berlin kennen gelernt habe, verlangen nichts mehr, als dass man sie ganz einfach in Ruhe lässt. Dass man sie so sein lässt, wie sie sind.

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