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Kultur

Apokalypse im Selbstversuch

Finanz-, Euro- und Staatenkrise - die Autorin Greta Taubert hat Untergangsmeldungen satt. Und macht sich unabhängig: Sie lernt, wie man Gemüse anbaut, jagt oder aus Müll Kleider und Möbel herstellt.

Autorin Taubert mit Pfeil und Bogen bei der autarken Nahrungsbeschaffung (Foto: privat).

Mit Pfeil und Bogen beschafft sich Greta Taubert ihre Nahrung selbst

Jetzt ist es schon wieder passiert. Die Leipziger Autorin Greta Taubert steht bei Null. Nach ihrer Lesung in Berlin wurde ihre Tasche geklaut - ausgerechnet die Tasche, die sie in ihrem Jahr des selbstgewählten Weltuntergangs so treu begleitet hat. "Da war alles drin: ein Taschenmesser, ein Gaffa-Tape, mit dem man alles Mögliche bauen kann, Waffen-Öl, das mir bei Reparaturen aller Art aber auch bei Mückenstichen geholfen hat. Und natürlich Notfall-Nüsse." Gerade in dem Moment, an dem sie den Selbstversuch und das Buch abgeschlossen hat und sich ihr Leben wieder etwas normalisieren sollte, steht sie ohne alles da.

Jahr der Tiefpunkte und Glücksmomente

Greta Taubert hat ein Jahr der Tiefpunkte hinter sich - und der Glücksmomente. Angefangen hatte es mit einem Gefühl der Angst: Immobilienkrise, Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Eurokrise. Die 30-Jährige wollte nicht mehr auf ein mögliches Ende der Wohlstandsgesellschaft warten: "Ich wollte unabhängig sein, mich von den wunderbar warmen Strukturen der westlichen Komfortzone befreien."

Greta Taubert, Autorin (Foto: Stephan Pramme).

"Weltuntergang macht glücklich - und 20 Kilo leichter"

Ihr apokalyptischer Selbstversuch startet mit der Ernährung. Zunächst legt sie sich einen Notvorrat an, entsprechend den Empfehlungen der Bundesregierung. Zwei Wochen lang ernährt sie sich nur von Gemüse aus Konservendosen, von Reis und Schmelzkäse - eine ziemlich eintönige Kost. Sie entscheidet sich, selbst Gemüse anzubauen, züchtet Pilze im Keller, sucht nach Obstbäumen im Umland, geht bei einem Jäger in die Lehre und landet schließlich bei der Urkost: Sie isst nur noch Früchte und Wildkräuter, die sie selbst im Park und im Wald sammelt. Das geht an die Substanz. Greta Taubert nimmt 20 Kilo ab. "Als ich immer dünner wurde, meinten meine Freunde: Greta, Du bist ja ganz ausgemergelt!" Im Laufe ihres Selbstversuchs sei aber noch etwas anderes passiert. "Plötzlich sagten meine Freunde: Was ist denn los? Du strahlst ja so!"

Schluss mit dem Hyper-Konsum!

Einen Tag nach ihrer Lesung treffe ich Greta Taubert im Tiergarten. Für Berliner ist der Park ein Ort der Naherholung, für die Autorin ein großes Experimentierfeld. "Unter dem Laub finden sich bestimmt einige essbare Pilze. Und vielleicht sprießen auch schon die ersten Wildkräuter." Wenn es hart auf hart kommt, gäbe es hier vor allem richtig viel Platz, um Gemüse anzubauen. "Dieser Ort hier ist ein Gemeingut. Und warum auf Krisenzeiten warten, wenn wir schon jetzt diesen Park gemeinsam gestalten könnten?"

Greta Taubert auf der Suche nach Kleidung (Foto: privat).

Nahrung und Kleidung sucht Greta Taubert in Containern

Greta Taubert hat Lust auf Veränderungen - und diese Freude ist in ihrem Buch "Apokalypse Jetzt!" deutlich zu spüren. Statt ein düsteres Weltuntergangsszenario zu entwerfen, wandert sie genüsslich von Experiment zu Experiment. Sie kauft nicht mehr im Supermarkt ein und tritt in einen Konsumstreik: Taubert kauft ein Jahr lang nur noch das Nötigste. Sie setzt sich an die Nähmaschine, besucht Tauschbörsen und Schrottplätze. Auf den Wahnsinn des Überflusses reagiert sie mit dem "Containern": Sie taucht ab in die Müllcontainer von Supermärkten und Bäckereien und fischt darin nach Lebensmitteln.

Bis an die Grenzen

Um Greta Tauberts Hals baumelt ein goldener Deckel eines Apfelmus-Glases. "Obwohl ich so viel Materielles abgelegt habe, hat mich dieses Jahr unglaublich reich gemacht", sagt Taubert und spielt mit ihrer selbstgebastelten Deckel-Kette.

Greta Taubert im Berliner Tiergarten (Foto: Nadine Wojcik)

Greta Taubert im Berliner Tiergarten

Dazu gehören auch extreme Erfahrungen, denen sie sich freiwillig ausgesetzt hat. So quartierte sie sich für mehrere Tage in einen Bauwagen und später auch in eine einfache Hütte im Wald ein. Ob sie auch Situationen erlebt habe, in denen sie nicht mehr weiter wusste und abbrechen wollte? "Ständig", platzt es aus Greta Taubert heraus. "Es gab unterschiedliche soziale, körperliche und psychische Herausforderungen. Manchmal kamen sie einzeln hintereinander, manchmal alle zusammen."

Gemeinsam durch den Weltuntergang

Was sie überraschte: In jeder Notsituation gab es Menschen, die ihr weiterhalfen - mit einer Couch zum Übernachten, einer Mitfahrgelegenheit oder mit Essen. Der Weltuntergang auf Probe macht ihr klar: Ohne ein Miteinander geht es nicht.

Den ständigen Konsum ersetzt das Gemeinschaftsgefühl: beim Gärtnern, beim Kleidertauschen, beim Trampen. Greta Taubert will ihr Buch aber nicht als einen mahnenden Zeigefinger verstanden wissen, sondern als Einladung: "Dadurch, dass ich so viel Freude empfunden und so ein Glücksgefühl entwickelt habe, möchte ich mit meinem Buch jeden mitnehmen, der dem Hyper-Konsum etwas entgegen stellen will."

Zum Weiterlesen: "Apokalypse Jetzt! Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite", Eichborn Verlag 2014, 281 Seiten, ISBN: 978-3-8479-0540-0

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