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Europa

Antisemitismus in Griechenland

Eine neue Studie erforscht den stark ausgeprägten Antisemitismus in Griechenland. Vorurteile sind weit verbreitet, quer durch die politischen Lager im Land. Man stellt aber auch einen Wandel fest.

Antijüdische Graffiti Antisemitismus in Griechenland (AFP/Getty Images/L. Gouliamaki)

Antijüdische Graffiti auf dem Holocaustmahnmal in Thessaloniki

2014 veröffentlichte die US-amerikanische Anti-Defamation League (ADL) die Ergebnisse einer Umfrage in der weltweit die Haltung gegenüber Juden untersucht wurde. Das Überraschende an dieser Untersuchung für Europa war, dass nicht in Ländern wie Polen, Ungarn oder die Ukraine die meisten antisemitische Vorurteile, Ressentiments und Stereotypen unter der Bevölkerung verbreitet sind, sondern mit 69 Prozent in Griechenland. Im Land selbst wurde die Seriosität der Untersuchung in Frage gestellt. Doch jetzt kommen griechische Wissenschaftler von der Mazedonien-Universität (Thessaloniki) und der University of Oxford zu ähnlichen Aussagen. Die Studie wurde im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erarbeitet und in Berlin vorgestellt.

Heinrich-Böll-Stiftung Berlin - Vorstellung Studie Antisemitismus in Griechenland | Leon Saltiel (DW/P. Kouparanis)

Leon Saltiel: "Antisemitismus ist im Land populär"

In mehreren repräsentativen Umfragen, an denen rund 1000 Personen teilnahmen, ging es um drei zentrale Fragen. Etwa 75 Prozent der Befragten waren sich sicher, dass die Juden den Holocaust für sich ausnutzen würden. Rund 65 Prozent fanden, dass Israel die Palästinenser genau so behandelt, wie die Nazis die Juden. Und sogar 71 Prozent sind davon überzeugt, dass Juden "Macht besitzen" - entweder als Bürger, als Staat oder als Unternehmer. Solche Ansichten hatten die Teilnehmer der Studie unabhängig vom Geschlecht. Allerdings scheint das Alter eine Rolle zu spielen: je älter jemand war, um so mehr äußerte er antisemitische Ansichten. Dagegen, je höher der Bildungsgrad, um so geringer der Antisemitismus.

Linke und Antisemitismus

Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass der Antisemitismus besonders ausgeprägt bei den Menschen ist, die eine sehr starke Anbindung an die griechisch-orthodoxe Kirche haben. Und je mehr jemand zu Verschwörungstheorien neigt, um so mehr glaubt er, dass die Juden die Welt beherrschen. Das ist nämlich eine weit verbreitete Haltung in Griechenland. "Antisemitismus ist im Land populär", stellt Leon Saltiel fest. Er ist einer der vier Autoren der Studie. "Kaum steigt man in ein Taxi ein, wird sehr oft gegen Juden gewettert." Besonders interessant dabei: in ganz Griechenland gibt es rund 5000 Juden, sie machen 0,05 Prozent der Bevölkerung aus.

ARCHIVBILD Griechenland Partei Goldene Morgenröte Nikolaos Michaloliakos (imago/fosphotos)

Chef der rechtsradikalen Partei "Goldene Morgenröte" Nikolaos Michaloliakos mit Hitlergruß

Die Forscher untersuchten antisemitische Vorurteile auch unter dem Aspekt von politischen und religiösen Überzeugungen. Am höchsten ist der Antisemitismus an den politischen Rändern – sowohl Rechts als auch Links. Am wenigsten finden sich antisemitische Ansichten in der politischen Mitte, vor allem bei gemäßigten Linken. Während Antisemitismus ein Bestandteil der rechtsextremen Ideologie ist, liegt die Ursache für die antisemitische Haltung bei Linken im Antizionismus, der von der Haltung zu Israel bestimmt wird. "Die Kritik gegen den jüdischen Staat ist in Griechenland manchmal maßlos", konstatiert Leon Saltiel. "Sobald eine Krise im Nahen Osten ausbricht, werden in den Medien die Israelis als Nazis dargestellt. Dadurch wird nicht nur der Holocaust relativiert und seine Bedeutung minimiert. Kritik an Israel ist legitim. Wenn aber Juden mit Nazis gleichgesetzt werden, dann ist das Antisemitismus."

Ein Wandel ist spürbar

Die Forscher stellen in ihrer Studie aber auch fest, dass in den letzten Jahren der Antisemitismus in Griechenland konsequenter bekämpft werde. Die griechischen Regierungen nehmen eine klare Haltung gegen Antisemitismus ein, griechische Behörden gehen gegen antisemitische Taten und Äußerungen konsequent vor. Der Holocaust ist Bestandteil des Schulunterrichts, die Zahl griechischer Schulklassen, die jüdische Museen in Griechenland und auch Auschwitz besuchen, sei stark gestiegen.

Holocaust Mahnmal Thessaloniki (picture alliance / AP Photo)

Das Späte Bekenntnis: Holocaust Mahnmal in Thessaloniki

Anlass für diesen Wandel in Griechenland sei der Aufstieg der faschistischen Partei "Goldene Morgenröte", sagt Leon Saltiel. Die demokratischen Kräfte des Landes seien zu der Erkenntnis gekommen, so der Forscher, dass man ihre menschenverachtende Ideologie bekämpfen müsse. "Man hat erfahren müssen, dass die griechischen Nazis ihre Angriffe gegen die Demokratie mit antisemitischen Behauptungen führten, so etwa, dass Griechenland unter jüdischer Herrschaft stehe."

Ein weiterer wichtiger Grund, dass  Antisemitismus in der öffentlichen Meinung immer weniger präsent sei und stärker bekämpft werde, hänge mit der Beziehung zu Israel zusammen. Traditionell pflegte Griechenland jahrzehntelang ein enges Verhältnis zu den arabischen Ländern. Seit einigen Jahren wendet sich Athen aber verstärkt Israel zu. Die Autoren der Studie glauben, dass die immer enger werdenden Beziehungen zwischen beiden Ländern sich immer stärker in der öffentlichen Meinung wiederspiegeln.

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