1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Antisemitismus in der Gesellschaft verankert

Nach Ansicht von Experten sind judenfeindliche Einstellungen in "erheblichem Umfang" in der deutschen Gesellschaft verankert. Der Antisemitismusbericht der Bundesregierung nennt Einzelheiten.

Geschändete Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof (Archivfoto von 1992: dpa)

Geschändete Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof

Ein unabhängiger Expertenkreis hat erstmals einen Antisemitismusbericht erarbeitet. Auf Einladung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse stellten die Fachleute ihre Ergebnisse in Berlin vor. Darin heißt es, Antisemitismus sei in der deutschen Bevölkerung nach wie vor weit verbreitet. Er basiere auf Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und schlichtem Unwissen über Juden und Judentum. Rund 20 Prozent der Deutschen seien "latent antisemitisch", warnten die Forscher um den Londoner Zeithistoriker Peter Longerich.

Allerdings sei nach wie vor der Rechtsextremismus der "wichtigste politische Träger" für Antisemitismus in Deutschland, heißt es in dem Bericht. Rund 90 Prozent der antisemitischen Straftaten seien rechtsextremen Tätern zuzuordnen.

Das Internet spiele bei der Verbreitung von Antisemitismus eine besondere Rolle: Rechtsextreme, Holocaust-Leugner und extremistische Islamisten nutzten das Netz mit großer Selbstverständlichkeit als Plattform für ihre Propaganda. Angesichts der modernen Kommunikationswege sei die Verbreitung dieses Gedankengutes kaum zu unterbinden, sagte Longerich. Dadurch gerate die weitgehende Tabuisierung des Antisemitismus in Gefahr, wie sie bisher Konsens in der deutschen Öffentlichkeit gewesen sei.

"Weit in die Mitte der Gesellschaft"

Doch Antisemitismus sei auch jenseits der rechtsextremen und islamistischen Milieus zu beobachten. Es gebe mittlerweile eine "bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken". Diese basierten auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auch auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum.

Zum Beispiel seien rassistische, rechtsextreme und antisemitische Parolen auch weiterhin auf deutschen Fußballplätzen an der Tagesordnung. Bei der Verbreitung antisemitischer Einstellungen unter der Bevölkerung nehme Deutschland aber im europaweiten Vergleich einen Mittelplatz ein. Zum Teil extrem hohe Antisemitismus-Werte gebe es in Polen, Ungarn und Portugal. Das Expertengremium rief die Politik auf, entschlossene Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Thierse mahnt zu dauerhafter Aufmerksamkeit

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse warnte bei der Vorstellung des Berichts davor, sich mit dem Antisemitismus nur im Zuge spektakulärer Vorfälle zu beschäftigen. Das Thema sei "Zyklen medialer Konjunktur" unterworfen, nötig sei aber eine ständige Befassung damit. "Der Antisemitismus ist ein dauerhaftes Phänomen", sagte der SPD-Politiker.

Nach einem entsprechenden Bundestagsbeschluss hatte die Bundesregierung den Expertenkreis im Jahr 2009 eingesetzt, um verstärkt gegen Antisemitismus vorzugehen. Der Kreis soll regelmäßig Berichte vorlegen.

Autor: Herbert Peckmann/Reinhard Kleber (dpa, dapd, epd, afp)
Redaktion: Stephan Stickelmann

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema