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Afrika

Apartheid-Opfer fordern Entschädigung

Sechzehn Jahre nach Ende der Apartheid wurden die meisten Opfer der Rassentrennung noch immer nicht entschädigt. In den Townships Südafrikas hilft ihnen die Khulumani Support Group. Sie klagt auch gegen deutsche Firmen.

Schild mit der Aufschrift 'White Area'

Erinnerung an die Apartheid

Es ist heiß an diesem Sonntag im Township Tokoza im East Rand bei Johannesburg. Rund 100 Aktivisten der Organisation Khulumani Support Group marschieren trotz der Hitze singend und Parolen skandierend durch die Straßen der Armensiedlung. Sie verlangen Auskunft über ihre während der Zeit der Apartheid verschwundenen Angehörigen und sie fordern Entschädigung für das Unrecht, das ihnen angetan wurde. Khulumani ist ein Zulu-Wort und bedeutet: sprich es aus! So nennt sich eine Graswurzel-Organisation aus den Townships Südafrikas, die sich für die Opfer der Apartheid einsetzt und Entschädigungen einfordert.

Demonstration im Township

Nomarussia Bonase (Foto: Marx)

Nomarussia Bonase

An der Spitze des Zuges marschiert Nomarussia Bonase, eine energische und fröhliche Mittvierzigerin, Mutter mehrerer Kinder, Aktivistin, Streetworkerin und lokale Vorsitzende von Khulumani. Immer wieder bleibt sie stehen, reckt die Faust in die Luft und ruft ihre Forderungen durch ein Megaphon. "Wir wollen die Wahrheit wissen!" ruft sie aus und erhält dafür den Beifall von Demonstranten und Passanten. Sie wollen, dass die Regierung aufklärt, was aus ihren Familienangehörigen geworden ist, die in der Zeit der Apartheid spurlos verschwunden sind. Die meisten von ihnen wurden von der Polizei verhaftet und verschleppt und danach vermutlich getötet und in einem Massengrab verscharrt. Rund 2000 Personen sind allein aus den Townships des East Rand verschwunden, sagen die Aktivisten von Khulumani. In dieser Gegend kam es in den Jahren vor dem Ende der Apartheid zu besonders heftigen Gewaltausbrüchen. In den Zusammenstößen mit der Polizei und zwischen der Inkatha Freedom Party und dem ANC wurden in zwischen 1990 und 1994 mindestens 3000 Menschen getötet.

Opfer der Apartheid

Judith Kanyesilimavoso (Foto: Marx)

Judith Kanyesilimavoso

Die meisten Demonstranten sind Frauen, viele von ihnen alt und gehbehindert, einige ältere Männer sind auch dabei. Sie alle sind Opfer der Apartheid und sie alle fühlen sich im neuen Südafrika schlecht vertreten und durch die Regierung stiefmütterlich behandelt. Zum Beispiel Judith Kanyesilimavoso. Als Schülerin beteiligte sie sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts an Jugendprotesten gegen das Apartheidregime, sie wurde festgenommen, misshandelt und vergewaltigt. Sie erinnert sich noch genau an den 18. Juni 1976, als sie von Sicherheitskräften aufgegriffen und krankenhausreif geschlagen wurde. "Sie packten mich, warfen mich zu Boden, traten und schlugen mich. Meine Kleider wurden zerrissen, mein Gesicht war geschwollen und voller Blut", berichtet sie.

Jahrelang konnte Judith nicht über das sprechen, was ihr im Polizeigewahrsam angetan wurde. Bis sie Nomarussia Bonase traf, die in den neunziger Jahren selbst ein Opfer der Gewalt wurde. Ihr Bruder wurde damals getötet, seine Leiche fand die Familie erst zwei Wochen später. Nomarussia war die erste, die Judith zuhörte und die ihr half, das Geschehene zu verarbeiten. "Es war schwer, darüber zu sprechen", sagt Judith heute. Selbst ihren Eltern konnte sie nicht erzählen, was ihr widerfahren war. Sie habe sich geschämt, dass sie von mehr als acht Männern vergewaltigt worden sei. Erst die Frauen von Khulumani hätten ihr Selbstvertrauen und Lebensmut zurückgegeben.

Khulumani Support Group

Khulumani-Demo August 2009 im Township Togoza bei Johannesburg (Foto: Marx)

Khulumani-Demo

Die Khulumani Support Group, die von Medico International und der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt wird, kümmert sich um die Überlebenden und ihre Familien mit psychologischer Unterstützung, praktischer Hilfe und Rechtsbeistand. "Wir wollen aus den Opfern Überlebende und Sieger machen", sagt Nomarussia. "From victims to victors" – so lautet das Motto von Khulumani: Aus Opfern werden Sieger.

Nahezu 60.000 Mitglieder hat die 1995 gegründete Organisation inzwischen. Sie ist eine Stimme, die nicht mehr überhört werden kann. Und sie fordert von der eigenen Regierung Anerkennung für die Opfer. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die nach dem Ende der Apartheid eingerichtet wurde, um die Verbrechen in der Zeit der Rassentrennung aufzuklären und die südafrikanische Gesellschaft zu versöhnen. Den Tätern, die bereit waren auszusagen, gewährte die Regierung Amnestie. Die Opfer jedoch seien vergessen worden, so Nomarussia.

Klage gegen deutsche Firmen

Ein Daimler-Firmenschild mit der Aufschrift 'Daimler Konzernzentrale' steht vor dem Werk Untertürkheim in Stuttgart (Foto: dpa)

Auch gegen Daimler läuft eine Klage

Anerkennung und Versöhnung jedoch reichen den Aktivisten von Khulumani nicht. Sie fordern außerdem Entschädigung für die Opfer und dies nicht nur von der eigenen Regierung, sondern auch von den ausländischen Firmen, die in der Zeit der Apartheid in Südafrika Geschäfte gemacht haben. Zum Beispiel die deutschen Unternehmen Daimler und Rheinmetall, die Fahrzeuge und Waffen an die südafrikanische Polizei und Armee geliefert haben sollen, die auch bei der Niederschlagung von Aufständen in den Townships zum Einsatz kamen.

Im letzten April nahm ein New Yorker Bezirksgericht die Klage von Khulumani und anderen gegen Daimler, Rheinmetall und drei weitere ausländische Firmen an. Im September entschloss sich die neue Regierung Südafrikas unter Präsident Jacob Zuma, die Klage zu unterstützen. Die Bundesregierung dagegen will die Zuständigkeit des New Yorker Gerichts nicht anerkennen und verweist auf negative Auswirkungen von Menschenrechtsklagen auf den internationalen Handel.

Im Township bei Johannesburg

Zurück ins Township Tokoza bei Johannesburg. Hier ist der Demonstrationszug inzwischen in der örtlichen Turnhalle angekommen. Die Menschen sind erschöpft von dem Marsch unter der sengenden Sonne. Doch trotz ihrer Müdigkeit halten sie hier noch eine Kundgebung ab. Immer mehr Demonstranten stoßen dazu, die Turnhalle füllt sich, Transparente und Plakate werden aufgehängt. Nomarussia Bonase geht zum Mikrofon und stimmt ein Kampflied an. Alle springen auf und bewegen sich im Rhythmus der Musik und skandieren ihre Forderung: Anerkennung und Entschädigung für die Opfer der Apartheid!

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Klaudia Pape

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