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Fokus Osteuropa

Antisemitismus in Russland latent stark

In Russland gehen antisemitische Stimmungen zurück. Die Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft richte sich immer stärker gegen Kaukasier und Zentralasiaten, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Synagoge auf dem Begrüßungsberg in Moskau (Foto: RIA Novosti)

Synagoge auf dem Begrüßungsberg in Moskau

Antisemitische Ansichten würden heute drei Prozent der Russen vertreten, was der niedrigste Wert seit 20 Jahren sei, sagte der Generalsekretär des Euro-Asiatischen Jüdischen Kongresses, Michail Tschlenow. Doch dies bedeute nicht, dass Antisemitismus in der russischen Gesellschaft wohl jemals vollständig ausgemerzt werden könne, behauptet der Experte. In Russland sei der latente Antisemitismus immer noch stark, betonte Tschlenow. Wenn es Spannungen in der Gesellschaft gebe, soziale, wirtschaftliche oder politische Turbulenzen, dann nehme der Antisemitismus sprunghaft zu.

Portrait von Michail Tschlenow (Foto: DW)

Michail Tschlenow, Generalsekretär des Euro-Asiatischen Jüdischen Kongress

So sei es zum Beispiel im Oktober 1993 gewesen, als über 17 Prozent der Russen Juden für die blutige politische Krise verantwortlich gemacht hätten. Damals hatte Präsident Boris Jelzin in einem Machtkampf mit dem Parlament, das sich einer neuen Verfassung verweigerte, die Armee eingesetzt. Beim Beschuss des Parlamentsgebäudes gab es zahlreiche Tote und Verletzte. Und während der schweren Wirtschaftskrise von 1998, die in Russland durch massiven Kapitalabfluss ausgelöst wurde, hätten 32 Prozent der Bürger des Landes antisemitische Ansichten vertreten, erinnert sich Tschlenow.


Kaukasier und Zentralasiaten im Visier

Portrait von Semjon Tscharnyj (Foto: DW)

Semjon Tscharnyj von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Der Leiter der russischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Wladimir Nowizkij, weist darauf hin, dass Antisemitismus in Russland zwar zurückgehe, Fremdenfeindlichkeit aber zunehme. Der Hass von Nationalisten richtet sich inzwischen weniger gegen Juden, dafür aber immer stärker gegen Menschen, die aus dem Kaukasus und Zentralasien stammen, stellten die Experten fest.

Überdurchschnittlich hoch sei die Fremdenfeindlichkeit unter russischen Polizeibeamten. Aber auch hier zeigt die Studie der Expertengruppe der jüdischen Gemeinde in Russland eine positive Tendenz. "Es gibt nach wie vor Fälle, wo Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden mit Nationalisten zusammenarbeiten", sagte der Koordinator der Expertengruppe, Semjon Tscharnyj. Inzwischen gebe es aber immer weniger solcher Fälle, da Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus in den Sicherheitsbehörden Russlands gezielt bekämpft würden.


Wachsende Israel-Feindlichkeit

Portrait von Andrej Glozer (Foto: DW)

Andrej Glozer, Pressesprecher des Oberrabbiners für Russland

Eine neue Entwicklung, so die Experten, sei eine wachsende antiisraelische Stimmung in der russischen Gesellschaft. Andrej Glozer, Pressesprecher des Oberrabbiners für Russland, sagte, antiisraelische Ansichten hätten sich in den vergangenen Jahren in Russland im Zusammenhang mit der "Operation Gegossenes Blei" im Gazastreifen verstärkt. Unter diesem Namen hatten israelische Streitkräfte Ende 2008 eine Militäroperation gegen Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen geführt.


Autor: Jegor Winogradow / Markian Ostaptschuk

Redaktion: Bernd Johann